1. Bonn
  2. Stadt Bonn

Bonnerin bringt Brezel und Co. nach Australien

Geschäft in Down Under : Bonnerin bringt Brezel und Co. nach Australien

Die Bonnerin Michelle Roth bietet deutsche Backwaren an der australischen Gold Coast an. Damit hat sie eine Marktlücke entdeckt, denn viele dort lebende Deutsche haben das Brot aus der Heimat vermisst.

Brezeln, Roggenbrote, Teilchen und weitere Klassiker: Als Michelle Roth vor vier Monaten die erste deutsche Bäckerei an der australischen Gold Coast eröffnet hat, ging vielen Kunden das Herz auf. Mit deutschen Mitarbeitern und dem modernen Ambiente einer hiesigen Bäckerei hat die Bonnerin mit ihrem Laden „Brezel“ ein kleines Stück Deutschland in mehr als 16.000 Kilometern Entfernung geschaffen.

„Viele betreten den Laden und sagen direkt, es sieht nicht nur aus wie eine deutsche Bäckerei, sondern riecht und schmeckt auch genauso“, freut sich Roth. „Gerade jetzt, wo wir Europäer wegen Covid nicht mal eben nach Hause fliegen können, fehlt vielen die deutsche Backware. Mit unserer Bäckerei bringen wir ein Stück Heimat nach Australien“, sagt die Bonnerin, die vor elf Jahren gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten beschloss, an die australische Südostküste zu ziehen.

Das Bäckerhandwerk war keineswegs schon immer ihre Expertise. In Bad Honnef absolvierte die heute 35-Jährige damals ihr Bachelorstudium im Event Management. Einen Master in Marketing Management wollte sie gerne in Australien beenden, auch weil ihre Begeisterung von ihrer Zeit beim Work-and-Travel noch nachhallte. Nach einigen Jahren in der Branche sollte eine neue Herausforderung her. „Nachdem unser zweites Kind zur Welt kam – ich war noch fest angestellt –, wollte ich mir gerne etwas Eigenes aufbauen“, berichtet Roth von ihrer Idee zur Selbstständigkeit.

Angesichts der rund 30.000 Deutschen, die an der Gold Coast leben, fand sie schließlich eine Marktlücke. „Weil ich von sogenannten deutschen Brezeln und anderem Gebäck in Australien ziemlich enttäuscht wurde, auch weil die Getreidekörner hier anders gedeihen als in Europa, wollte ich authentische Backwaren anbieten.“ Folglich nutzte sie die Zeit im Mutterschutz, um einen Business-Plan zu erarbeiten. „Ein Jahr lang habe ich recherchiert, verglichen und Marktumfragen gemacht, um zu schauen, ob sich das Konzept wirklich lohnt“, berichtet Roth.

Hohe Nachfrage, aber teure Lieferung per Container

Die Nachfrage war hoch, auch wenn die Ware zuvor quer über den Globus verschifft werden muss. Die Lieferung per Schiff ist aufwendig und teuer, weiß die Unternehmerin. "Als ich vor einem Jahr recherchiert habe, hat die Lieferung eines Containers noch etwa 2000 australische Dollar gekostet", erinnert sich Roth. Durch die Pandemie und die damit einhergehende Container-Knappheit sei der Preis inzwischen um ein Vielfaches gestiegen.

Vier Tage bevor die erste Container-Ladung mit gefrorenen Teiglingen aus NRW den australischen Hafen erreichen sollte, kam noch eine böse Überraschung: Als das Containerschiff Ever Given auf dem Suez-Kanal, einer der weltweit wichtigsten Handelsrouten, auf Grund lief, mussten Hunderte Schiffe tagelang warten, bis es weitergehen konnte. „Wir haben die Eröffnung der Bäckerei deshalb um zwei Wochen verschoben“, berichtet Roth. Doch auch diese Unwägbarkeiten konnten den erfolgreichen Start von „Brezel“ an der Gold Coast nicht aufhalten. Denn die Container-Ladung mit rund 48.000 Teiglingen war schneller als erwartet aufgebraucht, erinnert sich Roth zurück. „Wir mussten nach zwei, drei Wochen schon den nächsten Container bestellen – ich hatte Angst, nicht mehr hinterherzukommen.“

Wer sich Down Under eine Brezel gönnen will, zahlt an der Gold Coast etwas mehr als zwei Euro. Ein Roggenbrötchen kostet unter einem Euro. Für die meisten Kunden seien die Preise durchaus erschwinglich. "Wir kriegen auch oft das Feedback, dass man riecht und schmeckt, dass der Teig aus Deutschland kommt. Super viele Kunden sagen auch, dass sie eigentlich kein australisches Brot vertragen, es bei uns aber reiner schmeckt und weniger Zusatzstoffe enthält", so Roth.

Über ihre Entscheidung, sich in Australien selbstständig zu machen, ist die Bonnerin äußerst glücklich. „Ich möchte meinen Kindern in Zukunft mitgeben, dass man mit einer Portion Mut, Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen alles erreichen kann, was im Bereich des Möglichen ist“, betont die Mutter. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten hat sie inzwischen ein eigenes Haus in Australien gebaut. „Es ist in vielen Hinsichten so, wie man es sich vorstellt – morgens und abends kommen etwa die Kängurus immer zu uns in den Garten“, schwärmt Roth von ihrer Wahlheimat. Die dort geplante Hochzeit mit ihrem Lebensgefährten konnte im vergangenen Jahr coronabedingt nicht stattfinden. „Das ist jetzt für 2022 geplant, dann kommen die Familien und Freunde alle zu uns zu Besuch“, kündigt Roth an. Ob sie sich vorstellen kann, einmal wieder nach Deutschland zurückzukehren? „Wenn ich an zu Hause denke, dann ist das Bonn. Ein Großteil meiner Familie lebt in Holzlar und Vilich. Und wer weiß, vielleicht wollen wir irgendwann wieder dahin zurück.“ Auf das sonnige Wetter an der Gold Coast möchte die Unternehmerin allerdings auch nicht mehr verzichten.