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Bundestagswahl in Bad Godesberg: Grüne Welle zwischen Villen und Allee

Bundestagswahl in Bonn : Grüne Welle zwischen Villen und Allee in Bad Godesberg

Kaum in einem anderen Viertel Bonns waren die Wählerwanderungen von der CDU zu den Grünen zuletzt derart heftig wie in den großbürgerlichen Quartieren Bad Godesbergs. Auch dort gilt die Hauptsorge dem Klimawandel. 300 Meter weiter liegen hingegen harte Themen wie Mietpreise, Migration und Lebenshaltungskosten.

Grün war es in den Alleen und den großzügigen Grundstücken des Villenviertels ja eigentlich schon immer. An diesem Wahlsonntag jedoch wirkt die Krone des mächtigen Mammutbaums an der Rheinallee ein wenig wie ein Fingerzeig auf das, was sich etwa 30 Meter unterhalb anbahnen könnte. Denn hier, im Herzen Bad Godesbergs, hatten die Grünen zuletzt eindrucksvolle Erfolge gefeiert.

Die Erosion der christdemokratischen Erbhöfe in den großbürgerlichen Vierteln kam nicht über Nacht. Ein Beispiel: Der Wahlbezirk 224 im Villenviertel. An jenem 18. September 2005, an dem die Ära Angela Merkel ihren Lauf nahm, hatte die CDU hier mit knapp unter 40 Prozent noch klar vorne gelegen. Die Grünen kamen seinerzeit auf damals noch beachtliche zwölf Prozent. Anderthalb Jahrzehnte später waren die Verhältnisse auf den Kopf gestellt: 36,2 Prozent für die Grünen und lediglich 17,6 Prozent für die Christdemokraten, so lautete bei der Kommunalwahl 2020 das Ergebnis. Ein Trend, der sich in den benachbarten Vierteln von Rüngsdorf, Plittersdorf und Hochkreuz in gleicher Weise widerspiegelte.

Gute Wahlbeteiligung bis zum Mittag

Vor der Paul-Klee-Grundschule mit ihrer herrschaftlichen Fassade herrscht reger Betrieb. Etwa 250 Wähler hat Wahlvorstand Wolfgang Krause bis zum Mittag schon begrüßt. „Das ist eine gute Quote, bei den vergangenen Malen hatten wir meistens eine Beteiligung um die 78 Prozent“, erzählt er. Immer wieder biegen Anwohner einzeln oder in Gruppen vom Bürgersteig auf den Schulhof ein und steuern das Wahllokal im Erdgeschoss der Grundschule an. Ein älteres Ehepaar lässt für die Stimmabgabe den Taxifahrer warten, die Kleidung der Passanten reicht von leger bis elitär, wobei das gepflegte Sonntagsoutfit überwiegt. Wer hungrig ist vom Urnengang, dem verheißt das Bistro schräg gegenüber dem Wahllokal Stärkung, beispielsweise mit gegrillter Dorade auf knusprigem Kartoffelbett.

Breit wie die Speisekarte ist auch das Spektrum der Erklärungen für die politische Großwetterlage. Dass im Viertel neuerdings die Grünen dominieren, wundert zwei ältere Damen und einen männlichen Begleiter jedenfalls nicht: Mit ihnen wird die Partei in einigen Minuten um drei Stimmen reicher sein, wie sie bereitwillig erzählen: „Wir kennen viele Ältere im Viertel, die Grün wählen“, sagt der Mann. Und warum? „Weil sie sich Sorgen um die Umwelt und die Zukunft machen. Und die meisten haben auch Enkelkinder, an die sie bei der Wahl denken. Die CDU war doch 16 Jahre lang am Ruder. So kann es doch nicht weitergehen“, erklärt das Trio fröhlich.

Auch ein jüngeres Paar mit zwei Kindern auf Laufrädern sieht die Wahl der Grünen als „alternativlos“ an. Weniger euphorisch reagiert, auf die Grünen angesprochen, ein älteres Ehepaar: Sie seien an deren Erfolg nicht beteiligt, erklären sie schmunzelnd: „Die Frage ist doch, wer die Klimawende und die immer höheren Strompreise bezahlen soll. Ohnehin hat Deutschland auf den weltweiten Klimawandel doch nur minimalen Einfluss“, sagen sie und vergessen nicht zu erwähnen, seit der Kindheit im Viertel zu wohnen.

Benzinpreis und Anwohnerparkplätze kein Thema

Mag sein, dass auch diese Form von Bodenständigkeit den Grünen den Weg bereitet. Wenn es den Alleebäumen hier an den Kragen ging, war das immer schnell ein Politikum. Ebenso wie jede noch so zaghafte Überlegung in Richtung Nachverdichtung in zweiter Reihe oder einem der oftmals parkähnlichen Grundstücke. Zugleich dürften die meisten Portemonnaies im Viertel eine Verteuerung der Anwohnerparkausweise für die vertretenen SUVs verkraften, zumal viele Parkplätze auf privatem Boden liegen, ebenso wie auf eine Benzinpreisbremse zumindest bislang niemand angewiesen wäre. Grün zu wählen und allein angesichts der Nähe zur Fußgängerzone das Fahrrad zu nutzen – zur Mitgliedschaft im Lions Club ist das in Bad Godesberg per se kein Widerspruch.

Photovoltaik auf den Dächern der Villen ist selten, Windkraft weit weg, und eine klassische „alternative Szene“, wie man sie beispielsweise aus der Bonner Nordstadt kennt, nicht sichtbar. Wären nicht die Gärten in üppiger Spätsommerblüte und die Bienenstöcke, die ein Hobbyimker um die Ecke an der Kronprinzenstraße betreibt – von einem grünen Milieu ließe sich äußerlich nicht viel erahnen. Lange Zeit hatten CDU-Strategen das Bild gepflegt, dass Wählerwanderung zwischen CDU und Grünen sich doch in sehr engen Grenzen bewegt. Eine Strategie, grüne Wählerschichten an die CDU zu binden, erschien nicht sinnvoll. Was aber, wenn nicht die Partei sich verändert, sondern die Klientel? Beinahe wünscht man sich zur vielschichtigen Milieustudie des Villenviertels die Schriftstellerin Juli Zeh herbei, die bis in die frühen 90er Jahre am unteren Ende der Rheinallee zur Schule ging, als Juristin und Schriftstellerin reüssierte und das soziale Geschehen seit einiger Zeit mit einiger Distanz aus brandenburgisch-ländlicher Perspektive  beschriebt.

Laschet: Kein Auftritt in Bonn

Vielleicht hat auch CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet diesen trügerischen Eindruck gewonnen, als er vor einigen Wochen im Nebenhaus der Paul-Klee-Schule die NRW-Akademie für internationale Politik in Betrieb nahm. Gebracht hat ihm das zumindest für den Wahlkampf wenig. In überregionalen Zeitungen sah sich Laschet der Verdachtshypothese der Günstlingswirtschaft ausgesetzt, weil er eine langjährige Weggefährtin zur Geschäftsführerin der Akademie gemacht hatte. Ansonsten lag Bonn, immerhin die neunzehntgrößte Stadt Deutschlands, nicht auf der Liste des CDU-Kanzlerkandidaten. Im Bonner Kreisverband, so ist zu hören, warf das zumindest Fragen auf.

Offenbar reichten auch die Bindungen von Laschets Kommunikationschefin Tanit Koch nicht aus, um einen Auftritt in der alten Bundeshauptstadt zu bewirken. Als Co-Chefin der „Bild-Zeitung“ hatte sie über einen Besuch in ihrem Heimatort in Bad Godesberg noch geschrieben: „Die Diplomaten sind längst in Berlin, doch die Zahl der Vollverschleierten hat sich vervielfacht“. Inzwischen hat sich die Zeit weitergedreht, beim Medizintourismus haben andere Städte Bad Godesberg den Rang abgelaufen. Nicht nur, aber auch aus diesem Grunde haben in jüngster Zeit reihenweise alteingesessene Geschäfte in Bad Godesberg die Segel gestrichen und Shisha-Bars, Nagelstudios und Handyläden Platz gemacht. Mietpreise, Migrationsprobleme, Arbeitslosigkeit, Sicherheit und Lebenshaltungskosten – 300 Meter vom Villenviertel entfernt werden jene Themen plötzlich sichtbar, die im Wahlkampf so auffällig weit im Hintergrund blieben. Ob sie in den grünen Alleen noch einmal ein Comeback erleben, wird sich frühestens bei den nächsten Wahlen zeigen.

Am Ende haben erneut die Grünen die Nase vorn

Zumindest an diesem Wahlabend hat sich der mittelfristige Trend verfestigt: Wieder liegen im Stimmbezirk 224 die Grünen mit 29,6 Prozent der Stimmen klar vorn. Dem einstigen Platzhirsch CDU bleibt mit 22,8 Prozent das Nachsehen.