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Bundestagswahl in Bonn: Juliane Genn tritt für Volt an

Volt-Bundestagskandidatin Juliane Genn im Porträt : Trump und Brexit sorgten für ein mulmiges Gefühl

Juliane Genn hat das Scheitern europäischer Politik in einem Flüchtlingslager in Griechenland kennengelernt. Als Bundestagskandidatin von Volt tritt die 23-jährige Studentin für ein starkes Europa ein.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Gerade, wenn man jung ist. Juliane Genn will mit 23 Jahren in den Bundestag einziehen. Ihr Bonner Direktmandat bei der Bundestagswahl holen, oder über die Landesliste, auf der sie auf Platz 19 steht. „Ich habe mal rumgerechnet, dafür müssten wir etwa zehn Prozent bekommen“, sagt sie. Aber sie macht sich nichts vor. „Das ist schon sehr unwahrscheinlich.“ Ihren Geografie-Masterabschluss würde sie dafür dennoch warten lassen.

Dabei läuft es für die junge Partei Volt, die sich als erste länderübergreifende, pro-europäische Partei versteht, gar nicht so schlecht in der internationalen Bundesstadt. Die Idee, das als Blaupause für eigene Probleme zu importieren, was in anderen Städten gut klappt, kam gut an. Fünf Prozent bei der Kommunalwahl, drei Sitze im Stadtrat und Mitglied der Ratskoalition. „Da waren wir schon ziemlich überrascht und begeistert“, sagt Genn. Um es nicht so auszudrücken: Damit hat wohl niemand gerechnet, am wenigsten die Volt-Leute selbst.

Partei und Bewegung in einem

Für Genn, die in der Nordstadt wohnt, war das der Startschuss. Plakatekleben, an Veranstaltungen teilnehmen. Aber selbst mal ein Amt bekleiden? Eher nicht. Diese Idee kam erst mit der Bundestagswahl auf, und auch eher, weil man sie „ins kalte Wasser geschmissen“ hat, wie sie sagt. Eine Eigenschaft, die viele Volt-Mitglieder spüren. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn man eine Partei gründet? Dennoch muss nicht jeder den Aufnahmeantrag ausfüllen, wenn er die Volt-Politik mitgestalten will. Denn anders als die etablierten Parteien hat Volt auch einen Aktivisten-Flügel. „Jeder kann Teil der Bewegung sein“, sagt Genn.

Ihr Einstieg in die Politik war ein anderer. 2016, direkt nach dem Abi in Köln, leistete sie Freiwilligendienst über das europäische Austauschprogramm Erasmus in Griechenland. „Da habe ich das erste Mal das Versagen der Politik erlebt.“ Statt wie geplant in der Radiostation in Thessaloniki zu arbeiten, kümmerte sie sich mit anderen Freiwilligen um Flüchtlinge im nahegelegenen Camp. „Wir machten Sprachkurse und Unterhaltungsprogramme. Unser Hauptziel war es, die Leute in der Stadt und im Camp einander näher zu bringen.“ Die markantesten Erinnerungen hat sie an die Perspektivlosigkeit der Menschen. Es kamen Fragen wie „Kannst du mich mitnehmen?“ oder „Kannst du mit Frau Merkel sprechen?“. „Bis dahin hatte ich nie an der europäischen Zusammenarbeit gezweifelt. Ich wurde ja in dieses Friedensprojekt hineingeboren.“ Es kamen Trump und der Brexit. „Ein mulmiges Gefühl.“ Aus denselben Sorgen heraus gründete sich 2017 Volt. Drei Jahre später wurde das Gefühl noch mulmiger. „In der Corona-Krise hatte ich Panik, dass die Grenzen wieder schließen. Jeder tat das, was er selbst für richtig hielt.“

Wunsch nach einer europäischen Republik

Jetzt sitzt sie da, im Innenhof des Geografischen Instituts der Uni Bonn, und redet über politische Visionen. Äußerlich wirkt sie ein bisschen wie Joshka Fischer in seinen wilden Jahren. In Turnschuhen und Jeans, Rucksack und Bauchtasche hängen über der Bank, typisch Studentin. Inhaltlich erinnert sie an den jungen Willy Brandt, der sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erstmals für einen Zusammenschluss der Völker zu den „Vereinigten Staaten von Europa“ aussprach. Wo sie sich politisch verortet? „Grün-sozialliberal.“ Auch sie wünscht sich eine starke europäische Republik, eine „Union der Willigen“, mit weitreichenden Befugnissen und ohne überbordenden Bürokratieapparat. „Eine gemeinsame Verteidigungs- und Migrationspolitik zum Beispiel.“ Kein Einstimmigkeitsprinzip mehr, damit einzelne Staaten mit ihrem Vetorecht Prozesse nicht mehr aufhalten können. Das bedeute, langfristig nationale Souveränität abzugeben, aber nicht kulturelle Identitäten. Genn lebt das schon jetzt. Sie fühlt sich als Europäerin, ist aber auch stolze Rheinländerin.

Distanzunterricht in Norwegen

Den Lokalkolorit merkt man ihr an, wenn sie über „ihr“ Institut spricht. Das Grünzeug wuchert im Innenhof, der kleine Teich mittendrin ist voller Algen. Ein kaputter Grill, gebrochene Stühle, verwaiste Hochbeete. „Vor der Pandemie war es hier richtig schön, da haben sich Arbeitsgemeinschaften darum gekümmert. „Es macht mich schon ein bisschen traurig, dass hier so zu sehen.“ Knapp zwei Jahre war sie nun nicht mehr am Institut. Anfang 2020 ging sie für ein Auslandssemester nach Trondheim – zum Glück. Während die deutschen Studenten und Dozenten mit der Technik kämpften, stellten die Norweger spontan Kurse und Prüfungen auf Distanzunterricht um. „Das wirkte so, als hätten die das alle schon mal gemacht.“ Wieder so eine Sache, die man sich von europäischen Freunden abschauen könnte.