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Castor-Transport nach Biblis: Atommülllieferung fährt durch Deutschland

Route über Bremen : Castor-Transport Richtung Biblis ist abgefahren

Erstmals seit Jahren gibt es wieder einen größeren Rücktransport von Atommüll in Castoren nach Deutschland. Am Abend hat der Zug den Hafen Nordenham in Niedersachsen mit Ziel Biblis verlassen. Atomkraftgegner hatten Proteste angekündigt.

Der Castor-Zug mit Atommüll aus der britischen Atomanlage Sellafield hat am Dienstagabend den niedersächsischen Hafen Nordenham mit Ziel Biblis verlassen. Das teilte ein Sprecher der Transportfirma GNS mit. Für Deutschland ist es der erste große Rücktransport von Atommüll in Castoren seit neun Jahren.

Der umstrittene Castortransport mit hochradioaktivem Atommüll aus der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield geht auf seine letzte Etappe zum Zwischenlager Biblis in Hessen. Ein mehrere hundert Meter langer Zug mit den sechs Behältern an Bord wurde am Dienstagnachmittag im Hafengelände von Nordenham zusammengestellt. Neben den Spezialwaggons für die Castoren besteht der Zug aus mehreren Diesellokomotiven sowie Wagen für die Polizei und anderes Begleitpersonal. Atomkraftgegner sind in Nordenham vor Ort. Sie haben auch Proteste entlang der möglichen Fahrtstrecken nach Süden angekündigt.

Am Vortag hatte ein britisches Spezialschiff insgesamt sechs Castoren nach Nordenham an der Weser gebracht, vier Castoren wurden bereits am Montag auf Eisenbahnwaggons umgeladen, die restlichen am Dienstag. Die Arbeiten verliefen genau nach Zeitplan, sagte ein Sprecher von GNS. Am Montag habe zwar starker Wind geherrscht; er sei aber nicht so stark gewesen, dass er das Umladen beeinträchtigt hätte.

Bei dem Castor-Transport handelt es sich um den ersten mit deutschem Atommüll aus dem Ausland seit neun Jahren. Ein seit mehreren Tagen erwartetes Spezialschiff aus Großbritannien machte am Montagmorgen im Hafen Nordenham an der Weser fest, wie die Polizei mitteilte. Von dort sollen die sechs Castor-Behälter mit der Bahn in ein Zwischenlager in Biblis in Hessen gebracht werden.

Atomkraftgegner halten Dauermahnwache

Einer der sechs Castor-Behälter mit hochradioaktivem Atommüll aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield wird von einem Schiff auf einen Zug geladen. Foto: dpa/Sina Schuldt

Atomkraftgegner kritisieren den Transport des immer noch strahlenden Materials. Sie hielten nicht nur in Nordenham eine Dauermahnwache. Auch entlang der möglichen Fahrtstrecken Richtung Biblis haben verschiedene Anti-Atomgruppen zu Kundgebungen aufgerufen.

Der Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken war in der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield bearbeitet worden. Von einem dortigen Hafen stach das Schiff „Pacific Grebe“ am vergangenen Dienstag in See. Auf der Fahrt durch die Nordsee wurde der Frachter von der Bundespolizei eskortiert. In der Zwölfmeilenzone vor der Küste übernahm die niedersächsische Polizei. Bis zum späten Montagabend hievte ein Kran vier der runden Container vom Schiff auf die bereitgestellten Waggons. Das Umladen der zwei weiteren Container wurde am Dienstag fortgesetzt. Vor dem abgeriegelten Hafengelände hielten den Tag über mehrere Atomkraftgegner eine Dauermahnwache. „Es verlief friedlich“, sagte die Sprecherin. Die Außenstrahlung der Castor-Behälter werde beim Umsetzen noch einmal gemessen. Bei der letzten Messung in Sellafield habe der Wert ein Viertel des erlaubten Grenzwertes betragen.

Die Corona-Pandemie trifft dabei sowohl die Sicherung des Transports wie auch die Demonstrationen. Die Polizeidirektion Oldenburg habe auf Basis der Empfehlungen des Robert Koch-Instituts ein umfassendes Hygienekonzept erstellt, sagte Polizeivizepräsident Andres Sagehorn. „Die Gesundheit aller Beteiligten genießt höchste Priorität“, sagte der Gesamteinsatzleiter. Dies gelte sowohl für die Bürgerinnen und Bürger, die ihr Grundrecht auf Versammlungsfreiheit ausübten, wie für die Polizeikräfte im Einsatz. Am Donnerstag hatte die Gewerkschaft der Polizei jedoch noch gefordert, den Transport wegen „erheblicher Hygienekonzeptprobleme“ auszusetzen. Für den Transport zum jetzigen Zeitpunkt gebe es keinen zwingenden Grund, die Rahmenbedingungen hätten sich gegenüber dem Frühjahr verschlechtert. Eigentlich sollten die Castor-Behälter schon im Frühjahr nach Deutschland kommen, wegen der Corona-Krise wurde der Transport verschoben.

Alle möglichen Fahrstrecken sollen gesichert sein

Nach Angaben der Bundesregierung muss Deutschland aufgrund internationaler Verpflichtungen seinen im Ausland aufbereiteten Atommüll zurücknehmen - aus Sellafield wie aus der französischen Anlage La Hague. An dem Transport des gefährlichen Materials gibt es viel Kritik. Umweltschützer sehen Mängel am Zwischenlager Biblis und Sicherheitsdefizite bei den Castor-Behältern. Die für die Lagerung des hoch radioaktiven Atommülls zuständige Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) weist diese Bedenken zurück. Die Bundespolizei habe alle möglichen Fahrstrecken des Zuges gesichert, sagte ein Sprecher. Auch Hubschrauber würden eingesetzt. „Mit Beginn des Schienentransports sind wir zuständig“, sagte er.

Zuletzt waren im November 2011 Castoren aus La Hague in das Zwischenlager Gorleben in Niedersachsen gebracht worden. Die Zugfahrt zog sich damals fünf Tage hin, weil Gleise blockiert wurden. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) kritisierte Proteste gegen den Castor-Transport. In der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ appellierte Lies an die Castor-Gegner, „doch einmal nachzudenken, ob es nicht sinnvoller wäre, auf mögliche Gegendemonstrationen zu verzichten - gerade weil wir eine pandemisch brenzlige Situation haben“. Die Polizeibeamten durch die geplanten Proteste einer zusätzlichen Infektionsgefahr auszusetzen, sei „verantwortungslos“, sagte Lies. Er betonte, der Atomausstieg sei beschlossen, deshalb mache es keinen Sinn, die alten ideologischen Kämpfe wieder aufleben zu lassen.

Im Vorfeld des Transports hatte das Bündnis „Anti Atom Bonn“ (AAB) für den 1. November eine Mahnwache mit zehn bis zwölf Teilnehmern am Bahnhof Beuel angekündigt. Herbert Hoting von „Anti-Atom Bonn“ sagte gegenüber dem GA, dass dieser Protest gegen die Castor-Transporte unabhängig davon stattfinden werde, welche Route diese nach Hessen nehmen. „Es ist nicht hinnehmbar, dass hochriskante Transporte Atommüll nach Biblis verfrachtet werden, so Hoting.

Die tatsächliche Route der Atom-Transporte wird sich laut Hoting erst entscheiden, wenn diese in Bremen eintreffen. Von da aus könnte es entweder über Hannover über Frankfurt am Main nach Biblis weitergehen oder über Dortmund, Köln, Bonn und weiter ins hessische Biblis.

In den vergangenen Jahren rollten durch den Beueler Bahnhof immer mal wieder Atomtransporte.

(dpa/ga)