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Interview mit Bundestagsabgeordneten: Claudia Lücking-Michel: "Ich möchte den Wahlkreis direkt holen"

Interview mit Bundestagsabgeordneten : Claudia Lücking-Michel: "Ich möchte den Wahlkreis direkt holen"

Seit mehr als einem Jahr ist Claudia Lücking-Michel (CDU) Bundestagsabgeordnete in Berlin. Die Quereinsteigerin verfehlte bei der Wahl 2013 das Direktmandat im Wahlkreis Bonn zwar knapp, zog aber dank eines guten Listenplatzes ins Parlament ein. Über ihr erstes Jahr im Berliner Polit-Betrieb sprach Lücking-Michel mit Lisa Inhoffen.

Haben Sie inzwischen schon einmal mit Angela Merkel Kaffee getrunken?
Claudia Lücking-Michel: (lacht) Nein. Viel besser. Ich habe mit ihr in kleiner Runde im Konrad-Adenauer-Haus zu Abend gegessen. Sie hat mich unter anderem nach meiner Rolle als Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gefragt. Wir haben über Kirche allgemein und über die Aufgabe des Zentralkomitees gesprochen. Sie wusste auch noch, wann wir uns zuletzt in Bonn begegnet sind. Ich muss schon sagen, die Kanzlerin war sehr gut auf das Treffen vorbereitet. Ich bin überzeugt, sie kennt auch alle 311 Fraktionsmitglieder mit Namen. Immerhin sind bei der letzten Wahl 100 Neulinge dazugekommen. Ich kenne dagegen noch nicht alle meine Kollegen.

Wo haben Sie in Berlin ihr Büro?
Lücking-Michel: Mein Team und ich sind im Jakob-Kaiser-Haus untergebracht. Dort haben 60 Prozent der Abgeordneten ihre Büros. Ein Vorteil: Ich kann den Bundestag erreichen, ohne auf die Straße gehen zu müssen, weil die Gebäude unterirdisch verbunden sind. Das ist wie eine Stadt mit einem großen Wegelabyrinth.

Wo sitzen Sie im Parlament?
Lücking-Michel: Im Plenum hat man anders, als viele glauben, keine festen Plätze. Lediglich die ersten beiden Reihen sind für die Funktionsträger reserviert. Ich komme meist recht pünktlich, um noch einen Platz mit Tisch für meine Unterlagen zu ergattern. Das Wort Hinterbänklerin passt also hier schon mal nicht.

Welche Aufgaben haben Sie in der Fraktion?
Lücking-Michel: Ich bin Mitglied im Bildungs- und Forschungs- sowie im Entwicklungsausschuss. Damit knüpfe ich an meine beruflichen Erfahrungen bei Misereor und Cusanuswerk an. Ich behandle Themen, die mir schon lange sehr wichtig sind. Im Bildungsausschuss bin ich zum Beispiel Berichterstatterin zum Thema Internationalisierung des deutschen Hochschulwesens.

Wie schätzen Sie nach einem Jahr Ihre Einflussmöglichkeiten als Abgeordnete ein?
Lücking-Michel: Man braucht einen langen Atem, viel Kraft und darf sich nicht schnell aus der Bahn werfen lassen. Aber die Gestaltungsmöglichkeiten sind auch enorm. So arbeite ich derzeit mit an Kriterien für Universitäten, die sich auf die Exzellenzinitiative bewerben wollen. Da ist es mir natürlich wichtig, dass die Frauenförderung ganz oben im Kriterienkatalog steht. Ein anderes Beispiel ist die BAföG-Reform, auch dabei kann ich bei der Gesetzgebung mitbestimmen. Zu diesem Thema habe ich auch im Bundestag gesprochen.

Wie oft standen Sie schon am Rednerpult?
Lücking-Michel: Bisher habe ich im Plenum vier Reden gehalten. Unter anderem eine zur Hochschulfinanzierung, die nach meiner Meinung eine viel größere Rolle spielen muss.

Haben Sie mit Ihrem Redebeitrag andere überzeugen können?
Lücking-Michel: Das kann man nur hoffen, aber alle wird man wohl nie überzeugen. Ich möchte zum Beispiel, dass die Gelder, die die Länder nicht mehr für das BAföG ausgeben müssen, jetzt vor allem den Hochschulen zu Gute kommen. Ob hier NRW den richtigen Weg findet, ist für mich noch fraglich.

Haben Sie schon einmal einen Rhetorikkursus gemacht?
Lücking-Michel: Als Abgeordnete noch nicht. Früher habe ich schon den einen oder anderen Kursus absolviert. Die größte Herausforderung ist für mich, die Redezeit einzuhalten. Das übe ich natürlich vorher. Nach der Geschäftsordnung des Plenums muss man eigentlich frei sprechen und darf nicht ablesen. Es soll schließlich eine Debatte geführt werden. Allerdings wird es toleriert, wenn man ein Manuskript benutzt.

Sind Sie aufgeregt, wenn Sie ans Mikrofon treten?
Lücking-Michel: Klar. Obwohl ich ja eigentlich gewohnt war, vor größeren Auditorien zu reden. Aber im Bundestag ist das schon etwas ganz anderes.

Sie sind auch Schriftführerin im Bundestag. Was heißt das?
Lücking-Michel: Stimmt, ich bin eine von 60 Schriftführern. Wir schreiben allerdings keine Protokolle, sondern sitzen neben dem Bundestagspräsidenten und müssen unter anderem auf die Einhaltung der Redezeit achten. Außerdem werde ich bei Abstimmungen zum Auszählen eingeteilt.

Die klassische Aufgabe für Neulinge...
Lücking-Michel: Nein, da kommen auch alte Hasen dran...

Welche Rolle spielt das Thema Bonn/Berlin in ihrem Alltag ?
Lücking-Michel: Ich arbeite bei diesem Thema sehr eng mit meinen Bonner Kollegen Ulrich Kelber und Katja Dörner zusammen. Allerdings haben wir einen schweren Stand. Die Stimmung ist fraktionsübergreifend deutlich für den Komplettumzug an die Spree.

Wie ist Ihre Strategie?
Lücking-Michel: Ich glaube, wir müssen mehrstufig vorgehen. Wir müssen weiterhin auf das Bekenntnis und die Einhaltung zum Berlin/Bonn-Gesetz pochen, wie es im Koalitionsvertrag festgehalten ist. Wir müssen aber auch konzeptionell überlegen, was wir in Zukunft wollen. Bonn muss vor allem an seinem Profil als Wissenschaftsstandort und internationale Stadt noch viel stärker arbeiten als bisher. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir benötigen in Deutschland unbedingt das Gaststaatenrecht, damit die internationalen Organisationen und deren Mitarbeiter steuerrechtlich, organisatorisch und arbeitsrechtlich besser zurechtkommen können. Das ist zwar keine Lex Bonn, aber es gibt gerade in der UN-Stadt Bonn viele Organisationen, die besonders davon betroffen sind.

Wie kommt Ihre Familie mit ihrem Job als Abgeordnete klar?
Lücking-Michel: Für meine Familie ist das schon anstrengend, weil ich über 20 Wochen im Jahr in Berlin bin. Da vermisst man natürlich seine Familie. Die Telefonate können ein gemeinsames Abendessen oder Frühstück nicht ersetzen. Allerdings war ich vorher auch ständig unterwegs. Das war für mich anstrengender, als jetzt montags nach Berlin zu fliegen, eine Woche dort zu sein und meinen geregelten Tagesablauf zu haben.

Haben Sie schon einmal bereut, für den Bundestag kandidiert zu haben?
Lücking-Michel: Nein. Überhaupt nicht. Es ist eine vielfältige Aufgabe, ich treffe viele Menschen und habe Zugang zu vielen Organisationen und Institutionen. Ich erlebe meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete in Bonn und Berlin als außerordentlich spannend und bereichernd.

Die Frage kommt vielleicht ein bisschen zu früh: Treten Sie 2017 noch einmal zur Wahl an?
Lücking-Michel: Na, ich möchte doch den Bonner Wahlkreis auch einmal direkt holen!