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Bühnenprogramm bei der Rockaue: Das Auge hört mit

Bühnenprogramm bei der Rockaue : Das Auge hört mit

Erfolg ist - unter anderem - eine Frage der Performance. Wie bei allen verallgemeinernden Aussagen bestätigt auch hier die Ausnahme die Regel, doch für viele Künstler zählen das Auftreten auf der Bühne und die Interaktion mit den Fans mindestens genau so viel wie die musikalische Qualität.

Bei der Rockaue am vergangenen Samstag konnte man dieses Phänomen wieder bestens beobachten: Vor allem die beiden Headliner Schandmaul und Jennifer Rostock verstehen es meisterhaft, sich gut zu verkaufen, eine großartige Stimmung zu verbreiten - und zugleich mit ihren Shows den ein oder anderen kompositorischen Mangel auszugleichen.

Während Schandmaul in bekannt mittelalter-folkig-rockiger Weise das Publikum zum Springen und Schunkeln brachte, Drehleier und Schalmei ebenso einsetzte wie krachende E-Gitarren und in ihren Liedern Traumtänzer, Vogelfreie und Narrenkönige hochleben ließ, setzte Jennifer Rostock auf Sex und Östrogen, um dem Testosteronüberschuss, den Frontfrau Jennifer Weist auf dem Gelände ausgemacht haben wollte, zumindest einigermaßen Herr zu werden.

Zwar zog die volltätowierte, knapp bekleidete 28-Jährige im Gegensatz zu manch anderen ihrer Konzerte nicht blank, ließ aber immerhin sinnlich die Hüften kreisen und garnierte ihre Lieder mit offenherzigen Kommentaren. Die teils heftigen Provokationen müssen sein, machen sie doch einen beträchtlichen Teil des Reizes von Jennifer Rostock aus; der harte, aber vorhersagbare Deutschrock der Berliner Band würde wahrscheinlich ohne die zur Schau gestellte Fleischeslust nur halb so gut ankommen. Das Auge hört eben mit.

Dabei zeigten auch einige der nicht ganz so bekannten Bands, die die Veranstalter zur Rockaue geladen hatten, dass sie sich hinter den großen Namen nicht verstecken müssen.

Vor allem auf der Rock 'n' Heavy Stage ging es hoch her: Gun Barrel, Motorjesus und Freedom Call ließen es für alle Fans der härteren Gangart ordentlich krachen, auch wenn diese mitunter schockiert mit den Augen rollten, als die letztgenannte Band mit ihrem an eine Mischung aus Manowar und JBO erinnernden Happy Metal augenzwinkernd dem viel gescholtenen Pathos eine Zuflucht bot. Weitere unverhoffte Highlights fanden sich auf der Hauptbühne, allen voran der Auftritt von Blackout Problems, deren Sänger Mario Radetzky, alle Technikschranken überwindend, mindestens ebenso häufig vor wie auf der Bühne anzutreffen war und der den Begriff der Publikumsnähe wörtlich auslegte.

Schwächen zeigten sich dagegen auf der Electronic Stage, auf der schon am frühen Nachmittag Felix Jaehn und am Abend der Seelensaunabetreiber Talul auflegten: Der Sound, der aus den Boxen kam, war nicht optimal ausgesteuert, hatte - wahrscheinlich aus Lärmschutzgründen - zu viele Höhen und zu wenige Bässe. Im kommenden Jahr, wenn dem ersten Vernehmen nach die zweite Auflage des Festivals stattfinden soll, wird hier nachgebessert werden müssen.