Gedenkveranstaltung im Münster-Carré Das Cellospiel rettete ihr Leben

Bonn · Bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 78. Jahrestags des Novemberpogroms berichtete Anita Lasker-Wallfisch im Münster-Carré über ihre Haft im Konzentrationslager Auschwitz.

 KZ-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (91) erzählte, wie sie dank ihres Cello-Spiels die Todesfabrik Auschwitz überstand.

KZ-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (91) erzählte, wie sie dank ihres Cello-Spiels die Todesfabrik Auschwitz überstand.

Foto: Dennis Sennekamp

Sie musste buchstäblich um ihr Leben spielen: Anita Lasker-Wallfisch aus Breslau war Cellistin im sogenannten „jüdischen Mädchenorchester“ des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Heute ist sie eine der letzten bekannten Überlebenden dieses tragischen Ensembles, das den Lagerinsassen auf Befehl der SS auf bittere Weise die Zeit versüßen sollte.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Norbert Michels vom Diözesanrat, Klaus Schraudner, dem Vorstandsvorsitzenden der Pax-Bank und Diözesanratsvorstand Ralf Forsbach sowie durch Bürgermeister Reinhard Limbach. „Wir dürfen die Menschen und ihre Schicksale nicht vergessen“, sagte Limbach. „Denkmäler erinnern an sie, doch wir können uns die Schrecken nicht vorstellen.“ Deshalb dankte er Lasker-Wallfisch, die extra aus London angereist war, um ihre Geschichte zu erzählen, ganz besonders für ihr Kommen.

Kulturelle Erziehung

Lasker-Wallfisch wurde 1925 in Breslau als Tochter eines deutsch-jüdischen Rechtsanwalts und einer Geigerin geboren. In ihrer Erziehung spielte Kultur eine ganz große Rolle. „Jeden Sonnabend fand sich die Familie zusammen und mein Vater las aus den Klassikern vor“, erzählte sie. „So konnte ich schon im Alter von zwölf Jahren Goethes 'Faust' halb auswendig.“ Daher fing sie schon als kleines Kind an Cello zu lernen. Das sie ein Instrument spielen konnte, sollte ihr später das Leben retten. Denn im Dezember 1943 wurde sie von Breslau nach Auschwitz deportiert.

Unmittelbar nach ihrer Ankunft erfuhr SS-Lagerleiterin Maria Mandl von ihrem Talent. Auf Mandls Befehl hin gab man Lasker-Wallfisch ein mit nur drei Saiten bestücktes Instrument und teilte sie dem Häftlingsorchester zu, deren Mitglieder vom Tod durch die Gaskammern und harter Arbeit verschont wurden. Das Orchester musste vor allem für die ein- und ausrückenden Arbeitskommandos spielen. Aber auch KZ-Arzt Josef Mengele hörte sich gerne an, was Lasker-Wallfisch auf ihrem Cello darbot. „Bei all dem was er Menschen antat, fand ich es erstaunlich, dass er sich so gut mit Kultur auskannte. Er verlangte immer Schumanns „Träumerei“.“

Im November 1944 wurde Lasker-Wallfisch ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verlegt, das am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit wurde. „Die Proben und die Auftritte halfen mir, mich von dem Grauen in den Lagern abzulenken“, sagte Lasker-Wallfisch bei der Gedenkveranstaltung. „Unsere Dirigentin hat uns nämlich sehr getriezt, wir mussten schließlich gut spielen.“ Abgerundet wurde die Gedenkfeier durch eine Lesung des Historikers Markus Juraschek-Eckstein, der aus weiteren Zeitzeugenberichten vortrug. Für die musikalische Untermalung sorgte das Kölner Klezmer-Trio „A Tickle in the Heart“.

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