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Studie zur Bonner Alltagskultur: Das denken die Menschen über ihren Kiez

Studie zur Bonner Alltagskultur : Das denken die Menschen über ihren Kiez

Bonner Studenten haben sich mit der Bonner Alltagskultur beschädtigt und daraus einen Stadtführer der besonderen Art erstellt. Überraschendes erfuhren sie über Tannenbusch-Mitte.

Der Frankenbadplatz in der Bonner Altstadt – dort treffen sich die Leute auf einen Kaffee, schwimmen eine Runde im Hallenbad oder kommen zum Spielen mit den Kindern her. Andere verbringen da aber auch ihren Tag, manche sogar die Nacht. Das kann zu Interessenskonflikten führen, wie die Studentinnen Paula Randerath und Maria Jähde in einer Studie herausgefunden haben und der GA auch schon berichtete. Mit alltäglichen Orten und Problemen haben sich 18 Bonner Studenten beschäftigt und mit den Ergebnissen einen Stadtführer der anderen Art erstellt.

Die jungen Forscher fragten sich, warum es sich lohnt, bekannte Orte jenseits der touristischen Attraktionen in Bonn zu besuchen. Innerhalb des Masterstudiengangs Transkulturelle Studien/Kulturanthropologie stellten sie ihr ungewöhnliches Buch bei einem Rundgang im Stadtmuseum an der Franziskanerstraße vor. Poster mit Zitattafeln und Stadtplänen veranschaulichten die Ergebnisse der Analysen, an denen die Studenten ein Jahr lang gearbeitet haben.

Die Idee entstand bereits 2019: „Es gab noch nie ein Studierendenprojekt, das sich mit der Stadt Bonn selbst beschäftigt hat. Mit dem Buch sollen möglichst viele Menschen eingeladen werden, die bekannten Orte noch mal zu erkunden“, erklärte Ruth Dorothea Eggel, die das Buch mit Fabio Freiberg herausbringt. Es ermögliche Bonnern, neue Perspektiven auf die Stadt zu entdecken: „Wir sind alle Experten darin, mit anderen Menschen umzugehen. Wir finden es aber auch spannend, wie andere Menschen an anderen Orten miteinander umgehen,“ so Eggel.

Mithilfe von Interviews und Umfragen wollten die Studierenden herausfinden, was die Menschen in unterschiedlichen Milieus und Ortsteilen beschäftigt. Dabei spielen vor allem Ecken eine Rolle, die im Alltag schnell verschwinden oder vielleicht auch gemieden werden – wie eben der Frankenbadplatz. Randerath und Maria haben untersucht, wie Menschen über den Frankenbadplatz denken und starteten dafür beispielsweise eine Facebook-Umfrage. Die zeigte, dass einige Bürger den Platz aufgrund von Müll und hohem Alkoholkonsum als unsicher empfinden.

Manche Forschungsmethoden hatten sich erst vor Ort entwickelt. Randerath hatte etwa den Pfandsammler Kai kennengelernt, der ihr seine Hilfe beim Projekt anbot. Er helfe täglich dabei, den Frankenbadplatz sauberer zu gestalten, meinte er. Randerath stellte erstaunt fest: „Es hat mich überrascht, dass es so wirkt, als gäbe es zwar viele Ideen, um den Frankenbadplatz besser zu gestalten, aber scheinbar kein Konzept von der Stadt“.

Auch ein Blick auf die andere Seite des Rheins lohnt sich: Berit Kurz, Michaela Ressing und Katharina Walter verfolgen auf ihrem Streifzug die Spuren der industriellen Vergangenheit Beuels. Dort werden ehemalige Fabrikgebäude für kulturelle Zwecke genutzt: In der alten Brotfabrik, die in den 1980er Jahre geschlossen wurde, befindet sich das bekannte Kulturzentrum. Auch die alte rheinische Tapetenfabrik dient heutzutage unterschiedlichen Formen der Kulturproduktion. „Spannend ist vor allem zu sehen, wie sich die Gebäude mit der Landschaft vermischen“, sagte Ressing.

Kaiya Reisch und Julia Wipfelder haben 30 Bonner gefragt, was sie mit Tannenbusch-Mitte assoziieren. Die Leute kamen sowohl aus dem Ort als auch von außerhalb. Vor allem das Forschen vor Ort war den Studentinnen besonders wichtig. Heraus kamen unterschiedliche Blickwinkel auf die Bewertung der Sicherheit, aber auch der Ausgrenzung in Tannenbusch: „Es gibt eine deutliche Unterteilung in Wir und die Anderen. Einige Bewohner fühlen sich ausgeschlossen“, sagte Reisch. Das Unsicherheitsgefühl sei der Studie zufolge häufig konstituiert, so Reisch. Einige Antworten zeigten auch überraschende Ergebnisse: „Manche Bewohner von Tannenbusch haben erzählt, dass sie selbst gar nicht wussten, dass der Stadtteil oft als gefährlich gilt“, erklärte Eggel.

Die Studenten stellen in ihrem Stadtführer auch die Lebensrealitäten verschiedener Menschen und Altersgruppen dar: Sie geben Einblicke in Themen wie Sexarbeit oder dem Altwerden in der Stadt. Ursprünglich war geplant, die Studienergebnisse in der Stadt sichtbar zu präsentieren. Aufgrund der Corona-Pandemie haben sich die Beteiligten aber für das Buch entschieden.

Der Stadtführer „Bonn I Er I Leben – Streifzüge durch städtische Alltagskultur“ der Studierenden der Universität Bonn ist für 14 Euro beim VDG Verlag erhältlich.