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"Die wahre Religion": Das Netzwerk der Gotteskrieger

"Die wahre Religion" : Das Netzwerk der Gotteskrieger

Das Innenministerium überprüft die islamistische Gruppe "Die wahre Religion", die zurzeit auch wieder in Bonn Korane verteilt.

Darf man im "heiligen Krieg" auch Frauen und Kinder töten? "Wenn sie sich unter den Feinden befinden, ja." Welche Waffen sind erlaubt? Im Prinzip alle: "Sprengstoff gegen belebte Zonen", aber auch "Schusswaffen und chemische Waffen". Der 2011 getötete jemenitische Al-Kaida-Führer Anwar Al-Awlaki gibt theologisch fundiert Auskunft: "Anschläge auf die Bevölkerung in Dar Al-Harb (im Feindesland)" heißt die Schrift, die der Terrorist hinterlassen hat.

Nachzulesen ist sie seit kurzem auf der Internetseite der 2012 verbotenen Solinger Vereinigung Millatu-Ibrahim, deren Vertreter jedoch weiter sehr aktiv sind. Al-Awlaki lässt in der Schrift keinen Zweifel offen: Der Krieg gegen die Ungläubigen ist gerecht. Auch in Deutschland. Schließlich habe der Westen den Krieg in den islamischen Ländern begonnen.

Man könnte die Schrift getrost als widerwärtiges Pamphlet eines notorischen Extremisten abtun. Wenn man nicht auf der gleichen Internetseite auf Videos stoßen würde, die Bekanntes zeigt: Die salafistischen Ausschreitungen vom 5. Mai 2012 in Lannesdorf oder die Prediger Abou-Nagie aus Köln sowie Abu Dujana und Abu Abdullah, beide aus Bonn.

Sie sind auch die Organisatoren der Verteilung von kostenlosen Koranen, wie derzeit auch wieder in Bonn. Sie firmieren unter dem Namen "Die wahre Religion" (DWR), und dass sie nun auf einer militanten Seite wie der von Millatu-Ibrahim (zu deutsch: Gemeinde Abrahams) gezeigt werden, zeigen die gegenseitigen Sympathien.

Zwar predigten die Vertreter der DWR auch schon vor dem 5. Mai gegen demokratische Grundwerte an. Doch das sehr vorsichtig. So scheiterte auch der Versuch, Ibrahim Abou-Nagie den Prozess wegen Volksverhetzung zu machen. Der 5. Mai war in gewisser Weise ein Wendepunkt. In Lannesdorf traten Abu Abdullah und der konvertierte Ex-Rapper Deso Dogg alias Denis Cuspert offen als Wortführer der aufgebrachten Salafisten auf. Cuspert gilt als Kopf von Millatu-Ibrahim. Während sich Cuspert, der 2012 in Bonn wohnte, mit einem Gefährten nach Ägypten abgesetzt hat, hält ein anderer Mitstreiter von Millatu-Ibrahim, der Deutsch-Türke Abu Ibrahim, hierzulande die Stellung.

So trat er an Silvester mit Abu Dujana in Iserlohn bei einem Islamseminar auf. Ihr Ziel: Junge Leute davon zu überzeugen, dass das Feiern christlicher Feste Muslimen den Weg ins Paradies verstellt. Mittlerweile gibt es einige solcher Videos auf der Seite von Millatu-Ibrahim, die den Schluss zulassen, dass deren Vertreter eng mit der Köln-Bonner Gruppe zusammenarbeiten. Wie der GA erfuhr, wird ein Verbot von "Die wahre Religion" überprüft. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums bestätigte nur, dass man die Gruppierung im Blick habe.

Die führenden Köpfe von Millatu-Ibrahim betreiben mittlerweile ihre Internet-Propaganda mutmaßlich von Ägypten aus. Im Nahen Osten haben sie auch Kontakte zu Al-Kaida geknüpft. So stellen sie nicht nur Material des Terrornetzwerks auf ihre Internetseiten, sondern sind umgekehrt aktiv im Al-Kaida-Netzwerk, sagte ein Experte dem GA. Immer wieder offenbaren sie ihren abgrundtiefen Hass auf die Bundesrepublik.

So heißt es in einem Video, das die Straßenschlacht von Lannesdorf martialisch ausschlachtet: "Wir geben unser Blut, ihr wart gewarnt... Der Krieg, der wird nach Deutschland kommen, Autobomben werden platziert." Zu sehen sind in dem Video: Abu Abdullah und Denis Cuspert. Dieser machte vor sechs Wochen noch bundesweit auf sich aufmerksam, weil er mit Geiselnahme drohte, wenn Murat K., der Messerstecher von Lannesdorf, nicht freikommen sollte.

Ein anderes Video auf der Internetseite zeigt Vertreter der "Wahren Religion" bei einem Vortrag, im Hintergrund die Plakate der Koran-Aktion. Wohl nicht nur wegen dieser Videos hält der Verfassungsschutz die Verteilung der Korane für eine Propaganda-Aktion. "Koran-Verteilung ist das falsche Stichwort.

Es geht hier um salafistische Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern", sagte ein Behördensprecher voriges Jahr. Allein am vergangenen Wochenende verschenkten DWR-Anhänger Tausende von Koranen an 70 Ständen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Stadt Bonn hatte 2012 versucht, die Aktion zu unterbinden, doch die Organisatoren gingen bis zum Oberverwaltungsgericht und erkämpften sich die Genehmigung für ihre angeblichen "Info-Stände".

Doch nicht nur gemäßigten Muslimen gefällt das radikale Auftreten nicht, selbst im salafistischen Milieu regt sich Unmut über die selbst ernannten Prediger der "Wahren Religion". Echte Anhänger der "Salafiyyah", also der alten Lehre, sollten sich von den falschen Predigern fernhalten, auch von der Koran-Aktion, rät Scheich Mahir aus Mekka auf einer deutschen Homepage. Die Gewalt von Lannesdorf verurteilt er. "Sagt euren Politikern: Mit ihnen (den Anhängern der Wahren Religion) haben wir nichts zu tun."