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GA-Interview: Das sagen Bonner Sportler zu den Hallen und Bädern

GA-Interview : Das sagen Bonner Sportler zu den Hallen und Bädern

Michael Scharf und Bernd Seibert vom Stadtsportbund vermissen einen langfristigen Plan für die Bonner Turnhallen und Außenanlagen. Von einer Olympiabewerbung sehen sie die Stadt und das Land meilenweit entfernt.

Der Zustand von Turnhallen und Sportplätzen, das Vereinsleben, eine mögliche Olympiabewerbung und der ständige Streit ums Geld. Mit dem SSB-Vorsitzenden Michael Scharf und Geschäftsführer Bernd Seibert sprachen über diese Themen Sabrina Bauer, Rüdiger Franz und Gert auf der Heide.

Herr Scharf, Herr Seibert, das neue Schwimmbad ist vom Rat beschlossen worden. Zugleich bleibt die Diskussion nicht zuletzt angesichts der Investitionsmittel in Höhe von 60 Millionen Euro und ihre Herkunft intensiv. Wie beurteilen Sie den Sachstand?

Michael Scharf: Wir haben uns anlässlich des ersten Ratsbeschlusses frühzeitig klar positioniert. Allen Vereinen, die lange im Geschäft sind, war klar: Eine Sanierung der Bestandsbäder ergibt keinen Sinn. Sie sind an ihren Standorten, egal wie man sie saniert, nicht attraktiv genug zu gestalten, um eine Perspektive für die Zukunft aufzubauen. Auch würden 26 Millionen Euro, die im Bäderhaushalt der Stadt Bonn für eine mögliche Sanierung bereitstünden, bei weitem nicht reichen. Brandschutz, Schadstoffsanierung und barrierefreie Zugänge sind da noch gar nicht eingerechnet. Von daher war die Variante, über die Stadtwerke ein Darlehen aufzunehmen, schonend für diese Reserve. Wir sind weiterhin der Meinung, dass ein Neubau, unter Beibehaltung der Freibäder und der Schulschwimmbäder sowie der Sanierung von Beueler Bütt und Hardtbergbad der richtige Weg ist.

Was sagen Sie denjenigen, die am Frankenbad hängen?

Scharf: Die Gefahr liegt im folgenden Punkt: Wenn dieser Neubau jetzt scheitert, wird man ja nicht morgen die Sanierung der anderen Bäder in Angriff nehmen. Das Frankenbad würde das allein zeitlich nicht überleben. Die Beueler Bütt wird derzeit notdürftig saniert, der nächste Schaden kann jederzeit eintreten. Schlimmstenfalls könnte sich die Situation noch einmal drastisch verschlimmern. Über ein Bürgerbegehren könnte das Thema politisch gefährlich verschleppt werden. Ich kenne in meiner Verantwortung die Bädersituation seit 1989. Seitdem gab es drei Bädergutachten und jahrelanges Nichtentscheiden. Hier müssen sich die Parteien an die eigene Nase fassen, die in den vergangenen Jahrzehnten Mehrheiten mitgetragen haben.

Damit scheint die Antwort klar, wie sich der SSB im Falle eines neuerlichen Bürgerbegehrens positionieren würde.

Bernd Seibert: Für uns ist der Neubau alternativlos. Der Grund für die 20-jährige Diskussion ist doch, dass allgemein bekannt ist, dass die 26 Millionen Euro im städtischen Haushalt für die Sanierung der bestehenden Bäder nicht ausreichen. Insofern ist die Möglichkeit, den Neubau über eine Bad GmbH finanzieren zu können, ein Glücksfall für die Stadt. Der Betrieb des neuen Bades wird wirtschaftlicher sein als der der bestehenden Bäder.

Bei den Bädern hat sich die Lage in der bekannten Form zugespitzt. Wie kann man denn verhindern, dass die übrigen Sportstätten irgendwann dasselbe Schicksal ereilt?

Scharf: Diese Gefahr steht bei allen Liegenschaften der Stadt im Raume, nicht nur bei den Sportstätten. Wir haben ja schon längere Hallenschließungen erlebt, sei es wegen Asbests, wegen Baumängeln oder aufgrund defekter Heizungen oder Sanitäranlagen. Insofern haben wir uns von der Sportentwicklungsplanung eine saubere Bestandsaufnahme im Stile eines Sportstättenkatasters erhofft. Wenn es jedoch so weitergeht wie bisher, wird sich das, was in den Schwimmbädern passiert, in den Hallen fortsetzen.

Statt des Katasters gab es eine Umfrage unter Bürgern, in Sportvereinen und Schulen. Sie erteilten den Bonner Sportstätten nur die Note befriedigend. Für Sie war das also keine Überraschung?

Scharf: Es hat uns durchweg bestätigt. Wir haben ein strukturelles Problem in der ganzen Stadt, für das es derzeit keine Lösung gibt. Das Städtische Gebäudemanagement (SGB) ist überfordert. Dabei kann ich auch verstehen, dass bei den knappen Ressourcen der Schwerpunkt auf den Bereichen Schule und Bildung liegt.

Seibert: Das Ergebnis der Befragung ist das eine. Professor Robin Kähler hat in seinem Gutachten dargelegt, dass der Zustand der Bonner Hallen weit unter dem Durchschnitt von Hallen in anderen Städten ist. Bei Ortsbegehungen hat sich das an konkreten Beispielen bestätigt. Unsere Forderung an die Politik ist es deshalb, schon jetzt konkrete Konsequenzen zu ziehen. Das wird auch Geld kosten. Es darf nicht passieren, dass die fertige Sportentwicklungsplanung in eineinhalb Jahren in irgendwelchen Schubladen verschwindet.

Welche Stadt kann denn als Vorbild dienen? Wo wurden Benchmarks gesetzt?

Scharf: Eine Benchmark hat die Stadt Düsseldorf gesetzt, aber der der Vergleich ist schwierig. Dort hat die Stadt die immensen Erlöse aus dem Verkauf städtischer Anteile an Energieunternehmen gezielt in die städtischen Sporthallen investiert. Das Ergebnis ist eine vorbildliche Infrastruktur. Grundsätzlich aber kann man sagen, dass in Bayern und vielen anderen Ländern der Zustand der Sportstätten durchweg besser ist als in Nordrhein-Westfalen.

Das spricht deutlich gegen eine mittelfristige Olympiabewerbung aus NRW....

Scharf: Ja, und zwar weil die Bevölkerung garantiert dagegen votieren wird, wenn ihre Kinder keinen anständigen Sportunterricht wahrnehmen können. Man muss einfach konstatieren, dass andere Städte in Zeiten des Wohlstandes intelligenter mit den Ressourcen umgegangen sind und Bonn leider nicht. Die Politik kann eine Bewerbung nur einreichen, wenn vor Ort die Gesamtzufriedenheit der Bürger stimmt.

Zum Vergleich: Gibt es denn Städte, in denen der Mangel besser verwaltet wird?

Scharf: Köln hat mit der Bäder GmbH vor 20 Jahren eine Vereinbarung getroffen. Die Bäderstandorte wurden konzentriert, jetzt sind alle Bäder saniert oder kurz davor, saniert zu werden. Essen hat vor 15 Jahren eine vorbildliche Sportstättenentwicklungsplanung angestoßen. Auch in Bielefeld und Neuss wurde rechtzeitig der richtige Weg eines langfristigen Sanierungsplans mit Prioritätenlisten eingeschlagen.

Dabei ist die Stadt Bonn doch mit dem Vorhaben ins Jahr 2017 gegangen, 9,7 Millionen Euro in die Sportstätten zu investieren...

Scharf: Ich will die Summe überhaupt nicht in Abrede stellen. Wir haben mit der Stadt auch viele Schritte gemacht. Aber hier sind wir beim Thema Transparenz. Uns sind diese Zahlen weder erläutert noch zugänglich gemacht worden, und wir wissen nicht, wo diese 9,7 Millionen Euro verortet werden. Wir wissen nicht einmal, wohin die jährliche Sportstättenpauschale des Landes in Höhe von rund 875.000 Euro fließt. Wenn man uns die konkreten Ergebnisse zeigte, wären wir die ersten, die Beifall klatschen.

Seibert: Über die größeren Sanierungsmaßnahmen sind wir natürlich informiert, aber die Mittelverwendung im Detail ist nicht transparent. Hier fordern wir Verbesserungen.

An welchen Stellen sehen Sie denn den größten Investitionsbedarf?

Scharf: Mein Wunsch wäre, das Thema Bäderkonzept mit der Beauftragung des Neubaus und der Sanierung von Hardtbergbad und Beueler Bütt in diesem Jahr abzuschließen und das Jahr 2018 dazu nutzen, mit der Politik eine vernünftige Prioritätenliste für die notwendige Sanierung der Sporthallen aufzustellen.

Seibert: Ich war bei allen Hallenbesichtigungen dabei. Da können Sie die Reihenfolge beliebig festlegen.

Welche Stimmung nehmen Sie dazu an der Basis wahr? Immerhin steigen die Steuereinnahmen auf Rekordhöhen, zugleich bröckelt die Infrastruktur.

Scharf: Das Wichtigste in einer Gesellschaft sind für mich Menschen, die sich vor Ort möglichst ehrenamtlich für das Gemeinwohl einsetzen. Wir stellen fest, dass aufgrund der Gesamtsituation im Sport eine Menge Frust da ist. Aus vielen Vereinen hören wir: Wir kämpfen hier gegen Windmühlen, die Situation wird nicht besser, sondern schlechter. Wir versuchen, ihnen dennoch Rückenwind zu geben, indem wir unsere Themen planmäßig abarbeiten. Aber manche Prozesse dauern lange. Es war auch seinerzeit eine heiße Diskussion, bis das Konzept für die Erneuerung der Fußballplätze verabschiedet war. Inzwischen sind alle froh, dass es umgesetzt wurde. Die Stimmung in den Vereinen ist je nach Situation unterschiedlich: Der Schwimmclub Rhenus Beuel geht - auch wegen der Bädersituation in Beuel - ganz schweren Zeiten entgegen. Zugleich gründen sich neue Vereine.

Was sind das für neue Vereine?

Seibert: Das sind zum Teil durchaus neue Sportarten wie die Jugger, Quiddich, die Tischkicker. Ein Meilenstein war es zudem, dass die 120 Betriebssportgemeinschaften (BSG) seit diesem Jahr bei uns den ordentlichen Mitgliedern gleichgestellt sind. Damit endete eine jahrelange Diskussion um den Sonderstatus der BSG. Sie können damit in den Genuss der städtischen Sportförderung kommen, und einer größeren Gemeinschaft gibt der Zuwachs natürlich ebenfalls Schub.

Fehlt es dem Sport in der Stadt an einflussreicher Stimme?

Scharf: Es fehlt an politischen Mehrheiten. Punkt. Wir sind beim Thema Intendantenvertrag jämmerlich gescheitert, und die Auswirkungen bekommen wir nun alle mit. Im schlimmsten Falle kommt es zum Haushaltssicherungskonzept, und dann entscheidet auch noch der Regierungspräsident mit. Dennoch haben wir einen guten Austausch mit allen Parteien der Kommunalpolitik. Ich glaube, dass die Qualität der Arbeit des Sportausschusses durch die permanente Teilnahme des SSB gewonnen hat. Insofern glaube ich, dass in vielen Themen eine logische Struktur ungeachtet der Parteipolitik eingezogen wurde.

Im Frühjahr beginnen die Haushaltsberatungen. Was erwarten Sie?

Scharf: Mir fehlt die Phantasie zu glauben, dass im Doppelhaushalt jetzt erheblich mehr Geld für den Sport freigestellt wird. Ich hoffe, dass nun das Thema Bäder abgearbeitet wird und man 2019/20 das Thema Hallen angeht.

Wie sehen Sie die Rolle des zuständigen Dezernenten, der in Ihren Reihen oft als Kulturdezernent wahrgenommen wird - und nicht als Sportdezernent?

Scharf: Es ist eine hehre Aufgabe, Sport und Kultur unter einem Dach zu führen. Mit der Sportentwicklungsplanung hat Herr Schumacher nach sechs Jahren nachgeholt, was wir seit langem gefordert haben. Die Sport- und Kulturdezernenten stammten zuletzt meist aus der Kultur, der Sport war das Anhängsel. Vor diesem Hintergrund stand auch unser Vorschlag, den Sport an einem anderen Dezernat anzubinden. Vielleicht ergäbe es auch Sinn, ihn analog zur neuen Landesregierung zur Chefsache zu machen und ihn ins OB-Büro zu holen. Das gemeinsame Dach bleibt problematisch.

Und das monetäre Missverhältnis?

Seibert: Das bleibt ungelöst. Hinzu kommt, dass auf der einen Seite die Sanierungspläne für die Oper diskutiert werden, und wir auf der anderen Seite wissen, welche Herausforderungen aus der Sportentwicklungsplanung zu erwarten sind. Da zeichnet sich schon jetzt ab, dass der gleiche Konflikt erneut ausbricht. Und da muss man sich schon fragen, ob der Sport in einem kulturlastigen Dezernat gut aufgehoben ist.

Der Konflikt zwischen Sport und Kultur bleibt uns also erhalten?

Scharf: Die Sportler sind nicht gegen die Kultur, sondern wir haben ein gesamtstädtisches Haushaltsproblem, das sich auch massiv auf den Sport auswirkt. Wir als Sportler haben die Gesamtsituation der städtischen Finanzknappheit vor sechs Jahren thematisiert, was uns seinerzeit als Frontstellung gegen die Kultur ausgelegt wurde. Aber mit Wegfall der Kulturförderung auf Grundlage des alten Hauptstadtvertrags musste Bonn die Kulturförderetats voll übernehmen. Das hat zu Engpässen geführt, die den Haushalt der Stadt in einen kritischen Bereich geworfen haben. Die Stadt hat darauf reagiert, indem sie ihr Personal bis zum letzten Cent ausgedrückt hat und im Städtischen Gebäudemanagement nicht mehr die Qualität hat, um diesen Problemen in den eigenen Liegenschaften Herr zu werden. Aus unserer Sicht wäre es folgerichtig gewesen, die Höhe des Intendantenvertrages auf den Prüfstein zu stellen. Ein Gewicht von 30 Millionen Euro jährlich ist gemessen an den verbleibenden freien Haushaltsmitteln schlichtweg nicht mehr zu stemmen. Darunter leiden viele Bereiche, unter anderem auch der Sport.

Warum haben Sie das Bürgerbegehren gegen den neuen Intendantenvertrag nicht in die Tat umgesetzt?

Scharf: Wir haben uns von Anfang an offensiv zu diesem Thema positioniert und nach dem Beschluss der Politik akzeptieren müssen, dass es mehrheitlich eine andere Haltung dazu gibt. Mit der Unterschrift des Vertrags war das Thema Bürgerbegehren erledigt.

Wie stehen Sie zum Eigenbetrieb von Sportstätten durch die Vereine?

Seibert: Absolut positiv. Nehmen Sie als Beispiel die Kunstrasenplätze. Alle sind begeistert über die Umwandlung. Aber der Bau ist das eine, die permanente Pflege das andere. Die Unterhaltung der Kunstrasenplätze ist dramatisch schlecht. Jeder Hersteller weist beispielsweise darauf hin, dass im Herbst eine tägliche Laubbeseitigung stattfinden sollte. Aber es ist doch jedem klar, dass ein städtischer Sportpflegedienst mit dem derzeitigen Personalbestand das nicht leisten kann. Zugleich kann natürlich nicht jeder Verein eine komplette Betriebsübernahme leisten, wie dies die Schwimm- und Sportfreunde im Sportpark Nord tun.

Scharf: Wenn die Plätze schlecht gepflegt sind, werden wir uns nicht in 15, sondern in sieben Jahren Gedanken über ihre Erneuerung machen. Lösung: Verantwortungsübergabe an die Vereine vor Ort und Abschließbarkeit zum Schutz vor Vandalismus. Allein der Austausch einer Glühbirne erfordert unangemessenen Aufwand, bedingt durch die verschiedenen Zuständigkeiten. Mit einem Investitionskostenzuschuss, der am Ende des Jahres abzurechnen wäre, ginge vieles leichter und unbürokratischer. Viele Vereine sind dazu bereit, denn die Alternative wäre, dass sie in absehbarer Zeit gar keine Sportstätten mehr haben. Voraussetzung wäre aber, dass zunächst einmal die Betriebskosten aufgeschlüsselt werden. In Gesprächen mit dem Städtischen Gebäudemanagement über konkrete Objekte war dies nicht möglich.

Seibert: Es geht eben nicht nur um Geld, sondern um strategische Partnerschaften, mit denen sich Defizite viel schneller abstellen ließen. Wenn der Verein wüsste, dass er auch für funktionierende Glühbirnen zuständig ist, hätte der Übungsleiter sie schon in der Tasche, bevor sie kaputt geht. Wir brauchen ein Umdenken.

Wie ist es denn allgemein um das Vereinsleben bestellt? Gibt es ausreichend Übungsleiter und ehrenamtliche Kräfte?

Scharf: Es gibt die klare Scherentendenz. Manche Vereine haben enormen Zuspruch, andere bluten mit ihren älter werdenden Vorständen langsam aus. Zugleich hängt viel vom Elan einzelner Gruppen ab, sehen Sie sich die Entwicklung der SSF-Triathleten an. Landesweit sind zwei Trends sichtbar: Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen ist enorm hoch und wird mit der Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit wieder wachsen. Zugleich haben wir riesigen Zuwachs bei den "rüstigen Älteren" ab 65 Jahren. Nach wie vor gibt es die Delle in der Altersgruppe 25 bis 45, die sich auch aus Zeitmangel oft nicht im Verein binden möchte, sondern lieber individuell Sport treibt.

Seibert: Unsere Zahlen bei Qualifizierungskursen und Projekten sind über die vergangenen Jahre konstant. Allerdings ist eine Verlagerung zu jenen Vereinen denkbar, die gut organisiert sind. Die kleineren Vereine werden es sicher schwerer haben.

Bieten Angebote wie "Sport im Park" eine Möglichkeit, Menschen auch an den Vereinssport heranzuführen, oder bewirken sie eher das Gegenteil?

Seibert: Das dezentrale Angebot für jedermann ist ein hervorragender Anker, um Menschen einen Einstieg zu bieten. Kostenlos, unverbindlich, und man braucht nicht einmal Sportkleidung. Im September, wenn "Sport im Park" endet, haben die Vereine Zuwächse.

Inwieweit wirken Sie in den Grundschulen?

Scharf: Mit zehn Grundschulen bereiten wir eine dauerhafte Kooperation vor. Dort führen wir im zweiten und vierten Schuljahr einen sportmotorischen Test durch, um ihnen Empfehlungen zu Neigungen und Talenten zu geben - oder auch Defizite aufzuzeigen. Das Projekt soll von der Kommunalpolitik demnächst offiziell institutionalisiert werden. Langfristiges Ziel ist es, das Projekt flächendeckend auf alle Bonner Grundschulen auszuweiten.

Wie bewältig der Bonner Sport seinen Beitrag zur Integration von Migranten? Aus dem schulischen Bereich ist immer häufiger von kaum zu bewältigenden Problemen zu hören.

Scharf: Sport ist darauf angelegt, ein Integrationsmotor zu sein. Die Vereine haben inzwischen zu rund 40 Prozent Mitglieder aus verschiedensten Nationen. Sie sind für mich somit Kulminationspunkte der Integration, weil es per se darum geht, Menschen in die Gruppe aufzunehmen. Im Sport mag das aber auch einfacher sein als im Bildungsbereich - Stichwort Sprachbarriere.

Seibert: LSB-Präsident Walter Schneeloch spricht im Zusammenhang mit den Sportvereinen immer von den 20.000 sozialen Tankstellen im Land. Die Vereine sehen es auch als Chance, neue Mitglieder zu gewinnen. Beim Programm Mitternachtssport sind freitagabends bis ein Uhr nachts die Hallen voll.

Stichwort Hallenbelegung: Auch die Koordinierung scheint zuweilen verbesserungswürdig, wenn sich Gruppen im Vorraum aufwärmen müssen, um die knappe Belegungszeit optimal nutzen zu können.

Seibert: Die möglichst optimale Auslastung der Hallen ist nicht nur in Bonn ein heiß diskutiertes Thema. Ein interessantes Pilotprojekt hat uns zum Beispiel der Rhein-Ahr-Campus vorgestellt, bei dem Vereine mit einem Bonussystem nicht benötigte Hallenzeiten ansparen können, ohne bei der Belegung einen Nachteil zu haben. Solche Ansätze sollen auch bei der Sportstättenentwicklungsplanung eine Rolle spielen. Klar ist: Ausreichend Hallenzeiten gibt es nie.

Scharf: Transparenz ist wichtig. Denn es ist nicht in Ordnung, wenn sich Vereine nicht benötigte Hallenzeiten "bunkern". Es gibt inzwischen auch technische Möglichkeiten, bei denen unter Berücksichtigung des Datenschutzes mit Wärmebildkameras nachgehalten wird, ob eine Halle belegt ist.

Ein Ziel der Visionen des SSB besteht darin, Local Heroes auszubilden - also Sportler als Werbeträger für Bonn als Standort für Spitzensport. Geht das nicht an der von Ihnen geschilderten Realität vorbei?

Scharf: Bei aller Kritik gibt es in Bonn durchaus Sportstätten, in denen man vom Kindergartenkind zum Olympiasieger werden kann. Wir sind hier durchaus noch im Hochleistungssport vertreten. Beispiele sind die Entwicklung beim 1. BC Beuel im Badminton mit einer herausragend guten Jugendarbeit, die Bedingungen bei den Fechtern des OFC Bonn oder auch bei den Bonn Capitals im Baseball.

Wer sich an Sommerabenden am Rhein aufhält, erlebt eine Stadt in Bewegung - mit Läufern, Radfahrern. Inlineskatern, Ruderern und vielen anderen mehr. Trotzdem vermeiden Sie ausdrücklich den Begriff der "Sportstadt". Warum?

Seibert: Was Sie aufzählen, sind Betätigungen, die allesamt ohne spezielle Infrastruktur auskommen. Hinsichtlich der Sportinfrastruktur im öffentlichen Raum sind andere Städte viel weiter. Auch das muss im Rahmen der Sportentwicklungsplanung auf den Tisch. Wir sind denke ich auf einem guten Weg, aber es warten noch große Herausforderungen auf uns.

Scharf: Zu einer Sportstadt gehört ein bisschen mehr als zwei Olympiasieger wie im Jahr 2008, sondern dafür braucht es ein Gesamtkonzept. Und den politischen Willen, den Sport insgesamt nach vorne zu bringen. In Bonn gibt es zurzeit zu viele Seitwärtsdiskussionen. Als Schwerpunktthema ist Sport in der Politik noch nicht angekommen. Und daher sind wir - bei allen guten Ansätzen – erst noch auf dem Weg zur Sportstadt.