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Notfallsanitäter-Gesetz: Dem Rettungsdienst in Bonn gehen die Retter aus

Notfallsanitäter-Gesetz : Dem Rettungsdienst in Bonn gehen die Retter aus

Die Bonner Feuerwehr warnt vor Engpässen beim Rettungsdienst. Laut Gesetz muss sie rund 100 Mitarbeiter zu Notfallsanitätern ausbilden. Doch die Ausbildung dauert zu lange.

Die Zahl der Rettungsdiensteinsätze in Bonn steigt ständig. Laut Statistik um rund drei Prozent pro Jahr. Gleichzeitig steigen auch die Anforderungen ans Personal. Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Die Bonner Feuerwehr steht vor der großen Herausforderung, ihre Leute zu sogenannten Notfallsanitätern ausbilden zu müssen. Das sieht ein neues Gesetz vor. Doch die Ausbildung ist aufwendig und dauert lange. Schlimmstenfalls droht sogar, dass dem Rettungsdienst die Retter ausgehen.

Ab 2027 muss auf jedem Rettungswagen (RTW) auch ein Notfallsanitäter sitzen – plus Rettungssanitäter. Weitere Notfallsanitäter werden als Fahrer der Notarzt-Einsatzfahrzeuge (NEF) benötigt. Für die Feuerwehr ein Riesenaufwand, da es sich erstmals um einen Beruf mit einer rund dreijährigen Ausbildung handelt, erklärt Carsten Schneider, stellvertretender Leiter der Bonner Feuerwehr. Daran schließe sich in Bonn eine 15-monatige Feuerwehrausbildung an.

Der Bedarf ist groß, was auch damit zu tun hat, dass bereits seit einigen Jahren keine neuen Rettungsassistenten mehr ausgebildet werden können, zusätzliche Notfallsanitäter aber erst mit Abschluss der neuen Ausbildungsgänge verfügbar sein werden.

„Ein anschlussfähiger Beruf“

Das Notfallsanitäter-Gesetz ist eine Antwort auf die wachsenden Anforderungen an das Rettungswesen und entsprechende Forderungen der Hilfsorganisationen. So werden Notfallsanitäter laut Schneider nicht nur eine umfassendere medizinische Ausbildung erhalten, zu der auch mehr Befugnisse gehören, etwa in Ausnahmefällen die Verabreichung von Medikamenten. Hinzu kommt für Alexander Pröbstl, Vorstandsmitglied der Uniklinik, „dass der Notfallsanitäter anders als der bisherige Rettungsassistent berufliche Aufstiegsmöglichkeiten hat“. Der Notfallsanitäter werde zu „einem anschlussfähigen Beruf“.

Dass die Ausbildung erst ab kommenden Herbst beginnen kann, hat für Bonns stellvertretenden Wehrführer mit den nötigen Abstimmungen im Vorfeld zu tun, die erst noch ausgehandelt werden mussten. Dass dieser Schritt erfolgt, ist vor allem vor dem Hintergrund der kontinuierlich steigenden Zahl von Rettungseinsätzen wichtig.

„Derzeit sind es etwa plus drei Prozent pro Jahr“, erklärt Fachmann Schneider. Warum die Zahlen in die Höhe schnellen, erklären Experten damit, dass sich der medizinische Versorgungsbedarf vor allem in ländlichen Regionen sowie mit dem Wegfall vieler Notfallpraxen erhöht habe. Auch zunehmende Bagatelleinsätze und steigende Notrufe durch Flüchtlinge haben daran einen Anteil, sagt ein Bonner Feuerwehrmann mit Fachwissen. Letzteres lässt sich in der Statistik von Carsten Schneider zwar „so nicht nachvollziehen“, aber er bestätigt: „Es ist der demografischen Entwicklung geschuldet, dass immer mehr ältere Patienten wiederholt den Rettungsdienst brauchen.“

Altgediente Feuerwehrleute sollen abgelöst werden

Das Einsatzaufkommen im Bereich der Notfallrettung stieg laut Bonner Presseamt seit der letzten Fortschreibung des Rettungsdienstbedarfsplans – also seit 2013 – um jährlich rund drei Prozent. Die Einsatzzahlen im Jahr 2016 liegen bei circa 35.000 Notfalleinsätzen, davon rund 10.000 mit Notarzt.

Daher will die Stadt ihre Strukturen dem Bedarf anpassen. Laut Schneider werden ab Januar 2018 allein drei zusätzliche Rettungswagen tagsüber durch die eingebundenen Partnerorganisationen eingesetzt. Zudem würden diese dann auch nächtliche Krankentransporte übernehmen, was zu einer deutlichen Entlastung des Rettungsdienstes der Feuerwehr führen werde.

Dazu sollen auch die neuen Notfallsanitäter beitragen. Allein der Rettungsdienst der Feuerwehr benötigt laut Schneider rund 100 Notfallsanitäter, die anderen beteiligten Hilfsorganisationen – Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Deutsches Rotes Kreuz (DRK) und Malteser Hilfsdienst (MHD) – weitere 100. Gedeckt werden soll der Bedarf bei der Feuerwehr durch Neueinstellungen von Auszubildenden sowie der Weiterbildung eigenen Personals, und zwar ungefähr im Verhältnis 50 zu 50.

Mitarbeiter in der Leitstelle brauchen Erfahrung

Anfang 2022 sollen dann die ersten ausgebildeten Notfallsanitäter vor allem altgediente Feuerwehrkollegen im Rettungsdienst ablösen. Das hat für Insider auch Sinn: „Viele Kollegen sind über 40 und schon seit über 20 Jahren im Dienst“, sagt einer, der nicht genannt werden möchte. Carsten Schneider erklärt, „dass die Kollegen deutlich vor der Grenze von 60 Jahren nicht mehr im Rettungsdienst eingesetzt werden sollen“. Aber klar ist ebenfalls: Viele der bisherigen Rettungsassistenten der Feuerwehr müssen sich zu Notfallsanitätern fortbilden.

Ungeachtet dessen will Schneider an der Beteiligung der Feuerwehr im Rettungsdienst festhalten: „Es hat sich bewährt, sowohl Feuerwehrbeamte als auch Mitarbeiter der Hilfsorganisationen im Rettungsdienst einzusetzen.“ Dadurch, dass die Feuerwehrleute auch erfahrene Rettungsdienstkräfte seien, stünden auch bei Großeinsätzen mit vielen Verletzten sofort weitere Einsatzkräfte zur Verfügung.

Außerdem, so Schneider, sei die Rettungsdiensterfahrung eine wichtige Grundlage für die Mitarbeiter in der Leitstelle, die die Einsätze koordinieren. „Wenn ich die Erfahrung vieler Tausend Rettungsdiensteinsätze mitbringe, kann ich auch am Notruf 112 viel einfacher nachvollziehen, was vor Ort passiert ist und welche Hilfe benötigt wird.“