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Demos in Bonn: Uniklinik-Beschäftigte demonstrieren für mehr Entlastung

Uniklinik-Streik in Bonn : Angst vor falschen Entscheidungen belastet Pflegekräfte

Seit Beginn des Streiks an den Unikliniken spitzt sich die Lage auf den Stationen weiter zu. Eine Pflegerin, ein Patient und der UKB-Vorstand äußern sich zur aktuellen Situation am Bonner Uniklinikum.

Der laufende Pflegestreik hat am Dienstag nach Angaben der Gewerkschaft Verdi etwa 600 Pflege- und Fachkräfte aus allen sechs NRW-Unikliniken auf die Straße gebracht. Der angekündigte Demonstrationszug führte vom Venusberg zum Poppelsdorfer Platz, wo er zur Mittagszeit in einer Kundgebung mündete. Der Arbeitskampf verfolgt das Ziel, mit den Arbeitgebern einen Tarifvertrag Entlastung zu verhandeln, der unter anderem dazu dienen soll, die Situation auf den Stationen mit strengeren Personaluntergrenzen zu verbessern und mehr angeleitete Praxiszeiten für Auszubildende sicherzustellen.

Eine 27-jährige Krankenpflegerin aus der Bonner Uniklinik (UKB) sagte dem GA, sie liebe ihren Job, „aber in den vergangenen Jahren hat sich der Notstand in der Pflege immer weiter zugespitzt. Wir sind am Limit. Es muss sich etwas ändern. Dafür kämpfen wir.“ Ihren Namen will sie nicht veröffentlicht sehen.

Das Hauptproblem sieht die junge Frau darin, dass die Stationen unterbesetzt seien. Ähnlich sehe es in den OP-Sälen aus. Hier müsse eine Pflegekraft oft mehrere Säle gleichzeitig betreuen. „Wir sind ständig am Priorisieren, welchen Patienten wir zuerst versorgen. Ich habe Angst, dass ich unter diesem Druck einmal eine falsche Entscheidung treffe und zu einem Patienten zu spät komme“, so die 27-Jährige. Am meisten bedauert sie, dass sie für viele Patienten nur noch die existenziellen Dinge erledigen könne. Das Zwischenmenschliche bleibe auf der Strecke. Außerdem habe sie kaum Zeit, neue Azubis anzulernen.

Uniklinik Bonn: 30 Operationen werden täglich verschoben

Dass die Arbeitsbelastung in einer Schicht zu groß sei, zeige sich auch darin, dass oft keine Zeit für eine richtige Pause sei. „Ich beiße in mein Brot, und dann klingelt ein Patient. Natürlich gehe ich sofort zu ihm. Oft ist ja kein anderer da“, so die Pflegerin. Die Stimmung auf den Stationen sei deshalb oftmals angespannt. Das Abschalten nach der Arbeit falle zunehmend schwer und dauere immer länger.

Den Unmut der Patienten aufgrund des Streiks kann sie verstehen: „Auch, wenn alle lebensnotwendigen Operationen weiter durchgeführt werden: Ausfälle und längere Wartezeiten sind nicht zu entschuldigen.“ Im Krankenhaus gäbe es jedoch nie einen passenden Zeitpunkt für einen Streik. „Wir kämpfen nicht nur für uns, sondern auch für die Patienten.“

Durch die Schließung einiger Stationen werden derzeit in Bonn täglich etwa 30 Operationen verschoben. Der Hardtberger Bezirksbürgermeister Christian Trützler gehört zu den Betroffenen. „Mein Eingriff am 18. Mai konnte nicht stattfinden. Ärgerlich ist das schon“, sagte Trützler. Zumal er kurz nach dem Ersatztermin für den 1. Juni auf das Wave-Gothic-Festival in Leipzig will, für das er schon ein Ticket gekauft hat. Doch zeigt Trützler Verständnis für den Streik. Der Kommunalpolitiker sitzt seit einer Vergiftung im Urlaub im Rollstuhl und ist in der Folge nicht selten in Behandlung auf dem Venusberg. „Viele Pflegekräfte haben mir schon von ihrem belastenden Arbeitsalltag berichtet. Und ich finde es richtig, dass nun darüber verhandelt werden soll, wie sich die Situation für sie verbessern lässt.“

Holzgreve: Situation an Uniklinik verschärft sich durch Streik

Wie der Vorstandsvorsitzende des Bonner Uniklinikums, Wolfgang Holzgreve, sagte, verschärft sich die Situation, weil die Arbeit nun seit Wochen stärker auf den Schultern derjenigen laste, die sich nicht am Streik beteiligen: „Momentan sind an den sechs Universitätskliniken, also Aachen, Köln, Düsseldorf, Bonn, Münster, Essen, über 2000 Betten geschlossen, davon knapp 200 am UKB“. Das sei eine „sehr ernst zu nehmende Situation, weil es ja bedeutet, dass das eine Uniklinikum nicht an andere überweisen kann“. Oberste Aufgabe sei es, „dass alle Patienten versorgt werden, die uns brauchen“. Natürlich respektiere man das Streikrecht. „Aber auf der anderen Seite ist genauso klar, dass wir nicht zulassen können, dass auch nur ein einzelner Mensch durch den Streik geschädigt wird in seiner Gesundheit.“

Holzgreve sagte auch, dass die Ziele von Verdi, den Beschäftigten und dem UKB selbst ähnlich seien. Sowohl Holzgreve als auch die stellvertretende Pflegedirektorin am UKB, Nadia Storm, führten aus, dass die Uniklinik Fachpersonal im In- und Ausland rekrutiere. Das UKB arbeite mit einer Sprachschule zusammen und habe für die Ausbildung ein eigenes Schulungsgebäude auf dem Campus errichtet. Die Uniklinik stelle Service-Personal ein, um Pfleger zu entlasten. „Wir haben auch keinen Einstellungsstopp, und suchen weiterhin gutes Pflegepersonal“, sagte Storm.

Fachkräftemangel und Stellenvakanz an Unikliniken in NRW

Der Fachkräftemangel und die daraus folgende Stellenvakanz ist eines der Hauptprobleme, mit dem nicht nur die Unikliniken, sondern auch Krankenhäuser in anderer Trägerschaft umzugehen haben. Da die NRW-Landesregierung per Kabinetts-Beschluss gerade den Ausstieg aus der Tarifgemeinschaft der Bundesländer angekündigt hat, könnten die sechs NRW-Uniklinika künftig direkt mit den Beschäftigen und der Verdi-Gewerkschaft verhandeln. „Noch sind dafür nicht alle Grundlagen geschaffen. Wir hoffen, dass der Streik schnell beendet wird“, sagte Holzgreve.

Derzeit stünden das UKB und Verdi in regelmäßigem Kontakt und hätten eine Notdienst-Vereinbarung getroffen, um die Grundversorgung aufrechtzuerhalten. Der Vorstandsvorsitzende geht davon aus, dass die bereits laufenden Gespräche von Verdi in eine ähnliche Richtung geführt werden, wie es an den Berliner Häusern Charité und Vivantes der Fall war. Dort wurden strengere Personaluntergrenzen für die Besetzung auf den bettengeführten Stationen festgelegt und ein Punktekonto für die Bediensteten eingerichtet für den Fall, dass diese Untergrenzen unterschritten werden. Die Punkte bekommen die Angestellten mit Freizeit vergütet.

Ein weiterer Aspekt wären Verbesserungen in der praktischen Ausbildung. Holzgreve zufolge würden schon einige Punkte, die in Berlin Bestandteil der Verhandlungen gewesen seien, an der Bonner Uniklinik erfüllt. „Das Problem ist aber natürlich, dass insbesondere die Anhebung der Personaluntergrenzen den Mangel an Fachkräften noch einmal verstärken werden“, so Holzgreve. Die Festlegung von Personaluntergrenzen, betonte der UKB-Vorstandsvorsitzende, sei von Station zu Station, von Schicht zu Schicht unterschiedlich. Fachgremien setzten sich damit auseinander. Ein gemeinsamer Bundesausschuss lege sie unter „sehr strengen Regeln Evidenz-basiert fest“.

Verdi-Gewerkschaftssekretär Arno Appelhoff sagte am Dienstag, Gewerkschaft und Beschäftigten sei an einem schnellen Ende des Streiks gelegen. Solange keine Lösung vorliege, werde der Arbeitskampf fortgesetzt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Uniklinik-Beschäftigte ziehen bei Demo durch Bonn