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GA-Serie: Bonner Perspektiven: Der Blick zurück nach vorn

GA-Serie: Bonner Perspektiven : Der Blick zurück nach vorn

Braucht eine Stadt ein Image? Ein Branding oder ein Claim, wie der Marketingexperte Marken nennt? Ohne ein geschärftes Profil scheint heute im Wettbewerb der Städte kaum etwas zu laufen.

41 Jahre lang war Bonn Bundeshauptstadt, eine Rolle, die die Stadt solide, aber eher glanzlos erfüllt hat, ein Titel, der zunächst mit dem Suffix "Provisorium" versehen war. Bonn hat sich den Titel nicht "verdient", per Wahl erhielt die Stadt 1949 den Zuschlag vor Frankfurt.

Und dann war Bonn "unverschuldet" Bundeshauptstadt - mit allen imageträchtigen und finanziellen Vorteilen, die das mit sich brachte. Hauptstadt ist Hauptstadt. Schließlich wurde Bonn Bundesstadt. Schon schwieriger. Was ist eine Bundesstadt? Ist der Begriff sexy genug, um im Konzert der Städte mitzuspielen?

"Bonn wird bald Touristen brauchen", sinnierte 1997 "Die Zeit", sechs Jahre nach dem Beschluss über Berlin als neuem Regierungssitz und zwei Jahre vor dem Umzug der Regierung an die Spree, und mahnte ein neues Profil an.

Beethovenstadt? Stadt der Museen? Ehemalige Regierungsstadt? Kongressstadt? Später kamen Wissenschaftsstadt und UN-Stadt hinzu. Sexy genug, um die Scharen nach Bonn zu locken und den Bonnern selbst ein besseres Selbstwertgefühl zu geben?

Eine 2014 veröffentlichte Studie der IHK Bonn/Rhein-Sieg hat die Alleinstellungsmerkmale ermittelt, die sich "hervorragend für die touristische Vermarktung eignen": Das sind der Status als ehemalige Hauptstadt, Beethoven und der romantische Rhein. 35,6 Prozent der Touristen besuchen die kulturellen und ehemaligen politischen Einrichtungen.

Eine Studie der Universität Bonn wertete 2005 Reiseführer über Bonn aus und stellte ein Ranking der meistgenannten Attraktionen zusammen: Auf Platz eins steht das Beethoven-Haus, dicht gefolgt vom ehemaligen Regierungsviertel und dem Haus der Geschichte.

Diskussionen um Oper und Orchesterstärke müssen aufhören

Kennt die Stadt ihre Stärken, macht sie genug daraus? Nein, macht sie nicht. Als eine Beethoven- und Musikstadt müsste Bonn mehr Anstrengungen in eine Erweiterung des Beethoven-Hauses stecken, müssten die Diskussionen um Oper und Orchesterstärke aufhören, hätte es nie passieren dürfen, dass man die Beethovenhalle und die Oper verfallen und sich das Festspielhaus durch die Lappen gehen lässt.

Eine Wissenschaftsstadt wird dann unglaubwürdig, wenn sie aus ihrem einzigen Technikmuseum aussteigt, ansonsten allein der Universität überlässt, das Wissenschaftsprofil der Stadt zu zeichnen. Der Einstieg als Kongressstadt gestaltet sich nach der WCCB-Affäre holprig. Fortschritte gibt es auf dem Weg zur UN-Stadt. Fraglich nur, ob das imagerelevant ist.

Ein großes Feld ist die Bonner Vergangenheit. Die Stadt hat die Erinnerungsarbeit an der eigenen Geschichte weitläufig outgesourced, sprich: überlässt es häufig anderen, die neuere Stadtgeschichte zu spiegeln.

Wer über die immerhin 41 Jahre währende Hauptstadtzeit etwas erfahren will, die Zeit, die ein hoher Prozentsatz der Menschen bundesweit miterlebt hat, muss mit der U-Bahn bis zur Heussallee fahren, um im Untergrund in den Schaufenstern der Station am Haus der Geschichte Wissenswertes über die Hauptstadt zu erfahren.

Bonner Analyse

Schön gemacht, aber doch zu wenig. Im Haus der Geschichte dann weitere Bonn-Spuren. Dem Museum ist zu verdanken, dass man im Keller auch buchstäblich tief in die Bonner Geschichte, und zwar in die römische Zeit steigen kann. In der U-Bahn-Passage dann die Bonner Republik, und dann geht es hinaus auf den "Weg der Demokratie" durch das Regierungsviertel. Auch hier hat sich das Haus der Geschichte engagiert - und kaum die Kommune, die davon profitiert.

Das Alltagsleben in der Bonner Republik findet in der Stadt kaum einen Nachhall - das rührige Stadtmuseum hat genug zu tun, Vorgeschichte und Kurfürstenzeit zu dokumentieren. Das einer Privatinitiative zu verdankende August Macke Haus wird sich nach Eröffnung des Erweiterungsbaus im ursprünglichen Künstlerhaus der Geschichte Bonns am Anfang des 20. Jahrhunderts widmen.

Sündenfall hätte sich fast wiederholt

Eine Stadt ohne Geschichte, das gibt es nicht, wohl aber eine Stadtpolitik, die das ignoriert. Dass man 2006 die denkmalgeschützte neoklassizistische Villa Dahm, einst Sitz der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, abreißen ließ, um dem WCCB Platz zu machen, stieß nicht nur bei der historisch interessierten Bevölkerung auf Unverständnis.

Ein Sündenfall wie dieser hätte sich fast wiederholt, als OB Bärbel Dieckmann 2009 die denkmalgeschützte und einst unter anderem mit einer Million Mark Spenden von Bonner Bürgern gebaute Beethovenhalle zur Disposition stellte, um auf dem Areal das Festspielhaus bauen zu lassen.

1974 bis 1989 tagte die Bundesversammlung in der Halle, zudem ist sie ein Ort der kollektiven Erinnerung der Bürger. Ihre Beethovenhalle wollte die Stadt Bonn zum 50. also nicht nur nicht feiern, sondern gleich abreißen.

Die Kunst wird es sein, das historische Erbe nicht zu verleugnen und auf diesem Fundament neue "Marken" zu entwickeln, die zu dieser Stadt passen, und die Stärken, die sie hat, ins Rampenlicht zu setzten. Dazu muss man sie allerdings erkennen.

GA-Serie

Unter der Überschrift Bonner Perspektiven greift die Redaktion kurz vor der OB-Wahl Knackpunkte städtischen Lebens auf. In zugespitzten und pointierten Analysen suchen Autoren zusammen mit Experten nach Lösungen für schwierige gesellschaftspolitische Fragen. Freuen Sie sich auf folgende Termine und Themen:

Montag, 17. August: Erinnerungskultur

  • 19. August: Wohnen in Bonn
  • 21. August: Die Marke Bonn
  • 24. August: Bonn und Berlin
  • 26. August: Beethoven im Jahr 2020
  • 28. August: Sport in Breite und Spitze
  • 31. August: Teure Verwaltung
  • 2. September: Die Innenstadt
  • 4. September: Schwieriger ÖPNV
  • 6. September: Teure Sportstätten