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Bonner Köpfe: Der Sachensammler, der alles hat

Bonner Köpfe : Der Sachensammler, der alles hat

Klaus Thull ist Antiquar, Künstler und Handwerker. Jetzt schließt er sein Geschäft „Holzwurm und Blattlaus“. Die Liste der Gebäude in Bonn, die er durchwühlt hat, ist lang.

Der kleine Innenhof ist völlig zugestellt. Gartenzwerge, alte Bonner Straßenschilder, Leuchtreklame. 20 Waschbecken und Toiletten stehen in einer Ecke, doppelt so viele Fensterrahmen in der anderen. Hier bekommt man Hunderte alte Schlüssel genauso wie eine Biedermeierkommode. Wer den Geschäftsinhaber nicht kennt, würde Klaus Thull als Messi bezeichnen. Wer ihn kennt, nennt ihn den Sachensammler, der alles hat. „Jedes Teil ist für mich Gold wert“, sagt er und rückt seine Brille zurecht, die er aus zwei Gestellen zusammengebastelt hat.

Wenn der 68-Jährige „jedes Teil“ sagt, dann meint er das genau so. In den vergangenen 40 Jahren hat er Tausende Dinge vom Sperrmüll geholt und vor dem Verschrotten gerettet. Die Liste der Gebäude, die er durchwühlt hat, ist lang. Das Beethoven-Gymnasium, den Petersberg, die Haribo-Fabrik gehören dazu. Auf 800 Quadratmetern hat er sich mit viel Leidenschaft sein eigenes Reich an der Bonner Straße in Bad Godesberg erbaut: Holzwurm und Blattlaus.

Dort lagern seine Errungenschaften, die nun alle raus müssen. Ende Juni will er dicht machen. „Weil ich merke, dass ich es nicht mehr so kann.“ Peilte er früher zielstrebig eine seiner vielen Kisten an und konnte dem Kunden das passende Teil in die Hand drücken, braucht er heute zwei Versuche. „An manchen Tagen sogar drei.“ Und dann fragt er sich, was mit all den Sachen passieren soll, wenn er mal nicht mehr ist. „Meiner Familie kann ich das nicht hinterlassen. Deswegen muss jetzt mal gut sein“, murmelt er in seinen Vollbart.

Was für ihn eine Entlastung bedeutet, ist für seine Kunden eine Belastung. „Wo soll man denn sonst hingehen“, fragt Manfred Alexnat. Der Senior kommt schon seit Jahren vorbei. Diesmal bringt er einen Stuhl mit, dessen geflochtenes Rückenteil ein Loch hat. Mit dem Wissen, dass Klaus Thull jemanden kennt, der es originalgetreu reparieren kann. „Der Korbflechter kommt die Tage, das wird so 150 Euro kosten.“ So schnell, wie Alexnat kam, ist er auch wieder verschwunden. Untypisch. Denn sonst stöbert er, verrät Thull. Im Schnitt bleiben die Kunden ein bis zwei Stunden, schauen sich um, klönen, lassen sich inspirieren.

„Handeln, kreativ sein, verkaufen. Das ist immer mein Motto gewesen“, erzählt Thull. Angefangen hat er damit während des Sozialpädagogik-Studiums. Damals holte er alte Fenster vom Sperrmüll und baute Spiegel in sie ein. Ein echter Trend: Spiegelfenster waren der Hingucker im Partykeller der 80er Jahre. Als er Nachahmer fand, baute er aus den Fenstern verspiegelte Regale. Und zuletzt Vitrinen, die von vier Seiten geöffnet werden können. Zaunpfähle machte Thull zu Tischbeinen. Er demontierte ganze Treppenhäuser samt Marmorböden, holte sich die Leuchtbuchstaben von geschlossenen Geschäften. Die letzten von einem Briefmarkengeschäft der Südüberbauung.

Ohne handwerkliche Begabung würde das alles nicht funktionieren. Die Erfahrungen gibt er gerne an Heimwerker weiter. „Die Türklinke müssen Sie einfach ein bisschen polieren, dann sieht die wieder wie neu aus“, sagt er Nicole Oberdinger. Per Mail hat sie nach einem Türgriff aus den Jahren um 1900 gefragt, weil sie gerade eine alte Wohnung renoviert. „Man kann das im Baumarkt im alten Stil neu kaufen, aber dann ist es nicht echt“, erzählt sie. Thull will 40 Euro haben. Wahrscheinlich kommt sie noch einmal wieder, denn es gibt noch einige andere Türen.

Türen sind eines von Thulls Spezialgebieten. Ein großer Raum steht nur voll mit Holz, alten Zargen und Eingängen. Vieles bereitet er auf oder baut daraus etwas Neues. Manches steht seit Jahren herum, ohne dass es auch nur einen Interessenten gab. „Was für mich wertlos erscheint, ist für jemand anderen wertvoll. Deswegen schmeiße ich nichts weg.“ Für einen Ladenhüter – zwölf Fenster, die seit mehr als 20 Jahren lagern – gibt es jetzt vielleicht jemanden. Er will damit einen Schuppen bauen.

Selbst Profis kommen zu Thull. Tischler Karl Irsch ist so einer. Er holt eiserne Fenstergitter ab, die er für die Gaststättenkette „Stäv“ aufbereitet. „Das Schlimme ist ja, dass mit Klaus auch eine Menge Wissen verloren geht“, sagt Irsch. Dabei zeigt er auf einen Nivellierstab, der früher zum Vermessen benutzt wurde. „Das kennt doch keiner mehr von den jungen Leuten, hier kann man's noch finden.“ Auch er hat wieder etwas entdeckt, was er schon lange nicht mehr gesehen hat. Ein kleines schwarzes Schulheft aus den 60ern, mit dem er Schreiben gelernt hat. Das gibt ihm Klaus Thull so mit. Als Andenken.

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