Lesung in der LVR-Klinik Der unendlich schwere Weg aus der Sucht

BONN · Henning Hirsch las bei den Psychiatrietagen in der LVR-Klinik aus seinem autobiografischen Buch „Saufdruck“, einem schonungslosen autobiografischen Roman über die Abgründe der eigenen Sucht.

Für Tim Keller ist es die allerletzte Chance. Er wird nach einem heftigen Besäufnis im Koma in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort machen ihm die Ärzte deutlich, dass er einen weiteren Absturz nicht überleben wird. Tim Keller will kämpfen. Der 40-Jährige bringt innerhalb von drei Jahren 30 Entgiftungen hinter sich, die seinen körperlichen Verfall und den sozialen Niedergang jedoch nicht aufhalten können.

Diese Situation ist Henning Hirsch – 1962 geboren in Bonn, aufgewachsen in Köln – bestens bekannt. Sein Buch „Saufdruck: In vier Jahren ganz nach unten“ ist ein schonungsloser autobiografischer Roman über die Abgründe der eigenen Sucht. Auch der Autor hat die Kehrseite der Droge kennengelernt: Intensivstation, Psychiatrie, Obdachlosigkeit, Suizidgedanken. Heute ist Henning Hirsch „clean“. In „Saufdruck“ beschreibt der geschiedene Vater von drei Kindern, wie sich der Alkohol langsam in das Leben geschlichen, wie ihn die Sucht zerstört hat und von seiner Unfähigkeit, sich aus eigener Kraft davon zu befreien.

Mit seiner ehrlichen Analyse und den unangenehmen Wahrheiten vom harmlosen Einstieg und dem schweren Ausstieg fesselt der in Bad Honnef lebende Autor und Betriebswirt immer wieder. Bei seiner Lesung am Samstag im Rahmen der Frühjahrs-Psychiatrietage der LVR-Klinik Bonn – hier hat er zwölf seiner insgesamt 30 Entgiftungen durchgeführt – waren Besucher und Fachpublikum gleichermaßen gespannt wie betroffen. „Das Schreiben dieses Buchs war die beste Therapie für mich, weil ich mir viele Sachverhalte, die mir Ärzte und Psychologen zwar erklärt hatten, nun selbst erarbeiten musste und mir dabei über Ursachen und Auslöser meines exzessiven Trinkverhaltens langsam klar wurde“, erzählt Henning Hirsch bei seinem Besuch in der LVR-Klinik.

„Wir haben es uns nicht nur zur Aufgabe gemacht, unseren Patienten professionell zu helfen, sondern möchten auch über psychische Erkrankungen aufklären und mit den Menschen ins Gespräch kommen“, so Professor Markus Banger, Ärztlicher Direktor der LVR-Klinik Bonn. „Wir wollen ein Zeichen setzen gegen die immer noch andauernde, gesellschaftliche Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen. Uns ist der Dialog mit den Menschen wichtig – egal, ob Betroffener, Angehöriger oder einfach nur allgemein am Thema Psychiatrie Interessierte.“ Deshalb informiert das Ärzteteam beim Psychiatrietag die Besucher über verschiedene Hilfsangebote. Als Chefarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen und Psychotherapie beschäftigte sich Banger in einem Vortrag mit dem Thema „Sport und Drogen“.

Mittlerweile kennt Hennig Hirsch seine größte Gefahr ganz genau. „Das ist der Leichtsinn“, erklärte er. „Auch wenn man denkt, dass man alles im Griff hat, so führt doch auch nur ein einziges Glas Bier zwangsläufig wieder auf die Intensivstation.“

Meistgelesen
Neueste Artikel
Bitteres Geschäft für die Stadt
Kommentar zum Viktoriakarree in Bonn Bitteres Geschäft für die Stadt
Zum Thema
Aus dem Ressort