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Interview: Der Wunsch nach einfachen Antworten

Interview : Der Wunsch nach einfachen Antworten

Der emeritierte Philosophie-Professor Andreas Bartels aus Ippendorf wirbt in einem neuen Buch um mehr Verständnis für die Wissenschaft.

Warum verdient die Wissenschaft besonderes Vertrauen? In Zeiten der Pandemie stellt sich diese Grundfrage umso dringlicher. Der Ippendorfer Philosoph Andreas Bartels hat in seinem Berufsleben das Wesen der Wissenschaft erforscht. Demnächst erscheint sein Grundlagenbuch dazu. GA-Mitarbeiter Martin Wein hat mit ihm darüber gesprochen.

Herr Professor Bartels, Sie sind Mathematiker und Philosoph. Wie passt das zusammen?

Andreas Bartels: Während des Mathematik- und Physikstudiums habe ich gemerkt, dass mich Fragen nach den Grundlagen der Wissenschaften besonders interessieren. Fragen wie: Welche Art von Gegenständen stellen eigentlich diese merkwürdigen Elektronen dar? Was würde passieren, wenn man ein Elektron in eine kleine Schachtel sperrt? Ich bin dann bei einem Professor für Philosophie der Naturwissenschaften gelandet. Er hat meine vagen Interessen in konkrete Bahnen gelenkt.

Ist die Philosophie für die Bereiche da, die andere Wissenschaften nicht erklären können?

Bartels: Die Philosophie stellt zumindest ungewöhnliche Fragen – aus der Perspektive anderer Wissenschaften. Allerdings sind Grundlagenfragen in jedem Fach vorhanden. Sie stehen zwar nicht im Zentrum, schließen sich aber zwanglos an die Wissenschaft an.

Naturwissenschaft und Technik sind das Fundament der Post-Industriegesellschaft. Trotzdem fragen Sie in einem neuen Buch, warum wir der Wissenschaft eigentlich glauben. Was hat Sie da geritten?

Bartels: Die Zuspitzung hat sich beim Schreiben ergeben, weil sie durch die Klima- und die Coronakrise sozusagen tagesaktuell wurde. Dadurch wurde mir klar: Es ist wichtig zu erklären, wie Wissenschaft funktioniert und warum sie einen besonderen Status hat.

Woher kommt der denn?

Bartels: Wissenschaft verbindet zwei gegenläufige Strategien miteinander. Einmal ist da die Entdeckungsstrategie. Unsere Erfahrungen entsprechen einem Puzzle mit vielen Lücken. Vieles können wir mit unseren Sinnen und alltäglichen Erkenntnisweisen nicht erfassen. Die Wissenschaft versucht, solche Lücken zu füllen. Neue Puzzleteile ergeben sich nicht einfach aus Beobachtungen, sondern werden vom Wissenschaftler in Form hypothetischer Annahmen selbst zurechtgeschnitten und hinzugefügt. Man schaut dann, ob sie in das entstehende Puzzle passen. Da nicht eindeutig vorgegeben ist, welche Puzzleteile man nehmen soll, entsteht daraus wissenschaftliche Meinungsvielfalt. Die zweite Strategie ist die Überprüfung an beobachtbaren Tatsachen und die harte Kritik von Fachkolleginnen und -kollegen. In der modernen Wissenschaft ist Kritik so stark institutionalisiert, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die nicht erfolgreichen Annahmen – Puzzleteile – werden dadurch ausselektiert, und was übrigbleibt, hat sich gut bewährt und ist daher vertrauenswürdig.

Wie kann man wissenschaftliche Aussagen erkennen?

Bartels: Wissenschaft verwendet nach Möglichkeit sehr präzise Ausdrücke. Nicht hinter jedem steckt eine exakte Definition. Aber zumindest sollte man immer klar erkennen können, welche Folgen mit einer gemachten Aussage verbunden sind. Anhand ihrer Konsequenzen lässt sich die Aussage dann überprüfen.

Sie haben sich seinerzeit über „die Erzeugung wissenschaftlichen Verstehens“ habilitiert. Wenn Sie sich in ihrer Nachbarschaft auf dem Venusberg unterhalten, haben Sie dann den Eindruck, dass allgemein ein ausreichendes Verständnis für wissenschaftliche Prinzipien besteht?

Bartels: Einzelne Erkenntnisse aus der Wissenschaft werden aus den Medien oder aus Sachbüchern durchaus aufgenommen. In der Normalbevölkerung ist nach meiner Wahrnehmung dagegen das Verständnis für die Funktionsweise von Wissenschaft nicht besonders stark ausgeprägt.

Gibt es Defizite im Schulunterricht und in der universitären Ausbildung?

Bartels: Zur heutigen Fachdidaktik kann ich im Detail wenig sagen. Allerdings ist der Schulunterricht häufig an wissenschaftlichen Resultaten orientiert. Es werden bestimmte Fakten und deren Zusammenhänge vermittelt. Aber mit welchen Hypothesen Wissenschaftler zur Kenntnis dieser Fakten gekommen sind, wie sie genau ihre Daten gesammelt haben und welche Methoden dahinterstecken, bleibt eher unsichtbar. Mehr Wissen darüber würde helfen, die Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaft aufzuzeigen und Verständnis für die Entwicklung des Wissens zu wecken.

Mit Ausbruch der Pandemie hat eine vordem wenig populäre Wissenschaft – die Virologie – ungeahnt hohe gesellschaftliche Beachtung gefunden. Ist es Aufgabe von Virologen, uns aus der Krise zu leiten?

Bartels: Wissenschaft kann Wege aufzeigen, auf denen bestimmte Ziele erreichbar sind. Über die Ziele selbst muss die Gesellschaft sich einig werden.

Erwarten wir gerade bei Zukunftsprojektionen zu viele exakte Antworten von der Wissenschaft?

Bartels: Die Wissenschaft braucht, wie vorhin gesagt, verschiedene Puzzleteile, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Eine Vielfalt der Meinungen ist ausdrücklich erwünscht. Auf der anderen Seite gibt es das gesicherte Wissen. Was Virologen, Epidemiologen oder Klimaforscher in Talkshows erklären, gehört überwiegend zum gesicherten Wissen. Kontaktvermeidung beispielsweise ist entscheidend zur Eindämmung der Pandemie. Das wird kein Wissenschaftler bestreiten. Ob man aber zur Kontaktvermeidung besser Geschäfte oder Schulen schließt, das ist mit dem gesicherten Wissen der Virologie allein nicht zu entscheiden. Und gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen das auch.

Im Fall des Corona-Virus hat die wissenschaftliche Expertise zu bislang unvorstellbaren Einschnitten ins Alltagsleben geführt. Wie erklären Sie eigentlich die Wirkmächtigkeit dieser Erzählung, die ja in anderen Fällen – am prominentesten bei der Erderwärmung – weitgehend ausbleibt?

Bartels: Im Frühjahr waren die Bilder aus Intensivstationen und vom Abtransport der Toten, vor allem in Italien, natürlich beeindruckend. Die haben Vielen berechtigte Angst gemacht.

Ich habe trotzdem den Eindruck, je mehr neue Erkenntnisse die Lebensrealität verändern, desto attraktiver werden pseudowissenschaftliche Erklärungsansätze und Weltbilder. Nehmen Sie das auch wahr und woran liegt das?

Bartels: Wissenschaft übt gesellschaftlichen Druck aus. Ihre Erkenntnisse fordern bestimmte Verhaltensänderungen ein. Dies erzeugt bei manchen Menschen eine Gegenreaktion, vor allem wenn die Wissenschaft als elitäre Kaste empfunden wird. Dagegen setzt sich aber auch die Überzeugung durch, dass Wissenschaftler nicht arrogant sind, sondern hilfreiche Hinweise und Erklärungen geben, die jeden zum Mitdenken einladen. Es gibt nun aber bei Menschen einen natürlichen Hang zum Wunschdenken. Wir mögen es häufig gerne unkompliziert und emotional ansprechend, während die Wissenschaft oft als kühl und nüchtern empfunden wird.

Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip also. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt…

Bartels: Etwas davon hat jeder in sich. Wenn das sehr stark ausgeprägt ist, wird es problematisch.