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Erziehungswissenschaftlerin Stefanie Greubel: „Die Eltern sind oft aufgeregter als die Kinder“

Erziehungswissenschaftlerin Stefanie Greubel : „Die Eltern sind oft aufgeregter als die Kinder“

Kinder und Eltern im Ausnahmezustand: Der erste Schultag bedeutet für Familien Spannung und Vorfreude, aber oft auch Verunsicherung. Für mehr Gelassenheit plädiert die Erziehungswissenschaftlerin Stefanie Greubel.

Wie Eltern und Kinder sich richtig vorbereiten erklärt sie im Gespräch mit Delphine Sachsenröder.

Wie können Eltern ihre Kinder auf den ersten Schultag vorbereiten?
Greubel: Am wichtigsten ist eine gelassene, positive Grundhaltung. Ängste und Vorbehalte der Eltern übertragen sich schnell auf die Kinder und belasten den Schulstart, auf den sich die meisten Kinder eigentlich freuen.

Oft wird in den Sommerferien schon für die Schule geübt...
Greubel: Wenn das Kinde keine Lust dazu hat, sollte man es auf keinen Fall dazu zwingen, etwa mit Vorschulheften Malen oder Rechnen zu üben. Das ist in der Regel kontraproduktiv: Das Kind verbindet Schule direkt mit Zwang und Druck. Am wichtigsten ist für das Kind einfach das Grundvertrauen, sich auch in der neuen Situation auf den Rückhalt durch die Eltern verlassen zu können.

Können Eltern denn überhaupt etwas tun?
Greubel: Ja, auf jeden Fall. Vielen Kindern hilft es, wenn sie das Schulgebäude schon einmal mit ihren Eltern besucht haben und etwa wissen, wo sie die Toiletten finden. Auch sollten Eltern ihre Kinder bei den Vorbereitungen mit einbeziehen. Sie können gemeinsam die Schreibwaren einkaufen und das Kind dabei gezielt eigene Entscheidungen treffen lassen.

Oft gibt es im Vorfeld Diskussionen unter den Eltern über die Klassenzusammensetzung oder die Lehrerwahl.
Greubel: Da muss man sehr aufpassen, was die Kinder etwa aufschnappen, wenn unter Müttern Horrorgeschichten aus der Schule kursieren. Die Erstklässler sollten die Chance haben, ihre Schulkarriere ohne Ängste starten können, die aus negativen Äußerungen der Erwachsenen entstehen.

Trotzdem fällt manchen Kinder der Wechsel vom Kindergarten schwer.
Greubel: Es ist immerhin wichtiger Abschied nach bis zu fünf Jahren von Freunden und Erzieherinnen. Oft tun sich gerade die Kinder schwer, die ohnehin ein schwaches Selbstbewusstsein haben oder wenig Rückhalt aus dem Elternhaus erfahren. Sie trauen sich die neuen Herausforderungen nicht zu und fühlen sich durch die Bewertungen schon vor Schulbeginn unter Druck gesetzt.

Sie meinen Schuluntersuchung und Eingangsbeurteilung der Schule?
Greubel: Richtig. Die Kinder nehmen diese Termine durchaus als Prüfungssituationen wahr, vor allem wenn sie vorher noch von den Eltern zurechtgewiesen werden, sich bloß anzustrengen. Vielleicht wäre eine Schuluntersuchung durch den eigenen Kinderarzt sinnvoller als durch die Gesundheitsämter. Gerade bei der Schuluntersuchung bekommen Eltern und auch Kinder zu hören, was alles noch besser laufen könnte. Das kann bei sensiblen Kindern dazu führen, dass sie sich herabgesetzt fühlen.

Was bedeutet der erste Schultag des Kindes für die Eltern?
Greubel: Die Eltern sind oft noch aufgeregter als die Kinder. Sie geben mit dem Schulanfang ein Stück Kontrolle über ihr Kind auf. Sie können nicht mehr wie im Kindergarten relativ frei über dessen Anwesenheit entscheiden. Jetzt müssen sie sich nach der Schulpflicht richten. Dazu kommen viele Fragen: Lasse ich mein Kind allein zur Schule gehen? Wie viel Kontrolle bei den Hausaufgaben ist sinnvoll? Es ist auch für die Eltern anstrengend. Außerdem führt der Wechsel in die Schule vor Augen: Man selbst wird auch älter.