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Noch 300 Verbände mit Sitz in Bonn: Die Nähe zu Brüssel ist vielen wichtig

Noch 300 Verbände mit Sitz in Bonn : Die Nähe zu Brüssel ist vielen wichtig

Trotz Hauptstadtumzug haben noch rund 300 bundes- oder weltweit tätige Verbände ihren Sitz in Bonn. Sie vertreten zum Beispiel Schausteller und Staudengärtner.

Es gibt schon erstaunliche Interessenvertreter: Für Schausteller, Süßwaren, Feinpapier, Ziegeldächer und Pflasterklinker, für Staudengärtner und Sauerkonserven und Rheumakranke. Es ist ein vielseitiger Kosmos, dessen Mitarbeiter, was die eben Genannten angeht, ihren Arbeitsmittelpunkt allesamt im Bonner Stadtgebiet haben.

Und sie sind nicht die einzigen: Die Stadt geht davon aus, dass immer noch rund 300 bundes- oder weltweit tätige Verbände ihren Sitz in der Bundesstadt haben. So viele zählt die Lobbyliste des Bundestages. Trotz Hauptstadtumzug. „Es gibt gute Gründe dafür“, sagt einer, der es wissen muss. Seit 20 Jahren hat Wolfgang Lietzau, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement (DGVM), mit Verbänden zu tun.

DGVM ist sozusagen ein Verband für Verbände. Lietzau schätzt, dass rund 40 Prozent seiner Kunden gemeinnützige, die restlichen 60 Prozent wirtschaftliche Interessen vertreten. „Die Nähe zur Industrie im Ruhrgebiet spielt für die Wahl des Standorts eine wichtige Rolle“, erklärt er.

Und nicht nur das. Beispiel Deutscher Fruchthandelsverband (DFHV): „Hin und wieder bin ich in Berlin. Viel wichtiger ist für uns aber der tägliche Austausch mit Brüssel“, sagt Geschäftsführer Andreas Brügger, der mit neun Mitarbeitern von Beuel aus agiert. Anderthalb Stunden braucht er mit dem Auto in die belgische Hauptstadt, wenn es die Lage erfordert und der Verkehr es zulässt.

Dort wird auf EU-Ebene über Verordnungen für Lebensmittelsicherheit und Pflanzenschutz entschieden, 80 Prozent der für den DFHV relevanten Gesetze werden in Brüssel entschieden. In Bonn gehört das Bundesernährungsministerium zu Brüggers Ansprechpartnern, und der Austausch mit anderen Agrar- und Handelsfachverbänden ist wichtig.

Große Entwicklungshilfeverbände wie die Welthungerhilfe oder die Deutsche Stiftung für Uno-Flüchtlingshilfe suchen die Nähe zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in der Dahlmannstraße.

Der Deutsche Hochschulverband liegt nur ein paar Kilometer von den Kreuzbauten entfernt, in denen das Bundesbildungsministerium untergebracht ist. Das Umweltministerium zieht viele Fachverbände an. Auf der anderen Seite sind natürlich auch einige Interessenvertreter der Regierung nach Berlin gefolgt – der Bundesverband der Deutschen Industrie beispielsweise und die Arbeitgeberverbände.

Interessenvertreter werden in Deutschland oft als Lobbyisten bezeichnet oder als Einflüsterer in ein eher negatives Licht gerückt. Sabina Fleitmann, seit Jahren Beraterin für Bundesverbände mit Bürositz in Bonn, sieht das etwas anders: „Oft wird übersehen, dass Verbände auf dem Weg zu einer gemeinsamen Haltung bereits einen demokratischen Prozess durchlaufen haben. Und zwar durch ihre eigenen Mitglieder.“

Ähnlich wie in der Politik kann dieser Akt der Demokratisierung mitunter eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. Als der Umzug des Bundesverbands Rollladen und Sonnenschutz von Düren nach Bonn in den 90er Jahren vollzogen wurde, war die Entscheidung für Berlin bereits gefallen.

Mit neun Mitarbeitern arbeitet Geschäftsführer Christoph Silber-Bonz heute in Bad Godesberg. Er muss gelegentlich nach Berlin. Auch in Brüssel sitzen für ihn wichtige Ansprechpartner. „Für uns ist das Normungswesen sehr wichtig.“

Die politische Lobbyarbeit ist nur ein Teil der täglichen Arbeit. Die Mitglieder erwarten fundierte Beratung. „Wir sind zugleich so etwas wie die Hüter des Berufs und als solche für die Ausbildungsrichtlinien zuständig“, sagt Silber-Bonz. Dass die Fachhandwerker stark durch Verbände vertreten sind, liegt in der traditionellen Organisation über Innungen begründet.

Mit 180 Mitarbeitern gehört das Deutsche Kraftfahrzeuggewerbe zu den großen Interessenvertretern, nach eigenen Angaben für 38 000 Meisterbetriebe in Deutschland. „Wir sind mit dem Standort, aber auch mit der Verkehrsanbindung und den Möglichkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, ganz zufrieden“, so Pressesprecher Ulrich Köster.

Die Wirtschaftsförderung sieht in den Verbänden „einen wichtigen Wirtschaftsfaktor“. Darüber hinaus veranstalten sie regelmäßig Tagungen. Der Deutsche Hausärzteverband tagte zum Beispiel schon im WCCB. Kontakte versuche man über den Oberbürgermeister oder die Wirtschaftsförderung herzustellen, auch über die Wirtschaftsgespräche, zu denen die Stadt jährlich einlädt.

Ein wichtiger Standpfeiler der Arbeit wird vor allem in den gemeinnützigen Organisationen von Ehrenamtlichen geleistet. „Viele Verbände kämpfen gegen Mitgliederschwund, die Mitglieder werden immer älter“, sagt Fleitmann.

Ihren Kunden rät sie zur Professionalisierung, zu einer überlegten Struktur und guten Schulungen von Ehrenamtlichen. Und einen Tag der Verbände würde sie sich wünschen. So wie die Stadt ja auch jährlich einen Tag der UN feiert. Im Durchschnitt beschäftigt ein Bundesverband übrigens sieben Mitarbeiter. Macht in Bonn also immerhin 2100 Beschäftigte.