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GA-Serie Bonner Köpfe: Johanna Schäfer: "Die Zeit der großen Masterpläne ist vorbei"

GA-Serie Bonner Köpfe: Johanna Schäfer : "Die Zeit der großen Masterpläne ist vorbei"

Johanna Schäfer ist Architektin und soziale Unternehmerin. „Es ist kein einfacher Weg, den man als Unternehmerin geht“, sagt die 26-Jährige. Dass sie sich trotzdem so früh dafür entschieden hat, stand für sie nie infrage.

Spätestens als sie sich nach dem ersten Semester Architekturstudium an der RWTH Aachen entschloss, eine Denkpause einzulegen, für sechs Wochen nach Paris zu gehen und anschließend nach einer Hospitation ihr Studium an der Alanus Hochschule in Alfter fortzusetzen, war ihr klar geworden, dass ihre Zukunft in der aktiven Gestaltung ihres Lebensumfeld liegen müsse. „In Aachen wäre ich nur auf Karriere hin ausgebildet worden. Das war mir zu wenig“, sagt sie rückblickend. Dass sie dann an der Alanus Hochschule bereits am zweiten Studientag Bonner Stromkästen in Vorbereitung eines Deutschlandtags besprühen konnte und damit aktiv an der Gestaltung des öffentlichen Raums teilnahm, sollte prägend für für ihr weiteres soziales, ökologisches und nachhaltiges Engagement werden.

Seit Anfang 2016 hat Schäfer das BonnLAB ins Leben gerufen. In dem Begriff spiegelt sich sowohl das Experimentelle über die Abkürzung für Labor wie ihre nur schwer erschütterliche Sympathie für Bonn und insbesondere für Beuel wider, den Stadtteil in dem sie groß wurde und lebt. Vorläufer ihres BonnLABs in der Beueler Zingsheimstraße war ein vorübergehender Co-Working-Arbeitsplatz, der am Bertha-von-Suttner-Platz mit dem Neubau des Motel One ein Ende fand. Dort hatte sie am Rande der Kuhl, dem Stadtquartier, was sie in ihrer Bachelorarbeit zum Thema gemacht hatte, schon 2015 Visionen für eine städtebauliche Entwicklung Bonns entwickelt, die sie auch heute noch verfolgt. Mehr Kultur und Bürgerbeteiligung in die Stadt.

Ihre Abschlussarbeit als Architektin stellte sie unter den oft zitierten Satz von Antoine de Saint-Exupéry „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen“. Ganz in diesem Sinne schrieb sie in ihrer Analyse, dass im Hinblick auf steigende Bevölkerungszahlen in Bonn etwas passieren sollte. Und da der Stadt dafür das nötige Kapital fehle, um allen Herausforderungen gerecht zu werden, schlussfolgerte sie, „bedarf es privater Initiativen, die etwas bewegen sollen.“ Sie entwickelte ein Konzept, das die Stadtentwicklung auf Basis ihrer Feldforschung in sechs Bereiche unterteilte und legte damit einen Status Quo fest, von dem aus sie Strategien und Konzepte für Verbesserungen und deren Umsetzung erarbeitete. Mit Blick auf das Beethovenjahr 2020 hatte sie die einzelnen Bereiche beispielsweise „LudwigFun“ für den kulturellen oder „BeetHöfe“ für den architektonischen Teil benannt. Um weiter an Themen zu arbeiten, die sie persönlich bewegen, hat die Architektin die Festanstellung im Baumanagement eines Kölner Planungsbüros gegen die Selbstständigkeit in ihrem BonnLAB getauscht. „Hier bin ich unter allen Projekten mein größtes Experiment“, lacht Schäfer. Ihr war und ist es wichtig, dass sie jetzt ins Handeln kommt – weg von dem Man-könnte-und-möchte, hin zu einem Tun. Sie ist überzeugt, dass ihr diese Eigenschaften in die Wiege gelegt wurden.

Typisch bönnsch

Schon ihre Mutter sei immer eine Kämpferin gewesen. Gegen das Regime in der DDR und für mehr Freiheit. Johanna wurde nach der Wende wegen familiärer Verbindungen ihrer Mutter im Brandenburgischen Rathenow geboren, obwohl man schon in Köln-Ehrenfeld wohnte. Auch ihre Eltern sind Ingenieure. Johanna wuchs mit sechs Geschwistern auf. Und durch ihre Stiefmutter kamen noch zwei weitere hinzu. Sich zu behaupten, scheint ihr somit ebenfalls von Geburt an anerzogen zu sein. „Ich war immer schon sehr selbstständig“, sagt sie. Als „Beueler Mädche“ ging sie zur Josefschule in der Agnesstraße.

Erst über das Friedrich-Ebert-Gymnasium (FEG) wechselte sie für einige Jahre die Rheinseite. Heute sieht sie in dem Teil Bonns eine „kreative Ecke“. Sowohl die dort ansässigen Unternehmen, die GIZ, Vapiano und das BaseCamp hätten das Viertel rund ums FEG sehr attraktiv gemacht. Schon frühzeitig wurde sie als Schülerin Übungsleiterin beim SSF und ist stolz darauf, sich auch das Studium an der Alanus Hochschule selbst finanziert zu haben. Auch heute gelingt es ihr bereits, von ihrem StartUp zu leben. Sei es durch Crowdfunding für spezielle Projekte oder ihre Beratungsangebote von Persönlichkeitsentwicklung über Social-Media-Beratung bis hin zur Beratung für partizipative Stadtentwicklung.

Kämpferisch formuliert sie: „Die Zeit der großen Masterpläne und Integrierten Handlungskonzepte ist vorbei, denn sie funktionieren nicht, wenn man #SDGs (Sustainable Development Goals, die 17 von den Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung formulierten Ziele) bis 2030 erzielen will!“ Schon in diesem Jahr hat die aktive Networkerin auf internationalen Konferenzen von Frankfurt über Paris bis nach Washington neue Kontakte geknüpft und bestehende vertieft. Sie vertieft damit ihre Kontakte, die größtenteils über Social Media zustande gekommen sind. Stolz ist sie auf die Tatsache, dass sie unter dem Hashtag #COP24Katowice schon über Elftausend Follower hat. Rund 8000 mehr als der offizielle Veranstalter der nächsten Klimakonferenz in Kattowitz. Johanna Schäfer ist angetreten, um vielen Menschen Mut zu machen. Mut zu machen, ihre eigenen Ziel umzusetzen.

Sie weiß, dass es in Gemeinschaft besser funktioniert, als allein. Menschen zu mobilisieren, sie zu vernetzen und dabei Begegnungsorte zu schaffen, sind ihre konkreten Maßnahmen, die auch in Bonn ihre Wirkung zeigen können. Was im BonnLAB bereits mit dem Projekt KAINGA (Kreativer Austausch, Interdisziplinäres Netzwerken, Gemeinsames Arbeiten) in sich wiederholenden 10-wöchigen Programmen funktioniert und für sechs Euro in der Woche eine breites Netzwerk Gleichgesinnter, Workshops sowie einer damit verbundenen Persönlichkeits- und Businessentwicklung verspricht, möchte die soziale Unternehmerin auf alle Bonner Stadteile übertragen. Nicht zuletzt könnte das gelingen, weil die zurzeit 30 Teilnehmer nicht nur das eigene Geschäft, sondern auch das „Große Ganze“ im Blick haben. Dazu passt auch, dass Johanna Schäfer von sich selber sagt: „Ich bin ein sehr optimistischer Mensch.“