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Waldbesitzer lässt Areal auf der Waldau durchforsten: Diskussion um gefällte Bäume im Kottenforst

Waldbesitzer lässt Areal auf der Waldau durchforsten : Diskussion um gefällte Bäume im Kottenforst

Am Annaberger Feld im Kottenforst sorgen sich Spaziergänger wegen aktueller Durchforstungsarbeiten um die heimische Artenvielfalt. Von regulären Arbeiten spricht Waldbesitzer Alexander Graf Westerholt.

Spaziergänger, die zurzeit auf der Waldau unterwegs sind, beobachten Durchforstungsarbeiten, die sich entlang der Wege am Annaberger Feld ziehen. Der Eigentürmer spricht von einer regulären und naturnahen Baumernte. Dagegen wundert sich Elisabeth Struwe, die häufig im Kottenforst unterwegs ist, über den plötzlichen Wegfall von stattlichen Eichen und Buchen. „In der vergangenen Wochen wurden – wie bereits in den vergangenen Jahren zur Winterzeit – im Bonner Stadtwald auf dem Venusberg zahlreiche Bäume gefällt“, sagt die Bonnerin, die durch die Maßnahmen den Lebensraum für die heimischen Tierarten in Gefahr sieht.

„Denn neben den großen, für den Verkauf vorgesehenen Bäumen werden auch kranke oder abgestorbene Bäume zur Fällung gekennzeichnet“, sagt Struwe. „In den vergangenen Jahren wurden diese Maßnahmen noch mit den Begriffen Waldverjüngung und Waldgesundheit gerechtfertigt. Doch jeder, der sich ein wenig mit der Lebensgemeinschaft des Waldes auskennt, weiß, dass die Artenvielfalt unter dem Verlust älterer und absterbender Bäume leidet“, sagt Struwe, die ehedem für die Allianz für Bonn (AfB) im Stadtrat saß. Demnach seien unter den gefällten Eichen auch sogenannte Höhlenbäume, die Schutz für verschiedene Tierarten bieten. „Derartige Bäume – auch als Biotopbäume bezeichnet – bieten zahlreichen Pilzen, Insekten und Vögeln Nahrung und Höhlenbewohnern wie Spechten, Kleibern und Waldkauzen Bruthöhlen und Schutz“, sagt Struwe.

Das von Spaziergängern und Radfahrern stark genutzte Waldgebiet zwischen dem Haus der Natur und dem Annaberger Feld bewirtschaftet Waldbauer und Besitzer Alexander Graf Westerholt. Er verneint im selben Zuge aber einen Holzeinschlag. „Ich trage eine Sozialverantwortung, und großflächige Kahlschläge sind zudem gesetzlich untersagt“, betont der Eigentümer. Davon ausgenommen seien Teilgebiete, die vom Borkenkäfer befallen sind. „Da müssen wir unserer Verkehrssicherungspflicht nachkommen.“

Was Spaziergänger derzeit beobachten können, sei eine „reguläre Forstung“, die jährlich erfolgt. „In diesem Jahr sind die Eichen dran, wir hatten große Probleme mit deren Trockenheit, und die Baumart bietet zurzeit einen guten Preis“, sagt Westerholt. Man pflanze in anderen Gebieten auch neue Bäume, und das sei eben wirtschaftlich auszugleichen, schildert er. „Es handelt sich hier um einen gewöhnlichen Forstbetrieb, der mit seiner Stadtnähe natürlich eine höhere Aufmerksamkeit auf sich zieht, als das zum Beispiel in der Eifel der Fall wäre“, sagt Westerholt und versichert, dass pro Hektar jede Menge Bäume stehen bleiben, die ausreichenden Lebensraum bieten. „Aus Umweltgründen lassen wir auch einiges an Holz liegen.“

Regionalforstamt empfiehlt naturnahe Duchforstung

Eine naturnahe Durchforstung empfiehlt das Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft, das mit verschiedenen eigenen Projekten eine Vorreiterrolle einnehmen möchte. „Im Staatswald Kottenforst haben wir mehr als 2500 Bäume analysiert und kartografisch erfasst. Wir wissen, ob sie wichtige Lebensräume für Tiere bieten oder nicht“, sagt Stephan Schütte. Der stellvertretende Leiter des Regionalforstamts berichtet von einem zukunftsträchtigen Prozess, der derzeit im Kottenforst durchgeführt werde. „Die Fichten werden in den nächsten Jahren verschwinden und durch verschiedene Laubholzbaumarten ersetzt.“

Demnach pflanze das Forstamt jedes Jahr im Schnitt 50 000 Eichen. „Wir bauen den Kottenforst nun wieder in einen naturnahen Wald um, der aus heimischem Laubholz bestehen wird.“ Diese „Waldverjüngung“ sorge für mehr Artenvielfalt und sei daher positiv zu bewerten, so der Diplom-Forstwirt. „Eine naturgemäße Waldwirtschaft sorgt außerdem dafür, dass stabile Lebensraumverhältnisse dauerhaft im Wald erhalten bleiben.“

Bei den Maßnahmen werde der Lebensraum für heimische Tierarten nicht kleiner, sondern es treten lediglich in verschiedenen Teilgebieten Störungen von fünf bis zehn Jahren auf. „Wenn zum Beispiel zwei Bäume dicht beieinanderstehen, wird der eine Baum entfernt, damit der andere wiederum mehr Platz hat, um dicker zu werden. Das bedeutet auch, dass der Specht irgendwann später in diesem dickeren Baum seine Höhle bauen kann.“ Auch lasse man viel Totholz in den Wäldern stehen, betont Schütte. „Ausgenommen davon sind die abgestorbenen Bäume am Wegesrand, die aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen.“

Lob für ihre Arbeit bekommt das Regionalforstamt von der an der alten Stadtgärtnerei in Dransdorf untergebrachten Biologischen Station Bonn/ Rhein-Erft, die eine „vorbildliche Waldnutzung“ sieht. Damit sich aber alle Wälder in die Richtung eines „hochwertigen ökologischen Lebensraumes“ entwickeln, nimmt Leiter Christian Chmela auch die Privatwälder in die Pflicht: Denn eine finanziell verträgliche Holzwirtschaft sei mit ökologischem Handeln vereinbar, so der Diplom-Biologe. „Grundsätzlich sollten sich die Grundstückbesitzer vor der Rodung vergewissern, dass ihre Bäume nicht von seltenen Tierarten wie der Fledermaus bewohnt werden.“ Das sei so auch gesetzlich vorgeschrieben. „Wenn der Baum bewohnt ist und trotzdem gefällt wird, ist das ein Verstoß gegen das Artenschutzrecht“, betont Chmela.

Streng genommen müsste daher jeder Waldbesitzer die Bäume vor der Rodung genau prüfen, was auch immer häufiger geschehe. „Die Besitzer müssen den Artenschutz in ihrer Waldwirtschaft berücksichtigen, und da scheint in den Köpfen ein Umdenken stattgefunden zu haben“, sagt Chmela. Demnach würden Altbaumbestände in den Privatwäldern nicht mehr vollständig entnommen werden. Genaue Statistiken gebe es hierzu aber nicht, so Chmela.