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Coronakrise: Diskussionen über Karnevalsabsagen in Bonn und der Region

Coronakrise : Diskussionen über Karnevalsabsagen in Bonn und der Region

Nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn die Komplettabsage der Karnevalssession 2020/21 ins Spiel gebracht hat, ist eine kontroverse Diskussion unter den Gesellschaften in Bonn und der Region entbrannt. Geprägt ist sie von Verantwortungsbewusstsein. Ein Überblick.

Karneval absagen, oder Konzepte entwickeln, wie man trotz Corona das Brauchtum der Fünften Jahreszeit pflegen kann – das ist hier die Frage. Die Präsidentin des Festausschusses Bonner Karneval, Marlies Stockhorst, sagte am Mittwoch zur aktuellen Diskussion um Karneval in Corona-Zeiten: „Selbstverständlich stand und steht für uns Karnevalisten der Schutz der Gesundheit an erster Stelle.“ Deshalb bräuchte man klare Entscheidungen der dafür zuständigen Gremien und Behörden. Karneval sei die Pflege des rheinischen Brauchtums, ganz wie es das Bonner Sessionsmotto zum Ausdruck bringen würde: „Schwaade, laache, joode Saache mache“.

Dazu gehörten die Symbolfiguren Prinz und Bonna ebenso wie die Büttenrede oder die Verleihung eines Ordens für ehrenamtliches Engagement. „Wir wissen aber auch: Karneval, wie wir ihn kennen und lieben, wird es in der nächsten Session nicht geben können. Wir müssen und wollen dafür sorgen, dass dieser wichtige jahrhundertealte Brauch, der auch immaterielles Kulturerbe ist, dabei keinen Schaden nimmt“, erklärte Stockhorst im Gespräch mit dem GA. Deshalb erwartet sie klare Entscheidungen, was konkret möglich ist und erlaubt sein wird, „denn wir brauchen Planungssicherheit“, so die Präsidentin.

Treffen der Vertreter aus den Karnevalshochburgen

Anfang September fährt Stockhorst nach Düsseldorf in die Staatskanzlei und trifft sich dort mit den Vertretern der der Karnevalshochburgen Köln, Düsseldorf und Aachen. Gemeinsam will man mit Mitgliedern der Landesregierung die Regelungen und Vorgehensweisen für die nächste Session abstimmen und festlegen.

Für Ralph Gemmel, den Vorsitzenden der Ehrengarde Sankt Augustin-Hangelar, ist der Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn genau das, „worauf wir als kleinere Vereine gewartet haben. Dass es frühzeitig – also jetzt – eine Entscheidung gibt, die uns untersagt, unsere Veranstaltungen durchzuführen.“ Nur so würden die Vereine aus der Regresspflicht gegenüber den Künstlern kommen. Denn die Buchungen für die Karnevalsveranstaltungen der kommenden Session seien bereits seit rund zweieinhalb Jahren fest. Sitzungen, so Gemmel, würden sich für die Ehrengarde aber nur rechnen, wenn die Hallen ausverkauft seien und auch ein normaler Essens- und Getränkeverkauf möglich sei. „Alles andere wäre vermutlich unser Todesstoß.“

Die Eintrittspreise könnten zum Problem werden

Ähnlich schildert die Lage Peter Klee, Kommandant der Meckenheimer Stadtsoldaten, die für 2020/21 drei größere Veranstaltungen planen: das Biwak, die Sitzungsrevue und das Kinderkostümfest. Für Hallenmiete und Künstlergage müssen die Stadtsoldaten laut Klee rund 15 000 Euro bezahlen. Diese Kosten hätten sie bei einer Absage gespart. Allerdings fielen dann natürlich auch die Einnahmen über Eintrittsgelder und Getränkeverkauf weg. Normalerweise zahlt jeder Besucher der Sitzungsrevue 22 Euro Eintritt. Dieser Preis ist kalkuliert für eine Besucherzahl von 650. Bei Einhaltung der Abstandsregeln passen aber nur noch 300 Besucher in die Halle. „Der Eintritt müsste also auf mindestens 30 Euro erhöht werden“, rechnet Klee vor. Er bezweifelt, ob die Jecken in der Stadt bereit wären, diesen Preis zu zahlen – zumal noch bei Sing- und Schunkelverbot. Die Stadtsoldaten sprechen derzeit mit den bereits vor einem Jahr verpflichteten Künstlern, ob diese bereit sind, ihre Engagements auf die Session 2021/22 zu verschieben.

„Wir wünschen uns eine klare Vorgabe der Politik. Nur dann haben wir Rechtssicherheit,“ sagt auch Jens Wilke, Literat der ältesten Bad Honnefer Karnevalsgesellschaft „Halt Pol“. Natürlich tue es sehr weh, wenn Veranstaltungen wie die zwei großen Sitzungen der KG ausfallen müssten. Aber würden alle Künstler auf ihren Gagen bestehen, „viele Vereine würden baden gehen“.

Bonner Gesellschaften für eine generelle Absage

Die Forderung nach einer klaren und einheitlichen Regelung bekräftigten am Mittwoch unisono auch die Vertreter mehrerer großer Bonner Karnevalsgesellschaften. Sie hatten sich bereits vor einigen Wochen für eine generelle Absage von Innenveranstaltungen durch die Politik ausgesprochen. „Es ist gut, dass sich der Prozess nun offenbar beschleunigt“, sagt Wolfgang Orth, Kommandant der Stadtsoldaten. „Je eher wir Planungssicherheit haben, desto besser“, meint Thomas Janicke, Kommandant der Ehrengarde der Stadt Bonn. Schließlich sei auch den Vereinen daran gelegen, so Janicke, Künstler, Vermieter und Techniker nicht im Regen stehen zu lassen.

So sieht es auch Roman Wagner, zweiter Vorsitzender der Wiesse Müüs: „Es geht darum, dass möglichst alle am Leben bleiben, deshalb halte ich individuelle Lösungen für sinnvoll“, so Wagner. Gar kein Verständnis habe er indes für den Vorschlag von Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, für den Karnevalssitzungen mit Hygienekonzept und Maske eine Option sind. „Das funktioniert doch nicht“, meint Roman Wagner, „denn Sitzungen leben nun einmal von Emotionen, Stimmung – und von Nähe“.

Soll der Karneval stattfinden: Lesen Sie hier eine Diskussion in Pro und Contra.