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Staatsschutz ermittelt in Bonn: Drohbrief an einen Säugling und seine Eltern

Staatsschutz ermittelt in Bonn : Drohbrief an einen Säugling und seine Eltern

Ali, ein drei Monate alter Säugling, und seine Eltern, die in der Nordstadt wohnen, haben einen Drohbrief bekommen. "Wir wollen nicht noch einen Türken im Viertel", heißt es darin, "also packt den Balg und verzieht Euch!"

Zum Abschluss folgt eine handfeste Drohung: "Oder muss die Bude erst fackeln?" Als Absender hat der Urheber mit "Die Nachbarn" gezeichnet. Am 30. November hat Alis Vater, der seinen Namen aus Sicherheitsbedenken lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, den Zettel im Briefkasten gefunden, als er am späten Nachmittag von der Arbeit kam. Die Botschaft war fein säuberlich in ein weißes Kuvert gesteckt, adressiert mit dem Nachnamen der Familie. "Ich habe erst zwei Tage später wirklich begriffen, dass sie damit unseren Sohn meinen", sagt der Vater konsterniert.

Noch am selben Abend ging er zur Polizei und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Die schickte auch wenige Tage später jemanden, um die Nachbarn zu befragen. Da die meisten arbeiten, hätten die Beamten allerdings fast niemanden angetroffen.

Zwar blieb der Brief als Beweismittel auf der Wache, darauf nach Fingerabdrücken zu suchen, könnte sich allerdings schwierig gestalten, nachdem ihn ein Polizeibeamter von allen Seiten betrachtet und angefasst haben soll. Nachdem sie zwei Wochen nichts in der Sache gehört haben, wandten sich Alis Eltern jetzt an den General-Anzeiger. "Wir möchten nicht, dass so etwas einfach passieren kann und keine Folgen hat", sagen sie.

Alis Eltern ziemlich sicher: Die Nachbarn waren das nicht

Polizeisprecher Frank Piontek bestätigt auf Anfrage den Eingang der Anzeige. Da Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund vorlägen, ermittele der Staatsschutz in der Angelegenheit. "Ähnliche Schreiben sind uns bislang aus Bonn nicht bekannt", sagt er. In einem sind Alis Eltern sich ziemlich sicher: Die Nachbarn waren das nicht.

"Die sind teils selbst Ausländer. Alle waren empört, als sie davon hörten", sagt die junge Mutter, während sie dem Kleinen im Wohnzimmer einen Schnuller in den Mund steckt. Vielleicht sorge die angekündigte Belegung des ehemaligen Studentenwohnheims am Erzbergerufer neben der Beethovenhalle mit Flüchtlingen für Unruhe in der Nordstadt, vermutet sie.

Ali ist ein Wunschkind. Zehn Jahre lang haben die Eltern auf ihn gewartet. Schließlich kam er dann als Frühchen zur Welt. Mutter und Kind verbrachten sechs Wochen in der Klinik. Friedlich liegt er jetzt bei seiner Mama auf dem Schoß und wackelt mit den Ärmchen.

Seit 15 Jahren wohnt das Ehepaar in der Stadt. Er ist als Verspanungstechniker in leitender Funktion angestellt, sie arbeitete vor der Babypause als Bilanzprüferin. Von Fremdenfeindlichkeit haben sie bislang nichts gespürt. "Wir kannten so etwas gar nicht. Jetzt gehen wir erst mal nur noch zusammen spazieren. Etwas unbehaglich ist das ja doch, gerade in diesen dunklen Tagen am Jahresende", sagen sie und sind nur froh, dass ihr Kleiner von der Angelegenheit nichts mitbekommt.

"Gut gewesen, die Polizei einzuschalten"

Coletta Manemann, Integrationsbeauftragte der Stadt Bonn, wird beinahe täglich mit Ressentiments gegen Ausländer konfrontiert. "Ein solcher Brief an einen Säugling ist natürlich besonders perfide", sagt sie. Es sei gut gewesen, die Polizei einzuschalten. Gerade nach den Anschlägen in Paris hätten sich aber viele Bonner mit ausländischen Wurzeln beschimpfen lassen müssen. "Junge muslimische Frauen wurden als Terroristinnen beschimpft." Auch in Schulen habe es Vorfälle gegeben. "Wir hören fast täglich davon", sagt Manemann.

Einen anonymen Drohbrief hatte im Zuge des Flüchtlingszustroms auch die Bad Godesberger Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke erhalten. Sie hat das Schreiben kurzerhand bei Facebook veröffentlicht. Die Aussagen träfen nicht sie persönlich, sondern jene, die sich engagieren, bedauerte Stein-Lücke.