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Selbstversorger gibt es immer weniger: Ein Besuch in Bonner Schrebergärten

Selbstversorger gibt es immer weniger : Ein Besuch in Bonner Schrebergärten

Wer an Schrebergärten denkt, der hat ein bestimmtes Bild im Kopf. Der GA hat sich in der Schrebergartenlandschaft von Bonn umgesehen - von der klassischen Parzelle bis hin zu Urban Gardening.

Es gibt sie noch, die Windmühlen, Gartenzwerge und kunstvoll zur Blumenschaukel aufgeschnittenen Autoreifen. In Kleingartenanlagen, die sich über ganz Bonn verteilen, scheint die Zeit stillzustehen. Schon beim Betreten der umzäunten und oft mit mannshohen Hecken blickdicht abgeschirmten Anlagen wird schnell deutlich, dass der Naturraum hier mit der Liebe zum Detail kultiviert wird.

Hans-Peter Milde ist seit 52 Jahren mit Herz und Hand Kleingärtner. Es heißt, man muss mit ihm gesprochen haben, um die Kleingärtnerei zu verstehen. „Ich bin ja noch einer von der alten Sorte“, sagt der pensionierte Beamte. 25 Jahre war er Vorsitzender des Kleingartenvereins Bonn-Nord, der zu den drei Gründungsvereinen des heutigen Stadtverbands zählt.

Eher untypisch für die damalige Zeit, legte er sich den ersten Kleingarten schon als 25-Jähriger zu. „Ich brauchte einfach die Bewegung“, sagt der Pensionär, dem sein Hausarzt kürzlich bestätigt habe, dass sein biologisches Alter das tatsächliche von 77 noch lange nicht erreicht habe. Aber es dürfte nicht nur die Arbeit an seinen Hochbeeten, der Laube und in den Gewächshäusern gewesen sein, die Milde jung gehalten haben, sondern auch die Gemeinschaft, die ihm zumindest früher wie eine zweite Familie war.

Vom Spielplatz zum Schreberplatz

„Ich hatte immer wahnsinnig viele und gute Freunde hier. Verein und Garten sind zu meinem Lebensinhalt geworden“, sagt Milde und macht eine lange Denkpause: „Heute ist das alles etwas anders geworden“, sagt er und schaut sich um.

Nicht alles, was hier in den Parzellen geschieht, basiert auf Freiwilligkeit. Denn Natur und Miteinander im Kleingartenverein regelt das Bundeskleingartengesetz (BKleingG). Was heute oftmals als spießig gilt, lässt sich auf eine für die Mitte des 19. Jahrhunderts sehr fortschrittliche Initiative des Reformpädagogen Ernst Innozenz Hauschild zurückführen. Er führte damals an seiner Schule in Leipzig nicht nur das noch als verpönt geltende Mädchenturnen ein, sondern setzte 1864 auch die Forderung des wenige Jahre zuvor verstorbenen Orthopäden Moritz Schreber nach kindgerechten Spiel- und Turnplätzen um.

Es entstand im Sinne der Reformpädagogik, mit Kopf, Herz, Hand und Verstand zu lernen, eine Spielwiese, auf der damals vor allem Arbeiterkinder mit der Betreuung von Pädagogen Platz zum Spielen und Turnen bekamen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte dieser „Schreberplatz“ genannte Ort noch nichts mit Gärten zu tun. Erst der Lehrer Heinrich Karl Gesell legte rund um den Spielplatz noch Gärten an, in denen die Kinder den Umgang mit Pflanzen und Natur kennenlernen sollten. Doch die Freude am Gärtnern muss bei den Kindern nicht lange angehalten haben: Die Anlage war schnell von Unkraut überwuchert.

Deutschland mit den meisten Kleingärten

Was heute laut BKleingG zur Kündigung eines Kleingartens führen kann, brachte damals die Eltern dazu, selbst zu Hacke und Spaten zu greifen. Aus den Kinderbeeten am Rand der Schreber'schen Spielwiese wurden nun Familienbeete, die man dann parzellierte und umzäunte. Ab diesem Zeitpunkt nannte man sie Schrebergärten.

Heute steht laut dem europäischen Verband „Office International du Coin de Terre et des Jardins Familiaux“ dem mehr als zwei Millionen Kleingärtner angeschlossen sind, Deutschland mit rund 970.000 Kleingärtnern zahlenmäßig an der Spitze Europas. Dicht gefolgt von Polen, wo es 120.000 Mitglieder weniger sind. Der Bonner Stadtverband der Kleingärtner zählt rund 1500 Mitglieder, nur 500 weniger, als immerhin noch in der weiten Naturlandschaft Norwegens zu finden sind.

Heute wohnen die meisten der 60 Pächter nicht mehr in der Nähe des Kleingartens. Sie kommen vom Brüser Berg, aus Beuel oder Alfter. „Die kommen ja heute alle mit dem Auto“, sagt Milde, und das schließe ja fröhliche Feste mit entsprechendem Alkoholkonsum aus.

Wochenendlange Feiern, bei denen schon mal einige Hundert Liter Bier durch die Kehlen flossen, gebe es heute nicht. Und die jungen Familien hätten auch kein Interesse mehr an dem Ursprungsgedanken des Kleingärtnerischen. „Da stehen eher Rasenflächen, Spielplätze und Swimmingpools im Vordergrund“, hat Milde beobachtet. „Die haben ja auch kein Interesse mehr an der Selbstversorgung, weil sie ja alles billiger beim Discounter bekommen. „Wer schnibbelt denn heute noch Bohnen, wenn ich alles fertig im Glas kaufen kann?“

Viele Menschen engagiert

Ganz im Gegenteil zu Mildes Wahrnehmung engagieren sich inzwischen ausgesprochen viele junge Menschen und Familien aus ökologischen und gesundheitlichen Aspekten mit dem Thema Selbstversorgung. Unter dem Begriff „Urban Gardening” gibt es bundesweit eine Renaissance des Gärtnerns in der Stadt. Auch in Bonn ist jenseits von Haus- und Schrebergärten eine Szene entstanden, in der sich Aktive von der reinen Lust an Selbstversorgung und dem Gemüseanbau über soziale bis hin zu politischen Beweggründen zusammenfinden.

Das bewirtschaftete Terrain ist dabei oftmals Teil des öffentlichen Raums, es wird gemeinschaftlich gesät und geerntet, ökologisch und nicht kommerziell. „Wir freuen uns über das Engagement der Bürgerinnen und Bürger und möchten den urbanen Gärtnerinnen und Gärtnern da, wo es möglich ist, den Raum geben, damit sie mit ihren kreativen Ideen unser Stadtbild bereichern“, sagt Dieter Fuchs, Leiter des Bonner Amts für Stadtgrün.

„Bei uns darf jeder machen was er will“, sagt Katharina Mischling, die im „Paradiesgarten“ der Ermekeilinitiative an der Reuterstraße die mehr als 50 individuellen Hochbeete in Holzkisten erklärt. Dabei ist es nicht immer einfach zu erkennen, welches Konzept die jeweiligen Besitzer verfolgen. Es gibt Mischlings viel bestauntes Heilpflanzenbeet genauso wie das sich konzeptionell selbst überlassene Beet, das zeigen soll, auf welche Weise sich Natur Kulturlandschaft zurückerobert. Eine Aquaponikanlage verbindet die Aufzucht von Karpfen mit einer Hydrokultur, die durch Pumpen mit dem Fischwasser versorgt wird, in dem die Exkremente der Karpfen für das prächtige Wachstum von Brunnenkresse, Ingwer oder auch dem Unsterblichkeitskraut Jiaogulan führt.

Dreh- und Angelpunkt

„Wir sind hier ein Dreh- und Angelpunkt für Möglichkeiten“, sagt Mischling. Auch nachdem sich die Garteninitiative auf einen schmalen Randstreifen des Ermekeilgeländes zurückziehen musste, tat das den Aktivitäten keinen Abbruch. Man gärtnert nicht nur mit den in der Ermekeilkaserne untergebrachten Flüchtlingen, sondern kocht, isst und feiert auch gemeinsam.

Zur ersten Gastarbeitergeneration, die in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, gehört Ahmet Taçir (76). Wie viele seiner Landsleute hat auch er sich ein Gartengrundstück gemietet, um ohne Kleingartengesetz, das eine Drittelung des Grundstücks in Nutz- und Zierpflanzen sowie bebauter Fläche vorschreibt, ausschließlich dem Anbau von Gemüse und Obst zu widmen. Das Ehepaar verbringt viel Zeit auf seinem idyllisch in Rheinnähe gelegenen Gartenland in Graurheindorf. Dank ständigem Harken und Gießen fällt auch die Ernte von Kartoffeln, Bohnen, Zucchini und Auberginen sehr reichhaltig aus. Nach mehr als 30 Jahren als Mieter konnte Taçir kürzlich sein Gartenland kaufen. So wird sich auch in Zukunft die Hausgemeinschaft in der Bonner Altstadt über die reiche Ernte ihres Hausbesitzers freuen können, die früher so eine sechsköpfige Familie versorgte. Und Ahmet Taçir freut sich, die Menschen mit Obst und Gemüse aus eigenem Garten beschenken zu können.

Informationen und Kontakt zu 20 Kleingartenvereinen in ganz Bonn gibt es beim Stadtverband der Gartenfreunde unter (0228) 18 03 44 37 und auf www.bonner-kleingaertner.de.