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Früh aufstehen für die Leser: Ein Morgen mit einem GA-Zeitungszusteller

Früh aufstehen für die Leser : Ein Morgen mit einem GA-Zeitungszusteller

Winfried Marx (71) ist einer von rund 600 GA-Zustellern. Zeitungen auszutragen, ist für den Leichtathleten auch eine Fitnesseinheit. Wir haben ihn einen Morgen lang begleitet.

Bevor der Berg steil wird, steigt Winfried Marx von seinem Fahrrad ab und hält an der Bushaltestelle in Holzlar. „Da müssen wir nicht hoch“, sagt er. „Wir biegen vorher ab.“ Er könnte das locker schaffen, er ist Leichtathlet, Deutscher Meister. Es ist drei Uhr am Morgen. Auf der Straße ist niemand unterwegs. An der Haltestelle schneidet Marx die Packen mit den Zeitungen auf, sortiert sie und verteilt sie auf seine beiden Fahrradtaschen. Das spart später Zeit. Winfried Marx ist so etwas wie der Jan Ullrich unter den Zustellern. Vor seiner Pensionierung hat der 71-Jährige Verbrecher gejagt, an diesem Morgen – so scheint es – jagt er seine Rekordzeit.

Marx gehört zu den rund 600 Frauen und Männern, die von montags bis samstags noch vor Tagesanbruch den druckfrischen General-Anzeiger zu seinen Leserinnen und Lesern bringt. Sie sind im Ahrtal ebenso unterwegs wie im Siebengebirge, in Bonn oder an der Sieg – und das zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, ob es stürmt, regnet oder eisig kalt ist. Sie sorgen zuverlässig dafür, dass all das, was die Redaktion recherchiert hat, in den Briefkästen der Menschen in unserer Region ankommt. Auf dieser Zeitungsseite stellen wir vier von ihnen vor, stellvertretend für alle anderen GA-Zusteller.

Ausfahren der Zeitungen hat einen sportlichen Aspekt

Winfried Marx steigt sechsmal die Woche an seinem Haus in Vilich aufs Rad, um dafür zu sorgen, dass die Leser ihren General-Anzeiger bekommen. Dafür steht er um kurz nach zwei Uhr auf. In der Küche trinkt er im Stehen einen Kaffee. „Ich bin eh Frühaufsteher“, sagt Marx. Und dann hat das Ausfahren der Zeitungen noch einen sportlichen Aspekt. „Ich betrachte das als meine Kardio-Einheit“, sagt Marx. Am Kühlschrank hängen Fotos seines Sohnes: Auf einem davon wirft er einen Speer, auf einem anderen ist sein beeindruckendes Kreuz zu sehen.

Marx ist seit seinem 16. Lebensjahr Leichtathlet. 2019 ist er noch Deutscher Meister geworden: In der Altersklasse 70 bis 74 hat niemand die Keule weiter geworfen als er. Vor ein paar Jahren hat er zudem den Pezzi-Ball für sich entdeckt. Marx macht darauf Kniebeugen oder liest die Zeitung. Profis können auf dem Gymnastikball sogar einen Handstand. „Aber das versuche ich nicht mehr“, sagt Marx. „Dafür bin ich zu alt.“ Als der Kaffee leer ist, geht es aufs Rad.

An der Bushaltestelle sind die Muskeln warm. Als alle Zeitungen verstaut sind, geht es weiter. Marx weiß aus dem Kopf, wer welche Ausgabe bekommt, wer im Urlaub ist und wer Sonderwünsche hat. Kurze Fahrt, dann schwingt er das rechte Bein über die Mittelstange, stoppt, zieht eine Zeitung aus der Tasche und steckt sie in den Briefkasten. Nummer eins von 200. Marx ist ein echter Briefkasten-Kenner: am liebsten sind ihm die, die unten eine Röhre für die Zeitung haben. Manche Kästen sind einfach zu klein: Keine Chance, die Zeitung ganz hineinzubekommen. „Ich versuche trotzdem immer, dass der Kunde seine Zeitung trocken bekommt“, sagt Marx.

Damit er selbst trocken bleibt, trägt er an diesem Tag eine Regenjacke und eine Mütze, an der eine Stirnlampe befestigt ist. Alle paar Meter ein Stopp. Manchmal klappt Marx nicht mal den Ständer seines Rades ein, während er fährt. 2013 hat er zum ersten Mal Zeitungen ausgefahren. Damals hatte ihn ein Bekannter gefragt, ob er für ihn die Urlaubsvertretung macht. Seitdem ist er als Zusteller unterwegs. Vor seiner Pensionierung hat er bei der Kriminalpolizei gearbeitet. Das Verbrechen hat ihn auch im Ruhestand nicht losgelassen. In der ersten Staffel von Babylon Berlin, in der Kommissar Gereon Rath ermittelt, ist er gleich zweimal als Statist dabei: als Aktionär auf einer Versammlung und als Teil einer Jagdgesellschaft.

Bundespolizei und Kneipengänger

Kurz nach vier ist die erste Runde erledigt. Drei weitere stehen noch aus. An der Beueler Straße sammelt Marx die Zeitungen für die nächsten zwei Touren ein. Eine fehlt. Er verständigt den Frühdienst in der GA-Vertriebsabteilung, der dem Kunden die Ausgabe mit dem Auto nach Hause bringt. Auf dieser Tour sind die beiden Taschen bis oben hin gefüllt.

Dieses Mal geht es durch Vilich-Müldorf. Marx mag die Ruhe am Morgen. Manchmal trifft er auf seiner Runde Leute, die aus der Kneipe nach Hause kommen. Auf dieser Tour muss er auch zur Bundespolizei. „Das ist mein einziger sozialer Kontakt beim Arbeiten“, sagt Marx, bevor er vom Rad steigt. Dann bringt er dem Pförtner drei Ausgaben in sein Häuschen.

In der Flughafen-Straße steigt Marx von seinem Rad, packt sich eine Zeitung und sagt: „Hier hab ich mich mal hingelegt.“ In dieser Nacht schaute er sich den Vollmond an, übersah dabei die Kette, die in der Einfahrt ein paar Zentimeter über dem Boden hängt. Nur ein paar kleine Prellungen.

Gegen fünf Uhr sind auch die Touren drei und vier erledigt. „Jetzt bin ich ein bisschen angeschwitzt“, sagt Marx. Wenn er nach Hause kommt, gibt es einen Kaffee. Dann weckt er seine Frau. Die geht mit ihrem Sohn ins Fitnessstudio. Marx passt währenddessen auf seine Enkelin auf. Oft gehen sie spazieren, und er schiebt sie im Kinderwagen. Noch eine Trainingseinheit.