Bündnis Wohnen kritisiert hohe Mietpreise in Bonn „Es führt kein Weg daran vorbei, regulierend auf den Wohnungsmarkt einzugreifen“

Bonn · Die durchschnittliche Kaltmiete liegt in Bonn derzeit bei 12,10 Euro, hinzu kommen steigende Energiepreise. Das Bündnis Wohnen Bonn der Wohlfahrtsverbände drängt auf eine Strategie, wie die Stadt in den kommenden Jahren die Wohnungsnot lindern will.

 Die Vebowag hat neue Sozialwohnungen in der Plittersdorfer Steinstraße im vergangenen Jahr fertiggestellt.

Die Vebowag hat neue Sozialwohnungen in der Plittersdorfer Steinstraße im vergangenen Jahr fertiggestellt.

Foto: Petra Reuter

Die im Bündnis Wohnen Bonn zusammengeschlossenen Wohlfahrtsverbände fordern Oberbürgermeisterin Katja Dörner und die Ratsfraktionen auf, mehr Anstrengungen zu unternehmen, um den Wohnungsbau voranzutreiben. Entsprechende Briefe hat das Bündnis bereits an Verwaltung und Politik geschrieben. In einem Pressegespräch zeichneten sie ein wenig glanzvolles Bild von der jetzigen Situation. Caritasdirektor Jean-Pierre Schneider sprach von „derzeit 1900 Obdachlosen, die derzeit keine feste Bleibe haben“. Die Dunkelziffer sei so hoch, dass die Wohlfahrtsverbände von weiteren etwa 1000 Betroffenen ausgehen.

Bernd Weede vom Deutschen Gewerkschaftsbund Bonn/Rhein-Sieg erklärte zudem, dass die Situation nicht nur für Wohnungslose und Geringverdiener schwierig sei, sondern auch für Fachkräfte. Die durchschnittliche Kaltmiete liege in Bonn schließlich derzeit bei 12,10 Euro. „Hinzu kommen die steigenden Energiepreise. Es führt kein Weg daran vorbei, regulierend auf den Wohnungsmarkt einzugreifen.“

Bündnis fehlt eine städtische Strategie

Zwar gebe es einzelne Bauprojekte und auch die durchaus vernünftige Quote, die in Bonn bei größeren Neubauprojekten einen Anteil an sozial geförderten Wohnraum von 40 Prozent vorschreibe, „aber ich kann zurzeit keine Strategie erkennen, wie die Stadt und der Rhein-Sieg-Kreis das Wohnungsproblem in den kommenden Jahren in den Griff bekommen will“, sagte Ulrich Hamacher, Geschäftsführer der Diakonie. Das Bündnis ist der Auffassung, dass eine solche Strategie beinhalten müsste, wie viele Wohnungen im Jahr konkret entstehen sollten.

Ansonsten bliebe die EU-Resolution auf Grundlage der Forderung des EU-Parlaments von 2020, die Obdachlosigkeit innerhalb der Europäischen Union bis 2030 zu beseitigen, nicht erfüllbar.

Insbesondere haben die Wohlfahrtsverbände diejenigen im Blick, die wenig Einkommen haben, auf Transferleistungen angewiesen sind (in Bonn sind es 12,5 Prozent) und Menschen mit Einschränkungen, die sich keinen teuren Wohnraum leisten können. Wohnungen zu einer Kaltmiete von sieben Euro pro Quadratmeter gebe es kaum noch, sagt Bernhard von Grünberg, Vorsitzender des Mieterbunds Bonn/Rhein-Sieg/Ahr.

„Wir müssen die Flächenentwicklung sehr genau in den Blick nehmen und dafür sorgen, dass Wohnraum passend verteilt wird“, sagte Barbara König, Geschäftsführerin vom Awo-Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg. Es gebe junge Menschen mit Behinderung, die eine barrierefreie Wohnung bräuchten, und zugleich Pensionäre, die in für sie viel zu großen und ungeeigneten Häusern lebten.

Mehr Einfluss auf den Mietspiegel in Bonn

Das Bündnis hat Oberbürgermeisterin und Fraktionen deshalb aufgefordert, die Gründung der Stadtentwicklungsgesellschaft endlich in Angriff zu nehmen. Einen Ratsbeschluss hatte es dazu bereits in der vergangenen Amtsperiode unter der Führung vom damaligen Oberbürgermeister Ashok Sridharan gegeben. Dörner will die Gesellschaft gründen. Noch gibt es dazu aber keinen Vorschlag der Verwaltung. Sie könnte städtische Grundstücke selbst entwickeln und auch Privatgrundstücke ankaufen, um darauf eigene Projekte umzusetzen.

Ein weiterer Punkt, den Mieterbund-Geschäftsführer Peter Kox ansprach: Die im Bündnis zusammengeschlossenen Wohlfahrtsverbände wollen stärker an den Konzepten zur Ermittlung des Bonner Mietspiegels (im Rhein-Sieg-Kreis gibt es nur einen für Troisdorf) beteiligt werden. Der Mietspiegel basiert auf den Mieten, die in den letzten sechs Jahren verändert worden sind, und den Neuvermietungsmieten, die in Bonn in der Regel erheblich über den Mieten des Mietspiegels liegen. Der Wohnungsmangel, so Kox, führe gerade bei den Neuvermietungen zu „unverhältnismäßigen“ Preisen. Gerade Transferleistungsempfänger müssten in der jetzigen Situation oft mit viel zu kleinen Wohnungen vorlieb nehmen, die zudem in einem schlechten Zustand seien. Das Zustandekommen der Richtwerte für den Mietspiegel sei „undurchschaubar“, so von Grünberg.

Auch angesichts der neuesten Wachstumsprognose des Statistischen Landesamts, dass Bonn bis 2050 Wohnraum für weitere 30.000 Bürger gebrauchen könnte, befürchtet von Grünberg, dass die Ballung von Geringverdienern in Ortsteilen mit hohem Migrantenanteil wie Tannenbusch und Medinghoven fortschreiten könnte. „Das könnte zu einer Diskriminierung ganzer Stadtteile führen. Eine solche Trennung unserer Stadt halte ich für falsch.“

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