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Bonner Aids-Initiative: „Es kam vielen zunächst wie Science-Fiction vor“

Bonner Aids-Initiative : „Es kam vielen zunächst wie Science-Fiction vor“

Zum Gedenktag für Verstorbene aus der Drogenszene spricht Sozialarbeiterin Christa Skomorowsky über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Arbeit der Aids-Initiative. Noch immer gibt es Einschränkungen.

Zwischen dem Coronavirus und dem HI-Virus haben Virologen in den vergangenen Monaten immer wieder Parallelen gezogen. Was hat dieser Krankheitserreger bei den HIV-positiven Menschen ausgelöst, die Sie tagtäglich betreuen?

Christa Skomorowsky: Es kam vielen zunächst wie Science-Fiction vor. Andererseits fühlten wir uns an die 1980er Jahre erinnert. Damals wusste niemand, wie sich HIV überträgt. Die Infektionsketten waren unklar. Genau wie jetzt. Auch hieß es in den 80er Jahren, man suche mit Hochdruck nach einem Impfstoff. Bis heute gibt es keinen. In den vergangenen Monaten sind durch Corona Ausgrenzung und Stigmatisierung von Infizierten wieder stärker in den öffentlichen Fokus geraten. Es ist wie ein Muster, das sich immer wiederholt. Die Aids-Initiative ist Anlaufstelle für alle HIV-Positiven, unter ihnen auch Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher. Die Ängste und Sorgen vor Corona waren spürbar.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Skomorowsky: Eine Frau, die wir begleiten, kommt aus Südeuropa. Sie war zum Arzt gegangen und hatte eine Maske bekommen. Weil sie kaum deutsch versteht, dachte sie, sie sei mit dem Coronavirus infiziert. Sie stand völlig aufgelöst vor der Tür, und ich brauchte lange, um zu verstehen, was los war. Corona hatte sie jedenfalls nicht, wie ich dann herausgefunden habe.

Wie hat sich der Lockdown konkret auf die Arbeit der Aids-Initiative ausgewirkt?

Skomorowsky: Wir haben schnell ein Sicherheitskonzept ausgearbeitet, um eine durchgehende Betreuung und die Ausgabe von Safer-use-Material wie Spritzen und Kondomen gewährleisten zu können. Das regelmäßige Frühstücksangebot bei uns in der Beratungsstelle musste ausfallen, das Treffen der Positiven ebenfalls. Auch die Begleitung zur HIV-Ambulanz der Unikliniken war erstmal nicht möglich. Wir haben weiterhin Spritzen verteilt, beispielsweise am Kaiserbrunnen. Alles auf Abstand und mit Maske natürlich. Streetwork war ebenfalls mit Maske möglich. Bei Krisen haben wir persönlich beraten, sonst lief viel übers Telefon. Was durch all diese sicher verständlichen Maßnahmen schwieriger wurde, ist Nähe aufzubauen. Es geht bei den Treffen ja vor allem ums Zusammensein und den Austausch.

Fühlten sich die Leute einsam?

Skomorowsky: Mit Sicherheit. Und viele dachten: Muss das jetzt wirklich auch noch sein. Die Menschen, die zu uns kommen, sind ja ohnehin gebeutelt. Der Tod ist viel präsenter als bei anderen. Freunde sind von jetzt auf gleich nicht mehr da. Deshalb veranstalten wir ja jährlich den Gedenktag für Verstorbene aus der Drogenszene am 21. Juli. Dann kommt die Ungewissheit durch das Coronavirus dazu. Das bedeutet oft eine Überforderung mit den eigenen Ängsten. In dieser Situation fand ich es auch unangebracht, dass das Ordnungsamt in einigen Fällen direkt nach Veröffentlichung des Bußgeldkatalogs bei Verstößen gegen die Coronaschutzverordnungen Strafzettel verteilt hat. Viele wussten davon noch gar nichts.

Hat die Regierung auf die besondere Situation reagiert?

Skomorowsky: Schon. Eine sinnvolle Maßnahme war sicherlich, die Verschreibung und Abgabe von Substitutionsmitteln zu erleichtern, um soziale Kontakte möglichst gering zu halten. In der Schweiz sind die Ambulanzen übrigens zu den Klienten gefahren, das ist bei uns gesetzlich leider nicht möglich. Es wurden an uns auch mehr Hilfspakete geliefert, darunter zum Beispiel HIV-Selbsttests, um das stark belastete Gesundheitsamt zu entlasten.

Hat sich die Lage nun gebessert?

Skomorowsky: Die Treffen können wieder stattfinden, allerdings aus Platzgründen nur mit Anmeldung für bis zu fünf Leute, nicht wie zuvor mit 20 bis 25. Bei gutem Wetter lässt sich hoffentlich draußen etwas für mehr Teilnehmer organisieren.

Sexarbeiterinnen betreut die Aids-Initiative auch. Das Bordell darf noch nicht geöffnet werden, die Verrichtungsboxen auch nicht. Was hat das für Auswirkungen?

Skomorowsky: Die Situation ist schwierig. Für viele fallen sämtliche Einnahmen weg. Sicher versuchen einige, ihre Dienste trotzdem anzubieten, weil sie große Existenzsorgen haben.