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Schaukeln gegen die Schwerkraft: Estnische Nationalsportart „Kiiking“ in der Rheinaue

Schaukeln gegen die Schwerkraft : Estnische Nationalsportart „Kiiking“ in der Rheinaue

Jugendliche aus Bonn haben Kiiking, Nationalsport in Estland, in die Rheinaue geholt. Beim Kiiking geht es darum, auf einer Riesenschaukel den Überschlag zu schaffen.

Wie beim Tennis schwenken die Köpfe der Zuschauer von links nach rechts. Der Blick ist auf Jonas Schöne gerichtet. Elegant schaukelt sich der 23-Jährige auf der fünfeinhalb Meter langen Schaukel immer weiter in Richtung Himmel. Sein Ziel: der Überschlag. Nach mehreren Versuchen gelingt ihm das schließlich, das Publikum reagiert begeistert.

Kiiking nennt sich der Sport, der in Estland erfunden wurde und sich dort als Nationalsport etabliert hat. Beim Kiiking geht es darum, auf der Riesenschaukel, auf estnisch „Kiik“ genannt, den Überschlag zu schaffen. Das Schaukelbrett hängt dabei an unbeweglichen Stangen aus Stahl, die in der Länge variierbar sind. Je länger die Stangen, desto schwieriger der Überschlag. Die Schaukel in der Rheinaue kann auf bis zu sechs Meter ausgefahren werden. Im Augenblick steht sie neben dem gelben Labyrinth, das Schönes' Vater Rolf Rau betreibt.

Sichtlich glücklich blickt Schöne nach seinem Überschlag auf die Schaukel. Fünfeinhalb Meter. Das ist sein neuer Rekord. Bis jetzt war bei 5,20 Metern immer Schluss. Mit ein paar Freunden hat der ausgebildete Kiiking-Instruktor den Verein German Kiiking Association gegründet, und der hat schon 15 Mitglieder. Schöne will den ungewöhnlichen Sport populärer machen.

Die 19-jährige Helena Luerweg folgte dem Ruf des 23-Jährigen und steht jetzt zum dritten Mal auf der Schaukel. Den Überschlag hat sie gleich beim zweiten Versuch geschafft und sich so den Respekt in der männerdominierten Gruppe erschaukelt. „Wir Mädchen müssen zeigen, dass wir das genauso gut können wie die Jungs.“ Jeder, der schaukeln möchte, wird von den Instruktoren mit Schlaufen an Händen und Füßen gesichert. „Die Sicherheit spielt bei uns eine große Rolle. Wir achten darauf, dass niemandem etwas passiert.“

Helena holt kräftig Schwung. Ihre Gleichung für den Überschlag ist Koordination plus Ausdauer plus Mut. „Auf etwa elf Uhr bekommt man ein bisschen Angst. Da muss man durch und dann hat man es fast geschafft. Zum Glück habe ich keine Höhenangst“, sagt die 19-Jährige. Es komme vor, dass man vor dem Überschlag mehrere Sekunden auf dem Kopf stehe. „Es scheint dann so, als könnte sich die Schwerkraft nicht entscheiden, ob man nach vorne oder nach hinten kippt.“

Seit drei Monaten bringt die Gruppe die Kiik jedes Wochenende zum Schwingen. Der Einfall, den spektakulär aussehenden Sport in die Rheinaue zu holen, kam von Schönes Vater. „Als mein Vater mir zum ersten Mal vom Kiiking erzählt hat, war ich zunächst skeptisch“, erzählt Schöne. „Er hatte den Sport im Fernsehen gesehen und ich dachte erst, er hätte mal wieder nur irgendwelche Flausen im Kopf.“

Doch nachdem sich Schöne im Internet Videos des Spektakels angeschaut hatte, war er wie gepackt von der Idee. Seitdem stehen mal kleine Kinder auf dem Brett, mal sind es Familienväter. Gegen eine kleine Spende kann jeder die Herausforderung Schwerkraft annehmen.

„Wir versuchen, das Geld für die Schaukel über die Spenden wieder reinzuholen“, sagt Schöne. So eine Riesenschaukel koste nämlich stolze 3 500 Euro. „Das Geld haben wir von Familie und Freunden zusammengekratzt.“ Mit zwei Kollegen und einem Bus ist Schöne bis nach Estland gefahren und hat das Gerät dort vom amtierenden Kiiking-Weltmeister gekauft. Vorrangig gehe es den Kiiking-Freunden aber keineswegs um das Geld, sondern um den Spaß an der Sache, erklärt Jonas Schöne. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man ganz oben steht und die Rheinaue überblicken kann“, so der 23-Jährige. „Da geht einem dann nichts anderes mehr durch den Kopf.“