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Fachärzte in Bonn: Mediziner erklären, warum Patienten auf Termine lange warten müssen

Termine bei Fachärzten : Schmerzpatientin in Bonn wartet halbes Jahr auf Arzttermin

Bonn hat eine überdurchschnittliche Arzt-Dichte. Doch wer einen Termin bei einem Facharzt braucht, muss oft lange warten, wie der Fall einer Bonner Schmerzpatientin zeigt. Mediziner äußern sich zu den Ursachen.

Gibt es selbst in Bonn mit seiner im Bundesschnitt ungewöhnlich hohen Arzt-Dichte bezogen auf die Stadtbevölkerung ein schleichend wachsendes Problem in der fachärztlichen Versorgung? Vor einigen Tagen hatte der GA über eine Bonnerin und ihre verzweifelte Suche nach einem Termin zur Magenspiegelung berichtet. Schließlich hatte die Kassenpatientin ihr Heil bei einer privatärztlichen Versorgung gesucht und selbst bezahlt.

Nach einem Bericht des GA melden sich weitere Patienten, die über die schleppende fachärztliche Versorgung in der Region klagen. Ein Mediziner äußert sich über die Ursachen - und wie die Situation in Zukunft aussehen könnte.

Die zuständige Kassenärztliche Versorgung Nordrhein erkennt auf Nachfrage wie berichtet keinen Mangel an Gastroenterologen. „Den gibt es aber unbedingt“, erwidert Christoph Schmidt. In Bad Godesberg betreibt Schmidt eine Facharztpraxis für Innere Medizin und Gastroenterologie. Er und seine Kollegen seien schließlich nicht nur für Spiegelungen von Magen und Darm zuständig, sondern betreuten auch viele schwer chronisch Kranke. Bei zunehmender Lebenserwartung und den gewachsenen medizinischen Möglichkeiten werde der Bedarf daran tendenziell steigen. Andererseits seien fast drei Viertel aller Fachkollegen bereits über 50, jeder vierte sogar über 60 Jahre alt. Viele Jung-Ärzte scheuten den Gang in die Selbständigkeit. Zudem seien sie zu 50- oder 60-Stunden-Wochen, wie Schmidt sie nach eigenen Angaben leistet, nicht mehr bereit. Zumal die Gebührensätze in vielen Fällen nicht kostendeckend seien. In der neuen Gebührenordnung werde ab 1. April der Satz für viele Leistungen sogar um zehn Prozent gesenkt. Auch niedergelassene Ärzte hätten Probleme, Personal für ihre Praxen zu finden.

Dazu kommen aus Sicht des Facharztes Fehlsteuerungen im Gesundheitssystem. Neben Patienten, die Untersuchungstermine ohne Absage verstreichen ließen, würden von zeitlich überforderten Hausärzten zu viele Patienten an Fachärzte verwiesen. „Die Notwendigkeit einer Magenspiegelung wird nicht selten sehr großzügig gesehen“, sagt Schmidt. Da er seine schwerkranken Stamm-Patienten, die oft die geringsten Ansprüche stellten, nicht unversorgt lassen könne, seien Wartezeiten unvermeidlich. Schmidt ist überzeugt: „Wenn die Kosten für die Krankenversicherung nicht dramatisch steigen sollen, werden wir in Zukunft eine ausreichende medizinische Versorgung nur gewährleisten können, wenn wir die begrenzten Ressourcen sehr sorgsam nutzen.“

Schon heute bestünden Versorgungsengpässe für viele Patienten, sagt Fred Erkens. Der gelernte Sozialwissenschaftler ist seit 25 Jahren gerichtlich bestellter Betreuer für 45 Männer und Frauen in Bonn, die ihre Interessen nicht oder teilweise nicht mehr selbst wahrnehmen können. „Im Gesundheitssystem hat sich die Lage an vielen Stellen zugespitzt“, sagt er. Ein Monat Wartezeit auf eine Computertomographie und drei bis vier Monate auf eine Magnetresonanztomographie (MRT) seien die Regel. Im Juli hat er die Betreuung für eine 80-Jährige übernommen, die mit ihrem Rollator unter großen Schmerzen nur noch wenige Schritte zurücklegen kann. „Der Hausarzt hatte eine Dringlichkeitsüberweisung für ein MRT ausgestellt“, berichtet Erkens. Ohne dortige Abklärung der Ursachen sei eine Schmerztherapie nicht vertretbar. Einen Termin in der Region konnte der Betreuer trotzdem nicht zeitnah verabreden. „Oft scheuen die Hausärzte die zusätzliche Mühe“, glaubt er. Die Krankenkasse vermittelte einen in Dortmund – für eine Frau in Grundsicherung mit dem Taxi unerreichbar. Die Kosten würden nicht erstattet. Erst nach fünf Monaten wurde die Untersuchung kürzlich in einem Bonner Krankenhaus durchgeführt. Der folgende Besprechungstermin beim niedergelassenen Orthopäden sei jetzt für den 16. Januar angesetzt. „So leidet die Frau nun schon ein halbes Jahr erhebliche Schmerzen“. Aus Erkens‘ Beobachtung keinesfalls ein Einzelfall. Auch in der psychiatrischen Versorgung sei es ähnlich angespannt.

Auch Claudia Sieg’l hat ihre Erfahrungen mit fachärztlicher Versorgung gemacht. Die Bonnerin arbeitet als Zahnmedizinische Prophylaxeassistentin und kennt die Problematik niedergelassener Ärzte mithin aus eigener Anschauung. Sie berichtet: „Als ich selbst zu einem Akutfall mit Bandscheibenvorfall und Tennisarm, infolge der starken körperlichen Belastung durch die Arbeitshaltung in meinem Beruf, geworden bin, war es mir kaum möglich, eine orthopädische Praxis für einen zeitnahen Behandlungstermin zu finden.“ Trotz Taubheitsgefühl im rechten Arm, massiven Schmerzen und Bewegungsunfähigkeit in der Halswirbelsäule seien ihr im Oktober Behandlungstermine ab Februar 2020 angeboten worden.

Nach hartnäckigen Versuchen bekam sie schließlich einen Akuttermin zur Schmerzbehandlung: „Dort warf man mir vor, ich hätte schon früher kommen müssen.“ Und: „Sämtliche Praxen die ich kontaktiert habe, lehnten eine Weiterbehandlung grundsätzlich ab“, berichtet Sieg‘l. Ihr Arbeitgeber habe schließlich den Kontakt zu einem Physiotherapeuten vermittelt. Die Patienten müssten die Fehlentwicklung im Gesundheitswesen ausbaden, findet sie: „Von freier Arztwahl kann gar nicht mehr die Rede sein.“