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Serie „Bonner Alltagshelden in der Corona-Krise“: Flötistin aus Bonn spielt für Menschen im Krankenhaus

Serie „Bonner Alltagshelden in der Corona-Krise“ : Flötistin aus Bonn spielt für Menschen im Krankenhaus

Susanne Schietzel unterhält Patienten in Krankenhäusern mit ihrer Flöte. Wegen des Coronavirus darf sie aber nicht mehr in die Kliniken. Deshalb musiziert sie jetzt in den Innenhöfen.

Immer wieder sah man, wie Krankenhausfenster gekippt wurden oder sich dahinter Gardinen bewegten, während Susanne Schietzel auf der Flöte spielte. Einige Klinik-Mitarbeiter und Patienten standen an den Fenstern im Erdgeschoss und lauschten. Die Flötistin stand erst im Innenhof des Sankt Elisabeth Krankenhauses und danach auf der Grünfläche hinter dem Sankt Petrus Krankenhaus und spielte. Ihre Musik drang in die Zimmer ein, um Mut zu machen und Abwechslung zu schaffen in diesen Zeiten, in denen Besuche nicht erlaubt sind.

Dafür war es ihr auch nicht zu kalt am Sonntagvormittag. Musik ist ihre Leidenschaft, „meine Herzenssprache“, sagte Schietzel. Als Tochter einer Musikerin und eines Kinderarztes lag für sie die Verbindung aus Flötespielen und Krankenhaus nahe. Schon vor den Einschränkungen, die der Kampf gegen Covid-19 auch in den Kliniken mit sich brachte, ließ sie seit Jahren ihre Instrumente dort erklingen, allerdings in den Stationen selbst. In der Advents- und der Osterzeit spielte sie dort. Dann wurden die Türen der Patienten, die das wollten, weit geöffnet, damit sie zuhören konnten. Das geht derzeit nicht, also spielte sie eben vor den Fenstern.

Auftritt am Wochenende fiel aus der Reihe

Sie spielte verschiedene Stücke, darunter eine Arie aus der Johannespassion, aber auch „Yesterday“ von den Beatles und die „Ode an die Freude“. Dafür erntete sie mehrmals Applaus von einigen Patienten, Mitarbeitern und sogar Bewohnern der Königstraße, die vom Balkon aus zuhörten. „In diesen Zeiten ist das etwas Besonderes“, erzählte Carla Vanselow, seit 16 Jahren evangelische Pfarrerin in den Gemeinschaftskrankenhäusern, zu denen das Elisabeth- und das Petruskrankenhaus gehören. Sie hatte die Idee zu Schietzels regelmäßigen Auftritten in den Häusern, die von der  Stiftung Krankenhausseelsorge Bonn finanziert werden. Der Auftritt am Wochenende fiel aber aus der Reihe: Für diesen heilsamen Impuls in schweren Zeiten nahm Schietzel kein Honorar.

Susanne Schietzel bezeichnet sich selbst als „freier Vogel“. Sie hat Flöte an der Kölner Musikhochschule studiert und lässt sich für Konzerte buchen, tritt aber auch in Gottesdiensten aller Art auf. Daneben leitet sie kleine Ensembles mit Senioren in Bonn und Stuttgart und hat auch mit Geflüchteten musiziert – „die dürfen wir jetzt auch nicht vergessen“. Als ihre Spezialität bezeichnet sie das „Erforschen und Spielen der allerältesten Musikinstrumente überhaupt“. Damit sind die Knochenflöten gemeint, die in der Schwäbischen Alb gefunden wurden und vor mehr als 20.000 Jahren aus Vogelknochen, Rentierschienbein oder Mammutzahn geschnitzt wurden.

Schon früh umgezogen

Geboren wurde sie in Freiburg, aber ihres Vaters Beruf brachte mit sich, dass sie schon früh immer wieder umziehen musste. Lübeck, Aachen und Tübingen waren nur drei von vielen Stationen – auch dahingehend ist sie ein freier Vogel. Mit Tübingen verbindet sie auch Friedrich Hölderlin, der sein halbes Leben dort verbrachte. Besonders die ersten Verse seiner Patmos-Hymne passten derzeit ganz gut, fand Schietzel: „Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Sprich: In Zeiten der Coronakrise wachsen viele über sich hinaus.

Atemtechniken sind beim Flötespielen sehr wichtig. „Atem und Angst haben viel miteinander zu tun“, sagte Schietzel. Sie wolle mit ihrer Flöte den Patienten die Angst nehmen oder sie zumindest davon ablenken. Das will sie auch am Ostersonntag wieder machen. Wer dann also in einem der Gemeinschaftskrankenhäuser der Bonner Südstadt liegt, mag das Glück haben, Susanne Schietzel lauschen zu können.