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Galeria Karstadt Kaufhof: Kunden bedauern Schließung der Bonner Filiale

Galeria Karstadt Kaufhof an der Poststraße : Karstadt-Kunden bedauern Schließung der Bonner Filiale

Viele Kunden von Karstadt bedauern die Schließung der Bonner Filiale an der Poststraße und äußern ihr Mitgefühl für die Belegschaft. Von der Stadt fühlen sich die Beschäftigten unterdessen im Stich gelassen.

Thermoskannen, Bettvorleger, Schoko-Pralinen oder Socken – am Tag zwei nach dem Aus für das Bonner Karstadt-Haus läuft der Verkauf am Samstag in der Poststraße zunächst wie gehabt. Rosie Krautz aus Bonn schaut nach Oberbekleidung: „Da ist Karstadt für mich die beste Adresse – bisher“, sagt sie bedauernd und geht weiter. Maria Metternich hat Gummiband zum Nähen gesucht und Handtücher zum Verschenken. „Wo bekomme ich denn künftig noch Kurzwaren oder Schreibwaren in der Innenstadt?“, fragt die Rentnerin. „Und wenn am Ende noch der Kaufhof schließt, gibt es auch Handtücher oder Bettwäsche nur noch in Billigläden oder von Luxusmarken.“

Sascha Wegener ist mit seiner Mutter aus Wachtberg in die City gekommen. „Die Nachricht von der Schließung fiel nicht aus heiterem Himmel“, sagt er. „Stationärer Handel hat es schwer.“ Aber einen Stadtbummel ohne Karstadt – das kann Wegener sich nur schwer vorstellen. „Im Herbst oder Winter könnten noch zwei der Textilhäuser schließen. Dann könnte es hier schnell etwas trist werden“, findet er. Die Stadt müsse sich Gedanken um ihre Zukunft als Einkaufsziel machen. Eine City voller Döner-Buden, Schnell-Bäcker und Handyläden werde auch die letzten Käufer verschrecken.

Erste Kunden fragen schon nach Schnäppchen

Davon ist am Samstag noch nichts zu sehen. Trauben von Menschen schieben sich durch die Fußgängerzone. In den Mittagsstunden bilden sich bei Karstadt längere Schlangen an den drei geöffneten Kassen, auch wegen der Abstandsregeln. Das Restaurant und das Reisebüro sind geöffnet. Einige Kunden haben schon am Morgen nach Schnäppchen und Rabatten gefragt. Die meisten äußern Bedauern und Mitgefühl.

Zwischen Trotz und Trance: Betriebsratschefin Therese Thrun. Foto: Martin Wein

Therese Thrun erlebt den Tag in einer Mischung aus Trotz und Trance. „Schauen Sie sich diese Kundenfrequenz an. Der Standort ist für uns optimal. Wir hätten wirklich nicht gedacht, dass es uns trifft“, sagt die Betriebsratsvorsitzende des Bonner Hauses über den schwersten Tag ihres Berufslebens. Thrun hat 1980 bei Hertie in Bad Godesberg angefangen. In zwei Wochen wollte sie 40 Jahre Betriebszugehörigkeit feiern, doch stattdessen musste sie zusammen mit Geschäftsführer Chris Stapelfeldt am Freitag 120 Kollegen das Aus verkünden. Einige lagen sich danach mit Mundschutz weinend in den Armen. Nach einem Verlust von 78 Millionen Euro 2019 hatte Karstadt-Kaufhof im April das Schutzschirmverfahren beantragt, die Vorstufe zur Insolvenz. Am 31. Oktober ist nach jetzigem Stand Schluss in Bonn. Wie die Nachrichtenagentur dpa am Samstag berichtet, steht die Filiale von Karstadt Sports in der Remigiusstraße dagegen nicht auf der Streichliste. 20 von 30 Filialen werden bundesweit geschlossen.

Standort war stets profitabel

Nach der Fusion der trudelnden Warenhausketten Karstadt und Kaufhof 2018 stand Karstadt in Bonn schon länger auf der Kippe. Schließlich sollte die Groß-Hochzeit Synergien heben. Aldi und DM im Tiefgeschoss sollten die Kundenfrequenz erhöhen und Mietkosten senken. Thrun ist überzeugt, das hätte klappen können. Dem Vernehmen nach war der Standort stets profitabel. Mit Kaufhof habe man sich beim Sortiment abgestimmt, um Akzente zu setzen: Matratzen, Stoffe oder eine große Haushaltsabteilung gibt es nur bei Karstadt, bei Kaufhof ein insgesamt hochwertigeres Sortiment. Letztlich habe der Eigentümer der Immobilie, die Aachener Grundvermögen, die überwiegend Vermögen der katholischen Kirche verwaltet, trotz der Umsatzeinbrüche in Folge der Pandemie von seinen hohen Mietforderungen nicht abgelassen.

Man verhandele seit mehreren Wochen sehr intensiv mit Karstadt, teilte Frank Wenzel, Geschäftsführer der Aachener Grundvermögen, auf GA-Anfrage mit. Das Ziel sei, den Standort zu erhalten. „Dazu haben wir Karstadt einen neuen Mietvertrag mit einer festen Laufzeit von 20 Jahren angeboten.“ Und das, so Wenzel, „zu einer Miete, die das Warenhaus in Bonn solide erwirtschaften kann“. Derzeit liege keine Kündigung des Mietvertrags vor, der eine Laufzeit bis Mitte 2026 habe. „Das Insolvenzrecht gibt Karstadt das Recht, diesen Vertrag vorzeitig zu kündigen. Wir arbeiten weiter daran, dies noch abzuwenden“, sagte Wenzel. Ob es eine Chance gebe, könne er nicht sagen. „Aber wir geben nicht auf.“

  Kritik an der Stadt Bonn

Von der Stadt fühlen sich die Beschäftigten im Stich gelassen. Schon vor 14 Tagen habe sie OB Ashok Sridharan schriftlich um Hilfe in den anstehenden Verhandlungen gebeten, erzählt Thrun – oder zumindest um ein Gespräch. Eine Antwort habe sie nie erhalten, auch nicht von der Wirtschaftsförderung. Er hoffe auf schnelle Perspektiven für die Beschäftigten, hatte Sridharan dazu lediglich am Freitag dem GA gesagt. Und er sei zuversichtlich, dass die Immobilie schnell von einem anderen attraktiven Nutzer übernommen werde. Thrun findet das herzlos. Andere Stadtoberhäupter hätten sich protestierend bei der Belegschaft eingereiht. Viele Mitarbeiter stünden kurz vor der Rente. Auch Paare arbeiteten bei Karstadt. Nach sechs Monaten Transfergesellschaft mit 73 Prozent vom Nettogehalt bliebe denen wohl nur die Arbeitslosigkeit, glaubt die Betriebsratschefin. Nur für die beiden Auszubildenden konnte sie kurzfristig schon eine Übernahme in anderen Häusern organisieren.