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Bedarfsgerechte Wohnungen in Bonn: Gefangen in der eigenen Wohnung

Bedarfsgerechte Wohnungen in Bonn : Gefangen in der eigenen Wohnung

In Bonn leben rund 58.000 Menschen, die 65 Jahre und älter sind. Knapp 20 Prozent der Bonner sind älter als 65 Jahre alt - doch es gibt nicht genug bedarfsgerechte Wohnungen für den steigenden Bedarf.

Sie wohnt im dritten Stock, der Pflegedienst kommt jeden Tag. Sie hat ansonsten keine sozialen Kontakte mehr, denn die 80-jährige Bonnerin hat das Mietshaus in der Innenstadt seit einem Jahr nicht mehr verlassen.

Die Treppenstufen bedeuten eine Bedrohung für sie. Ein anderer Rentner lebt in einer Drei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock am Brüser Berg. Die Räume sind alle komplett mit Möbeln zugestellt, sodass er schon mehrfach über Stühle und Sessel gefallen ist. Außerdem ist die Wohnung viel zu groß und die Miete viel zu hoch, sein ganzes Erspartes hat er dafür bereits ausgegeben.

Beide Senioren brauchen dringend geeignete neue Wohnungen. Doch das ist schwer, denn bedarfsgerechte Wohnungen werden händeringend gesucht. In Bonn leben rund 58.000 Menschen, die 65 Jahre und älter sind. Die Stadt Bonn meldet, dass laut Zensus von Ende 2014 rund 18 Prozent der Bonner 65 Jahre und älter sind, 6,5 Prozent sogar älter als 75 Jahre. Außerdem sind laut Sozialamt rund 27.000 Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis registriert - auch sie benötigen bedarfsgerechte Wohnungen.

"Doch der Wohnungsmarkt in Bonn gibt das nicht her. Es gibt ganz einfach zu wenig bezahlbaren, bedarfsgerechten Wohnraum", sagt Edith Rosenbaum, Leiterin der Ende des vergangenen Jahres bei der Stadt eingerichteten Projektstelle "Bedarfsgerechtes Wohnen". "Viele Menschen warten viel zu lange, bis sie sich darum kümmern und dann wird es schwierig, ihnen zu helfen", erklärt Rosenbaum. Das Thema spitze sich stark zu, Bonn habe einen enormen Nachholbedarf beim altersgerechten Bauen und Sanieren.

"Statistiker schätzen die Zahl der barrierefreien Wohnungen in Bonn auf 8400 im gesamten Stadtgebiet, von denen 3000 öffentlich gefördert sind, berichtet Helmut Hergarten, Hauptgeschäftsführer von Haus & Grund Bonn/Rhein-Sieg. Von den 5400 frei finanzierten Wohnungen seien längst nicht alle "konsequent barrierefrei. Der gesamte Wohnungsbestand insgesamt wuchs in den vergangenen Jahren durchschnittlich um ein halbes Prozent, also etwa 750 Wohnungen jährlich", weiß Hergarten.

Mehr barrierefreie Wohnungen nötig

Für den prognostizierten allgemeinen Bevölkerungszuwachs der nächsten Jahre sei das deutlich zu wenig, um die steigende Zahl von Haushalten mit Wohnungen zu versorgen. Nach einer bundesweiten Studie müssen barrierefreie Wohnungsangebote um das Vier- bis Fünffache ausgeweitet werden, um den zu erwartenden Bedarf zufriedenstellen zu können.

"In den öffentlich geförderten Gebäuden, die seit 1997 gebaut wurden, sind alle Wohnungen barrierefrei, doch waren das seither vielleicht 100 bis 150 neue Wohnungen, das ist natürlich ein winziger Satz für eine Stadt wie Bonn", sagt Hans-Joachim Otto, Sachgebietsleiter der Kontaktstelle Innovative Wohnformen bei der Stadt Bonn. "Das Thema muss stärker in den Vordergrund rücken, um das Angebot an bedarfsgerechten Wohnungen zu vergrößern." Da sei auch die Politik gefragt. Die Landesbauordnung in NRW müsse entsprechend angepasst werden. "Andere Bundesländer sind da viel konsequenter", weiß Otto.

Baden-Württemberg als Vorbild

Ein Vorreiter, den das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit nennt, ist das Land Baden-Württemberg. Dort nahm der Gesetzgeber schon 1984 in die Landesbauordnung die Forderung auf, "dass die Belange von Personen mit kleinen Kindern, behinderten und alten Menschen nach Möglichkeit in die Planung von Gebäuden einzubeziehen sind". Die Landesbauordnung in NRW enthält bis heute keine Norm zum barrierefreien Bauen.

"Anhand der statistischen Daten können wir recht genau vorhersehen, wie viele Senioren 2030 in Bonn leben werden", sagt Otto. Wenn es derzeit drei bis fünf Prozent bedarfsgerechte Wohnungen gebe - was viel zu wenig sei -, werde die Lücke bis 2030 immer größer, denn dann würden rund 20 Prozent benötigt. "Der Mangel ist so groß und so offensichtlich", warnt Otto.

Die Projektstelle "Bedarfsgerechtes Wohnen" wirbt deshalb dafür, mehr bedarfsgerechte Wohnungen zu bauen beziehungsweise Wohnungen entsprechend umzubauen, damit Senioren so lange wie möglich in der vertrauten Wohnung bleiben können. Altersgerechtes Bauen und Sanieren sind keine Sache des Alters. "Es ist sinnvoll, sich frühzeitig die Frage zu stellen, wie ich im Alter leben will und entsprechend zu planen", rät Otto.

Die Projektstelle "Bedarfsgerechtes Wohnen", Ansprechpartnerin ist Diplom-Sozialarbeiterin Edith Rosenbaum, ist zu erreichen unter Tel. 0228/772900 oder per E-Mail an bedarfsgerechteswohnen@bonn.de. Die Beratung für Senioren ab 65 Jahren und Schwerbehinderte ist kostenfrei.

Verschiedene Beratungsangebote bietet das Haus der Bonner Altenhilfe, etwa wie Senioren und Behinderte ihre Wohnung verändern oder umbauen können. Die Sachbearbeiter unterstützen auch bei der Aufstellung von Finanzierungsplänen und bei der Antragstellung. Die Wohnberatung steht allen Bonner Bürgern offen und ist sowohl für Mieter als auch Eigentümer kostenfrei. Weitere Informationen gibt es unter Tel. 0228/776699 oder nach einer E-Mail an wohnberatung@bonn.de.