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Rentner steht vor Gericht: Gemeinsame Todesfahrt scheiterte

Rentner steht vor Gericht : Gemeinsame Todesfahrt scheiterte

Er wollte gemeinsam mit seiner demenzkranken Frau sterben und fuhr deshalb mit seinem Auto gegen einen Baum. Weil der Rentner den Aufprall im Gegensatz zu seiner 81 Jahre alten Frau jedoch überlebte, muss sich der 85-Jährige aus Beuel seit Dienstag wegen heimtückischen Mordes vor dem Schwurgericht verantworten.

Der schmale weißhaarige Mann nahm sichtlich aufgeregt neben seinem Verteidiger Sebastian Holbeck Platz. Der Anwalt verlas für seinen Mandanten eine seitenlange Erklärung, in welcher der 85-Jährige versuchte, die Beweggründe für sein Handeln am Morgen des 9. November des vergangenen Jahres darzulegen.

In der Nacht auf jenen Sonntag habe er kaum geschlafen, so der ehemalige Mitarbeiter einer großen Raffineriefirma, der mit seiner Frau in einer eigenen Wohnung im Haus des Sohnes lebte. Sein eigener und vor allem der Gesundheitszustand seiner Frau seien in den vergangenen Jahren immer schlechter geworden. Die 81-Jährige habe vor allem unter einer Demenzerkrankung und einer Blutarmut gelitten.

Er selber hat nach einem Herzinfarkt im Alter von 59 Jahren mehrere Bypässe bekommen. Zur Tatzeit standen eine Operation am Auge und eine am Bauch unmittelbar bevor. In diesem Zustand sei er in einen "Tunnel" geraten, der zu dieser "Verzweiflungstat" geführt habe.

Der Angeklagte: "Ich fürchtete, mich nicht mehr um meine geliebte Frau kümmern zu können." Er habe "panische Angst" davor gehabt, zu erblinden und möglicherweise selber dement zu werden. Seine Frau habe ihn stets darum gebeten, dass er sie nicht alleinlasse.

Der einzige Ausweg war für ihn der gemeinsame Tod. "Ich wollte unser Leben gemeinsam beenden." Morgens habe er ein "leckeres Frühstück" gemacht, da er sich und seine Frau noch einmal "verwöhnen wollte". Anschließend erzählte der 85-Jährige seiner Frau, dass sie mit dem Auto einen Ausflug zur Tochter machen würden.

Auf der Sankt Augustiner Straße, der B 56, sei er dann hin und her gefahren, bis er an dem ausgeguckten Baum "freie Bahn" hatte. Dann trat der Rentner nach eigenen Angaben "so fest ich konnte aufs Gas". Die Frau erlag zwei Tage später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Der schwerverletzte und als akut selbstmordgefährdet eingestufte Angeklagte wurde in der Landesklinik behandelt, wo es tatsächlich zu einem Selbstmordversuch kam.

Mittlerweile wohnt der in der Zwischenzeit auch noch an Krebs erkrankte Rentner wieder bei seinem Sohn. Der Angeklagte geht davon aus, dass es auch dem Wunsch seiner Frau entsprochen hätte, gemeinsam zu sterben. Dass er mit ihr darüber aber nie gesprochen habe, räumte er auf Nachfrage ein. "Ich weiß, dass ich schwere Schuld auf mich geladen habe", so der 85-Jährige.

Der 60 Jahre alte Sohn schilderte im Zeugenstand, dass seine Eltern "wie Kletten" aneinanderhingen. Um den Vater zu entlasten, wurde die Mutter zuletzt in einer Tagespflegestelle betreut. Für die Familie sei die Tat wie aus heiterem Himmel gekommen. "Ich kann mir das nur so erklären, dass er in der Nacht wirklich durchgedreht ist", so der Sohn.

Heute bedauere der Vater sehr, was er getan habe. Der 85-Jährige steht laut dem Sohn immer wieder am Grab seiner Frau und sagt: "Was habe ich gemacht? Genau das wollte ich nicht." Das Gericht gab bereits am ersten Verhandlungstag den rechtlichen Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen Totschlags in Frage komme. Der Prozess wird fortgesetzt.