Allerheiligen in Bonn Grabpflege weckt zugleich Erinnerungen

Bonn · Katholiken gedenken am Feiertag ihrer verstorbenen Angehörigen. Die Vorbereitungen auf dem Poppelsdorfer Friedhof sorgen auch für nachdenkliche Momente.

 Mit ihren drei Enkeln machen Luitgard und Gunter Duvenbeck das Grab der Mutter und Urgroßmutter winterfest.

Mit ihren drei Enkeln machen Luitgard und Gunter Duvenbeck das Grab der Mutter und Urgroßmutter winterfest.

Foto: Hans Peter Brodüffel

Norbert Bittner fährt mit Bürste und Lappen über den Grabstein, sammelt Laub, zupft Unkraut, harkt die Erde und stutzt Sträucher mit der Rosenschere. Zwei Stunden lang ist der Alfterer am Grab seiner Großtante Hildegard nun schon zu Gange. Jetzt will er 20 bunte Stiefmütterchen pflanzen, dem Grab neuen Glanz geben und den Ort der Erinnerung mit neuen Farbtupfern schmücken.

Alle drei Monate kümmert Bittner sich auf dem Poppelsdorfer Friedhof um das Grab der Verstorbenen, die Zeit ihres Lebens den Haushalt eines Bonner Professors für Kirchenmusik geführt hat, der nur zwei Gräber weiter seine letzte Ruhestätte gefunden hat. „Sie wollte nah ihrem Professor beerdigt werden, aber nicht direkt neben ihm. Das gehört sich nicht, hat sie vor ihrem Tod gesagt“, erzählt Bittner.

Allerheiligen hat für Bittner eine herausragende Bedeutung; es sei wichtig, den verstorbenen Angehörigen zu gedenken und sich der Endlichkeit des Lebens bewusst zu werden. „Friedhöfe sind für mich wichtige Orte der Erinnerung, gerade in unserer hektischen, schnelllebigen Zeit. Hier kann ich zur Ruhe kommen und mich auf das Wesentliche im Leben konzentrieren.“

Bunt gefärbte Blätter bedecken Gräber und Wege auf dem Poppelsdorfer Friedhofes, die Sonne schickt ihre Strahlen durch das schütter gewordene Laub, das Thermometer zeigt 18 Grad. Vom Hochbetrieb früherer Zeiten vor Allerheiligen allerdings keine Spur: Die privaten Grabpfleger lassen sich auf dem großen Friedhof an einer Hand abzählen. Gegenüber von Bittner verteilt Vera Zerres Qualitätsblumenerde auf dem Grab ihrer ehemaligen Vermieterin. „Wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Vor ihrem Tod hat sie mich gebeten, die Pflege ihres Grabes zu übernehmen. Das habe ich ihr versprochen und daran halte ich mich“, erzählt Zerres.

Bewusst machen, was im Leben wirklich zählt

Die Troisdorferin betreibt selbst eine Gärtnerei, pflegt das Grab der Vermieterin aber „rein privat“. Sie schaufelt kleine Löcher in die Erde und setzt Silberblatt, Stiefmütterchen und Scheinbeeren ein. „Allerheiligen hat mir noch etwas zu sagen. Solche Tage des Gedenkens können einem bewusst machen, was im Leben wirklich zählt“, sagt Zerres leise und wirkt nachdenklich.

Quirlig geht es drei Reihen weiter zu. Lina (2), Lotta (6) und Matthis (8) helfen bei der Neubepflanzung des Grabes ihrer Urgroßmutter Margarete, bringen ihren Großeltern Luitgard und Gunter Duvenbeck Stiefmütterchen, die die Kinder zuvor in einer Friedhofsgärtnerei ausgesucht haben. „Wir haben uns seit dem Sommer nicht mehr um das Grab kümmern können. Jetzt wollen wir es winterfest machen“, erzählt Luitgard Duvenbeck. Für sie ist Allerheiligen als Tag des Gedenkens ein wichtiger Anker der Besinnung im Jahreskreislauf.

Unten am Hang des Poppelsdorfer Friedhofs atmet Albert Stolze tief durch. Der Anstieg zum Grab der Eltern ist für den 92-jährigen mit Herzschrittmacher eine Herausforderung. In seiner rechten Hand trägt er eine Plastiktüte mit einem frosttauglichen Gesteck aus Tannen und Zapfen, das er vor dem Grabstein seiner schon vor Jahrzehnten verstorbenen Eltern niederlegt. „Mehr kann ich nicht mehr machen, keine Kraft mehr. Das Grab ist auch schon seit zwei Jahren abgelaufen“, sagt der Bergisch Gladbacher. Ihm liegt viel daran, mit dem Ritual zu Allerheiligen seine Eltern zu würdigen. „Ich habe ihnen viel zu verdanken. Sie haben mich gelehrt, was richtig ist und was falsch“, sagt der ehemalige Bonner.

Auch Rita Schneider ist auf den Weg zum Grab ihrer Eltern. Langsam schiebt die betagte Bonnerin einen zu einem kleinen Karren umgebauten Einkaufswagen den Hang hinauf. Auf der Ladefläche: Erika und Silberblatt. „Ich kümmere mich um ein Tiefengrab für zwei Särge und vier Urnen. Dort liegen auch mein Bruder und mein Mann, der vor einem Jahr gestorben ist“, erzählt sie mit gesenktem Blick. Zweimal in der Woche geht sie zum Grab, wo sie mit ihren Verstorbenen spricht. „Ich glaube an Gott. Allerheiligen und Allerseelen sind mir sehr wichtig. Dann möchte ich meinen Liebsten ein besonders schönes Bettchen machen“, sagt die Katholikin.

Ihre Grabpflanzen waren ebenso wie Stiefmütterchen, Scheinbeeren und Tannengestecke in den Bonner Friedhofsgärtnereien vor Allerheiligen gefragt, wie schon in den vergangenen Jahren. Wegen der warmen Witterung wurden auch oft Blumen wie Chrysanthemen gekauft, berichten übereinstimmend Blumen Held und die Friedhofsgärtnerei Heinen.

Lichter gegen das Vergessen

An diesem Dienstag um 16.45 Uhr eröffnet die Friedhofsgärtner Genossenschaft Bonn auf dem Nordfriedhof an der Kölnstraße die landesweite Aktion „Lichter gegen das Vergessen“. Vor der Kapelle stellt die Genossenschaft 500 lila Grablichter zur Verfügung, die die Besucher auf das Grab ihrer Angehörigen stellen können.

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