Misshandlungen in der Beziehung Häusliche Gewalt in Bonn nimmt zu

Bonn · Die Bonner Polizei registrierte 2016 zwei bis drei Fälle an häuslicher Gewalt pro Tag. Hilfe finden die meist weiblichen Opfer bei dem Verein „Frauen helfen Frauen“. Oftmals aber schweigen die Opfer.

Häusliche Gewalt beginnt nicht mit Schlägen, psychischen Misshandlungen oder Demütigungen. Sie keimt häufig schon im Beginn einer Beziehung. Langsam und fast unmerklich setzt irgendwann eine Gewaltspirale ein, die sich immer weiter dreht. Was vorgeblich nur einmal geschehen sollte, kommt schließlich regelmäßig vor. Doch nicht nur die zeitlichen Abstände werden kürzer, auch die Angriffe steigern sich. So wird aus der Ohrfeige ein Faustschlag, aus der beiläufigen Beleidigung eine gravierende Kränkung. Lebensgefahr nicht ausgeschlossen. „Es gibt die ganze Bandbreite an Fällen“, berichtet Ulrike Große-Kreul, die seit 31 Jahren für den Verein „Frauen helfen Frauen“ tätig ist, sich unter anderem in der Beratungsstelle und dem Frauenhaus engagiert.

„Oft haben die Frauen kein Gespür mehr dafür, wie schwerwiegend ihre Verletzungen sind“, beschreibt Große-Kreul. Und berichtet von einer jungen Frau, die häusliche Gewalt erlebt hat, in der Beratungsstelle aber versicherte, dass „alles nicht so schlimm sei. Sie wisse nicht, warum ihr Mann der Wohnung verwiesen worden sei, Verletzungen habe sie keine“.

Im Laufe des Gesprächs dann nahm sie ihren Schal ab. „Sie hatte eklatante Würgemale am Hals“, erinnert sich Große-Kreul. Eine Verletzung, die auch im Nachhinein noch gefährlich werden kann, wie die Beraterin weiß. „Ich war entsetzt und fragte nach. Daraufhin fing sie an zu weinen und erzählte von der erlebten Gewalt.“ Erst in diesem Moment sei der Frau ihre Situation vor Augen geführt geworden. Später sei sogar das Wort „Todesangst“ gefallen. Laut Große-Kreul kein Einzelfall.

Mehr handgreifliche Männer

Doch Unterstützung kommt nicht nur von Vereinen, in der akuten Situation hilft vor allem die Polizei. Rund 900 Mal sind die Beamten im vergangenen Jahr zu Fällen häuslicher Gewalt ausgerückt, sagt Kriminaldirektor Martin Göbel. Sind sie vor Ort, hören sie sich beide Seiten an und bewerten die Situation. „Wer Täter und wer Opfer ist, ergibt sich meist sehr schnell“, so Göbel. Und ergänzt, dass im größten Teil der Fälle die Männer handgreiflich werden. Ist Gefahr im Verzug, wird gehandelt. Aber: „Die Polizei bestraft nicht, wir schaffen die Gelegenheit, sich zu lösen“, erklärt Göbel. Und meint das seit dem 1. Januar 2002 gültige Gewaltschutzgesetz, das der Polizei die Möglichkeit eröffnet, den Täter zehn Tage der Wohnung zu verweisen. Ob das Opfer Anzeige erstatte oder nicht, sei unerheblich. „Wenn jemand verletzt wurde, darf der Täter nicht mehr zurück.“

Die zehn Tage sollten laut Göbel die Möglichkeit schaffen, um Hilfe in Anspruch zu nehmen, zum Familiengericht zu gehen „und Nägel mit Köpfen zu machen“. So könne je nach Schwere der Tat der Täter per Gerichtsbeschluss längerfristig von den eigenen vier Wänden ferngehalten werden, auch Näherungsverbote seien eine Option. Hält sich der Täter nicht an die Auflagen, wird ein Zwangsgeld, in der Regel 500 Euro, fällig.

2016 war das 15 Mal nötig. „Wir prüfen jeden Fall nach“, so Göbel. Besonders problematisch werde es immer dann, „wenn Kinder im Spiel sind.“ Nicht nur, dass diese selbst Opfer werden oder die Gewalt hautnah miterleben, es stellen sich auch Sorge- und Aufenthaltsrechtsfragen. „Daher schalten wir in diesen Fällen immer das Jugendamt ein“, betont Göbel.

Polizei kennt Wiederholungstäter

Häufig sind den Beamten die Protagonisten bekannt. Denn häusliche Gewalt ist eine Wiederholungstat. Dennoch fällt es dem Opfer vielfach schwer, sich zu lösen. „Oft besteht ein Abhängigkeitsverhältnis“, erklärt Göbel. Psychisch und finanziell. So spielen auch die Angst vor der eigenen Zukunft und der der Kinder eine Rolle.

Damit die Opfer wissen, wohin sie sich wenden können, halten die Beamten Infomaterial bereit, unter anderem vom Verein „Frauen helfen Frauen“. Der zeigt Lösungen auf. Der Umzug ins Frauenhaus gehört dazu, der Antrag auf Überlassung der Wohnung für mehrere Wochen ebenso. „Wir helfen dabei, einen geordneten Übergang zu schaffen“, so Große-Kreul. Zudem unterstützen die Mitarbeiter die oft traumatisierten Opfer psychisch.

Doch wie kann man das Gehörte und Gesehene verarbeiten? „Es ist eine lohnenswerte Aufgabe“; sagt Große-Kreul. Sie und ihre Kollegen erlebten viel Positives. Zum Beispiel beim Treffen mit ehemaligen Bewohnern. „Die Frauen erholen sich, die Kinder toben herum. Sie fangen ein neues Leben an.“ Viele fänden den Weg in ein gewaltfreies Leben. „Und das ist es, was die Arbeit ausmacht.“

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