Beueler berichtet über seinen Schlaganfall Heiko Neumanns Kampf zurück ins Leben

Bonn · Er aß tafelweise Schokolade gegen den Alltagsfrust. Irgendwann rebellierte der Körper. Nach einem langen Leidensweg schaffte es Heiko Neumann aus dem Rollstuhl und setzt sich nun für Schlaganfallpatienten und ihre Angehörigen ein.

 Heiko Neumann will für das Thema Schlaganfall sensibilisieren.

Heiko Neumann will für das Thema Schlaganfall sensibilisieren.

Foto: Meike Böschemeyer

Den 7. März 2018 wird Heiko Neumann wohl nie mehr vergessen. Ehefrau Sabine war für ein paar Tage nach Norddeutschland gereist, um dort ihre Mutter zu besuchen, und gemeinsam mit seinem damals 18-jährigen Sohn ging der Beueler zum Einkaufen in einen örtlichen Supermarkt. Zwar war ihm in den Tagen zuvor hin und wieder schwindelig, und er hatte manchmal Gleichgewichtsstörungen, aber „all‘ diese Anzeichen habe ich einfach ignoriert“, erinnert er sich zurück. „Es wird wohl nichts sein“, beruhigte er sich selbst.

An die Zeit im künstlichen Koma erinnert er sich

Dann passierte es: Neumann nahm einen Joghurt aus der Theke und wollte ihn in den Einkaufswagen legen. „Der Becher fiel mir aus der Hand, und ich hatte plötzlich enorme Sehstörungen“, erzählt er im GA-Gespräch. Zum Glück war er nicht allein. Sein Sohn rief sofort um Hilfe, innerhalb kürzester Zeit kam der Rettungsdienst, und wenig später lag er auf der Intensivstation der Uniklinik auf dem Venusberg. „Das war mein Glück“, sagt der 56-Jährige heute.

Die Diagnose stand schnell fest: Neumann hatte einen Schlaganfall erlitten. „Wäre mir das zu Hause passiert und man hätte mich erst nach Stunden gefunden, wäre die ganze Angelegenheit wahrscheinlich ganz anders ausgegangen“, weiß er heute.

Trotz schneller Hilfe lagen schwere Monate vor ihm und seiner Familie. Mehrmals setzten in den nächsten Wochen Hirnblutungen ein, und er wurde für eine lange Zeit in ein künstliches Koma versetzt. Seine Frau und sein Sohn hatten indes wenig Hoffnung auf eine Rückkehr in ihr bisheriges Familienleben. „Ihnen wurde gesagt, dass ich wahrscheinlich ein Schwerstpflegefall bleiben werde, der rund um die Uhr eine Betreuung brauchen wird“, erzählt er. „Ich bin am 7. März zu Fuß aus dem Haus gegangen und kehrte im August per Krankentransportdienst in einem Rollstuhl dorthin zurück.“

Dabei weiß Heiko Neumann nur allzu gut, dass er nicht ganz unschuldig an seinem Schicksal ist. Als Finanzamt-Mitarbeiter war er für Vollstreckungen sowie Betriebsprüfungen zuständig. Natürlich war er nirgendwo ein gern gesehener Gast. „Es wurde sogar einmal eine Pistole auf mich gerichtet“, erinnert er sich. Seinen Ärger und den ununterbrochenen Stress kompensierte er mit Süßigkeiten. Zu Hochzeiten naschte er gleich mehrere Tafeln Schokolade von 300 Gramm. Die Folgen blieben nicht aus: Heiko Neumann wog damals 137 Kilo, hatte Diabetes und einen viel zu hohen Blutdruck. Mittlerweile weiß er, dass er damit ein hohes Risiko für einen Schlaganfall hatte.

Immer noch hat er reale Erinnerungen an die Zeit, in der er im Koma lag. „Ich habe deutlich wahrgenommen, wenn meine Familie an meinem Bett saß und mit mir sprach. Selbst die Geräusche der Überwachungsapparate habe ich gehört“, erzählt er. Reagieren konnte er jedoch nicht. Er war gefangen und total hilflos – eine Erfahrung, die er nie wieder machen will. „Ich bin damals wirklich durch die Hölle gegangen“, sagt er.

Ein Schicksal, das er anderen ersparen möchte. Neumann nahm rigoros ab, trainierte fleißig und kehrt schließlich in ganz kleinen Schritten ins Leben zurück. Eine Rückkehr in seinen Beruf war jedoch nicht mehr möglich. Heute hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema Schlaganfall in die breite Gesellschaft zu bringen.

Er ist Sprecher der Schlaganfall Selbsthilfegruppe Bonn, machte bei der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe (www.schlaganfall-hilfe.de) eine Ausbildung zum zertifizierten Schlaganfallhelfer, hält inzwischen Vorträge in Rehakliniken und veröffentlicht auf YouTube regelmäßig Videos, die bisher knapp 100.000-mal aufgerufen wurden. „Ich bin damals aus meinem Beruf ausgestiegen und habe jetzt meine Berufung gefunden“, zieht er Bilanz.

„Niemand kann sich sicher fühlen“

Bei allen Aktionen ist ihm eines allerdings besonders wichtig: „Ich will aufklären“, sagt der 56-Jährige. Denn nicht nur ältere Menschen können einen Schlaganfall erleiden. „Nein, Frauen ebenso wie Männer, Junge ebenso wie Alte. Und selbst Kinder. Niemand kann sich sicher fühlen“, appelliert er.

Ganz wichtig sei der Lebensstil. „Ich weiß, dass ich mich über Jahre hinweg falsch ernährt und mich gleichzeitig viel zu wenig bewegt habe“, gibt er selbstkritisch zu. Vielleicht hören genau deshalb viele Risikopatienten auf seinen Rat. „Sie sehen mir an, dass ich weiß, wovon ich rede. Nicht von oben herab, sondern wir sprechen auf Augenhöhe.“

Um einen Schlaganfall zu verhindern, sei eine ausgewogene Ernährung wichtig. In diesem Zusammenhang solle man auch seinen Zuckerkonsum deutlich reduzieren. Neumann plädiert daher für eine höhere Besteuerung von Zucker. „Das funktioniert bereits in einigen Ländern. Das würde ich mir auch hierzulande wünschen“, sagt er.

Besonders wichtig ist ihm außerdem, dass man die Angehörigen von Schlaganfallpatienten mehr in den Fokus rückt. „Um den Patienten wird sich gut gekümmert, aber die Familien werden außer Acht gelassen“, beklagt Neumann. Dabei seien sie einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt. Neben der Sorge um einen Angehörigen müssten sie von einem Tag auf den anderen oft die Familie allein managen. „Ich wünsche mir, dass man auch auf sie in solch einer Ausnahmesituation gut achtet.“

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