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GA-Serie „Bonner Köpfe“: Helmut Kollig über Familie, Kommunalpolitik und seine Jahre als Bürgermeister

GA-Serie „Bonner Köpfe“ : Helmut Kollig über Familie, Kommunalpolitik und seine Jahre als Bürgermeister

Bald 30 Jahre hat Helmut Kollig aktiv das Geschehen in Bonn mitgestaltet. Große Bauvorhaben würde er heute in private Hände legen.

„Mir geht‘s hervorragend“, sagt Helmut Kollig. Gerade erst ist der langjährige Bonner Bürgermeister, der von 2004 bis 2017 amtierte, erstmalig Opa geworden. Er muss lachen, als er den Namen der Enkelin ausspricht: Charlotte Amalia Baronesse von Drachenfels – die erste Hochwohlgeborene in seiner Familie. Sohn Christopher (31) hatte Eva von Drachenfels als Hotelkaufmann eines Grand Hotels in München kennengelernt, wo die junge Familie heute auch zuhause ist.

Kollig überrascht mit dem Satz, „eigentlich bin ich ja kein richtiger Bonner“. Dabei erblickte er nachweislich 1948 im Kessenicher Klösterchen das Licht der Welt. Für die alten Bonner sei Kessenich, das erst 1904 zu Bonn kam, ja noch Ausland gewesen, so Kollig. „Wenn wir früher mit der Mutter in die Stadt fuhren, war das eine Reise“, erinnert er sich. Die Eltern hatten damals in Kessenich eine der größten Brennstoffhandlungen in der Region. Der Vater war meist unterwegs. Kollig wuchs unter dem Einfluss der Mutter auf. Er besuchte das Beethoven-Gymnasium, bis er sich für eine Lehre als Elektriker entschied. Nach der Bundeswehr begann er ein Studium der damals noch „Informationsverarbeitung“ genannten Informatik. Dort wurde ihm schnell klar, dass er seine Zukunft nicht am Schreibtisch verbringen wollte. Er brach ab und konnte bald seinen Meisterbrief als Elektriker an die Wand hängen.

Eigener Elektriker-Betrieb hatte zeitweise 18 Mitarbeiter

Sein Betrieb florierte. Er installierte mit zeitweise bis zu 18 Mitarbeitern erfolgreich Netzwerkanlagen. Als sein größter Kunde nach der Wende (1989) zu dessen Tochterunternehmen in Chemnitz abwanderte, fand auch für den Unternehmer Kollig ein Umbruch statt: „Man wird nachts schweißgebadet wach und weiß nicht, wo man das Geld zum Bezahlen seiner Leute herbekommt“, erinnert sich Kollig an den Grund seiner Entscheidung, den Betrieb drastisch zu verkleinern.

Für Bonn zur richtigen Zeit. Kollig wurde im gleichen Jahr von seinem Freund Erwin Ruckes zum Eintritt in den SPD-Ortsverein gedrängt – der Beginn seiner knapp 30-jährigen aktiven ehrenamtlichen Arbeit. Zunächst viele Jahre als sachkundiger Bürger im Bau- und Vergabeausschuss der Stadt, seit der Wahl 1994 als SPD-Fraktionsvorsitzender in der Bonner Bezirksvertretung. „Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kind“, sagt Kollig. Er hatte sich – im festen Glauben, dass damit eine Wahl ausgeschlossen sei - auf Platz sieben der Liste aufstellen lassen. „Aber Pustekuchen“, lacht Kollig, „Bärbel Dieckmann wurde Oberbürgermeisterin, Erwin Ruckes zog in den Stadtrat, und ich war plötzlich Fraktionsvorsitzender.“ 1998 wurde er zum ersten Mal für ein Jahr Bezirksvorsteher (so die frühere Bezeichnung des Bezirksbürgermeisters) als Herbert Spoelgen zurücktrat, danach fünf Jahre sein Stellvertreter. 2004 wurde Helmut Kollig zum Bürgermeister gewählt.

Freundschaften in Bonn, Oxford und Budapest

Er erinnert sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge an die Zeit. Es habe viele schöne Momente gegeben. Viele seiner Freundschaften, ob in Bonn, Oxford oder Budapest seien in dieser Zeit entstanden und bereicherten sein Leben bis heute. Aber nachdenklich schiebt er nach: „Politik ist kein schönes Geschäft.“ Die Politik spreche keine Sprache mehr, die die Menschen verstehen. Die Gier nach Macht stehe einem demokratischen und gesellschaftsrelevanten Handeln im Wege. „Ich glaube“, ist er überzeugt, „ich bin zum richtigen Zeitpunkt gegangen.“ Er glaube, dass manch ein Fraktionsvorsitzender oder Oberbürgermeister mit den besten Vorsätzen angetreten sei: „Doch je länger sie an der Macht sind, desto mehr verrohen sie.“

Gefragt, ob er es auch genießen könne, nun mit einer gewissen Narrenfreiheit seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, sagte Kollig, dass er es als Skatspieler unfair fände, nachzukarten. „Im Freundeskreis ja, aber nicht in der Öffentlichkeit.“ Natürlich beobachte er die jetzigen Entscheidungen genau. Die Südüberbauung am Bonner Bahnhof findet er im Großen und Ganzen gelungen. Besser, als gähnend leere Vorplätze, die er auch kenne. Die Stadt Bonn sei inzwischen mit seinen Geschäften ganz gut aufgestellt. Natürlich sei es falsch, dass die kleinen Geschäfte viel zu hohe Mieten zahlen müssten, die zu deren Aufgabe führten. Weh getan habe ihm das Ende des „Bonner Sommers“, der beliebten Kulturreihe. Doch die habe ja inzwischen mit den Stadtgartenkonzerten einen Nachfolger gefunden. Er freue sich über den Sparkassenneubau in dem auch „endlich wieder ein Lebensmittelgeschäft vorhanden ist.“ Auch dass der Cityring nach Süden ausgedehnt sei, scheine nach den anfänglichen Protesten ja gut zu funktionieren, meint Kollig. Wenn wir in Bonn Verkehrsprobleme haben, läge das nicht am Cityring, sondern an den Unfällen auf der Nordbrücke oder dem Autobahnring. „Ich kann alllerdings nicht verstehen, warum die Kaiserstraße jetzt eine neue Teerdecke braucht.“ Er könne Herrn Esch vom Tiefbauamt „jede Menge“ anderer Straßen in Bonn zeigen, die das notwendiger hätten.

Für eine Seilbahn am Venusberg

Und was er noch nie hätte verstehen können, seien die exorbitanten zeitlichen Verzögerungen und Überschreitungen der Baukosten bei öffentlichen Bauten. Bauaufsicht und -planung könne die öffentliche Hand nicht. „Warum nimmt man sich keinen Generalunternehmer?“, fragt Kollig. Für ihn dürften Baumaßnahmen über eine Million Euro nicht mehr durch die öffentlichen Hände gehen: „Die können das einfach nicht!“, betont er ausdrücklich. Genauso vehement macht er deutlich, dass die viel diskutierte Seilbahn zum Venusberg kommen müsse. „Wie man versucht, so etwas zu verhindern, kann ich nicht verstehen“, so Kollig: „Das schönste wäre doch, sie käme bereits von Ramersdorf.“ Seit Anfang des Jahres hätte er gute Chancen, einen Seilbahnbau über den Rhein von seinem Balkon an der Rheingasse zu beobachten, den er mit seiner Frau gegen ein langjähriges Wohnen in der Dorotheenstraße getauscht hat. Nun genießen beide einen spektakulären Ausblick auf Rhein und Siebengebirge. „Da braucht man keinen Fernseher mehr“, freut sich Kollig. Für den kontrovers diskutierten Bau am Rheinufer, für den das Hotel Beethoven weichen musste, hatte er sich in seiner aktiven Zeit noch stark gemacht. Er vertrat die Ansicht, dass an die prominente Stelle am Rhein ein „Eyecatcher“ hingehöre. Heute ist er dort Mieter.