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Hochwasserflut: Psychische Folgen - Kinder brauchen Normalität

Psychische Folgen der Hochwasserflut : „Kinder brauchen in der Katastrophe vor allem Normalität“

Ein Notfallseelsorger und eine Familientherapeutin sprechen über die seelischen Auswirkungen der Hochwasserflut bei betroffenen Kindern und Jugendlichen im Katastrophengebiet. Sie erklären, was Eltern nun beachten sollten.

Die Hochwasserkatastrophe hat Häuser und Dörfer mit sich gerissen und damit auch die gewohnten Lebenswelten der Menschen und Familien in den betroffenen Orten. Von heute auf morgen ist besonders für die Kinder im Katastrophengebiet nichts mehr wie es war. Dabei ist gerade in großer Not für Kinder Normalität am wichtigsten, wissen Pfarrer Albrecht Roebke von der Notfallseelsorge Bonn Rhein-Sieg und Christiane Wellnitz, Familientherapeutin der Evangelischen Beratungsstelle für Erziehungs-, Jugend-, Ehe- und Lebensfragen Bonn.

Die Katastrophe hat verschiedene Phasen, weiß Roebke, der zu Beginn des Hochwasserereignisses den Menschen im stark betroffenen Kreis Euskirchen geholfen hat. Er und sein Team haben sich zunächst auf die Betreuungsplätze der evakuierten Familien konzentriert und ihren Fokus auf die Erwachsenen gelegt. „Kleine Kinder erfassen die Situation natürlich noch nicht im vollen Umfang. Aber sie erfassen die Reaktionen ihrer Bezugspersonen. Das sind in der Regel die Eltern. Wenn diese stabil sind, dann ist für das Kind schon viel getan. Deswegen haben wir versucht, die Eltern zu stabilisieren und sie zu informieren, wie man mit den Kindern umgehen kann“, erklärt Roebke.

Flutkatastrophe: Kinder schauen auf ihre Eltern

Die Erwachsenen gingen oft davon aus, dass die schlimmen Bilder die Kinder stark belasten würden. Doch so sei es nicht: „Die Kinder schauen eher auf ihre Eltern. Sie prägen sich weniger die Bilder ein als das, was auf sie folgt.“ Familientherapeutin Christiane Wellnitz betont, dass Eltern ihren Kindern die Möglichkeit geben sollten, über das Gesehene und Erlebte sprechen zu können - so oft sie wollen und möglichst unbeschränkt. „Denn auch, wenn sie zum hundertsten Mal über etwas sprechen, ist es ein Teil der Verarbeitung.

Es gibt auch Kinder, die gar nicht reden wollen, und auch das ist dann in Ordnung. Jedes Kind regelt die Verarbeitung anders.“ Und es sei, so Wellnitz, ganz normal, dass das Kind zunächst Auffälligkeiten zeigen kann wie Schlaflosigkeit oder schlechte Träume. Auch das sei wiederum Teil der Verarbeitung. „Wiederum ist hier die Reaktion der Eltern wichtig. Wenn ein Kind wegen eines schlechten Traumes aufschreckt, dann soll es ruhig über den Traum sprechen können. So können die Eltern mit dem Kind den Traum weiterspinnen und ihm ein gutes Ende geben“, sagt die Bonner Familientherapeutin.

Neben Normalität geben Rituale Kindern Sicherheit

Wie für alle Menschen sei auch für Kinder nach einem einschneidenden Erlebnis wie die Hochwasserkatastrophe Normalität wichtig, betont Pfarrer und Notfallseelsorger Roebke. „Und im Gegensatz zu Erwachsenen bekommen es gerade Kinder gut hin, sich Normalität zu schaffen, obwohl das gewohnte Lebensumfeld weg ist. Sie können bei einem Fußballspiel oder beim Mensch-ärgere-dich-nicht oder auch beim Vorlesen einer Geschichte abschalten und die Sorgen einmal vergessen“, so Roebke. Und das sei für sie Gold wert. Auch Wellnitz erklärt, dass Normalität den Kindern in der ungewöhnlichen Situation Sicherheit gibt. „Ihre Bezugspersonen, Gegenstände wie das Kuscheltier aus dem gewohnten Leben aber auch Rituale und Abläufe aus dem gewohnten Alltag wie eine Gute-Nacht-Geschichte helfen ihnen dabei.“

Neben der Normalität brauchen Kinder wie Erwachsene aber auch das Gefühl von Kontrolle – gerade in einer Situation, die ihnen die gewohnte Kontrolle über das eigene Leben entrissen hat. „Deswegen ist es wichtig, Kinder selbst entscheiden zu lassen. So sollte man sie beispielsweise fragen, ob sie zu Oma und Opa wollen, anstatt es vorzugeben“, erklärt Roebke.

Eltern sollten gegenüber ihren Kindern authentisch sein

Generell sollte man die Kinder nicht zu sehr schonen wollen, so Roebke weiter – weder verstummen, wenn sie bei einem Gespräch in einen Raum kommen, noch verbieten, sich beispielsweise das zerstörte Haus anzusehen, oder sie wegschicken, wenn sie nicht gehen wollen. „Kinder malen sich im Kopf vielleicht Dinge aus, die noch schlimmer als der wirkliche Zustand sind. Das könnte sie traumatisieren“, sagt der Pfarrer. Man könne die Kinder auch ruhig fragen, ob sie beim Aufräumen helfen wollen. „Das Gute ist, das Kinder sehr direkt und ehrlich mit ihren Antworten sind. Wenn sie etwas nicht wollen, dann sagen sie es auch“, so der Notfallseelsorger.

Auch Wellnitz rät, die Situation vor den Kindern nicht herunterzuspielen. „Wichtig ist, dass die Eltern authentisch sind und dass die Worte mit den Emotionen, die das Kind spürt, zusammenpassen. Parallel kann man den Kindern aber auch signalisieren, dass die Eltern die Situation regeln und ein neues Zuhause schaffen werden.“ In der Bonner Familienberatung gab es noch keine Hilferufe von den Hochwasserbetroffenen. Wellnitz geht aber davon aus, dass diese vermehrt kommen, wenn sich die Situation ein wenig gelegt hat. Notfallseelsorger Roebke und sein Team sind inzwischen vermehrt im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis unterwegs, um dort den Menschen seelsorgerisch zu helfen.