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GA-Serie "Bonner Köpfe": Ihr schönster Platz ist hinter der Theke

GA-Serie "Bonner Köpfe" : Ihr schönster Platz ist hinter der Theke

Sonja Reul betreibt in der Innenstadt seit 17 Jahren die beliebte Kneipe "Sonja's". Wenn sie an ihre Anfangstage als Neubonnerin zurückdenkt, kann von "Liebe auf den ersten Blick" keine Rede sein. Im Gegenteil. "Es war furchtbar!", erinnert sie sich an die Zeit vor 28 Jahren.

"Ich kannte ja keinen und mich persönlich auch keiner. Nur mein Lokal, das kannten sie alle. Und sie waren davon überzeugt, dass ?die aus München? hier keine Chancen haben wird." Doch die Chancen schuf sie sich - mit Durchhaltewillen und Engagement.

Ihre damalige Innenstadt-Kneipe "Dreieck 5" (vormals "Dreieck-Stube"), deren Pacht-Nachfolge der große Bruder für sie organisiert hatte, um sie nach Bonn zu holen, lief für sie rund. Und schon bald trug sie Reuls Stempel, zeugte von den Elementen, die der Unternehmerin am wichtigsten sind: Gastlichkeit, liebevolles Ambiente und ausgeprägte Dienstleistung. "Die aus München" reiste 1987 zwar aus der bayerischen Landeshauptstadt an, wo sie nach dem Besuch der Hotelfachschule ein eigenes Lokal eröffnet hatte, doch ihre ursprüngliche Heimat ist Hessen. In Bergen-Enkheim, direkt vor den Toren Frankfurts, verbrachte Reul Kindheit und Jugend.

"Meine Eltern haben sich da eine Existenz als Tankstellenbesitzer aufgebaut. Und diese Tankstellen waren mein Spielplatz - ich habe mein Taschengeld mit Volltanken und Scheibenwischen aufgestockt." Sogar zu der Auszeichnung "Bester Tankwart Frankfurts" hat Sonja Reul es mit 15 Jahren einmal gebracht - 1968, bei einer Werbeaktion für Aral. "Es macht mir einfach Spaß, Menschen zufriedenzustellen", bemerkt sie bescheiden und lässt ihren Blick durch das "Sonja's" schweifen, das "Dreieck"-Nachfolgelokal in der Friedrichstraße, das mittlerweile in sein überaus erfolgreiches 18. Jahr geht.

Fast alle Bonner kennen das lebhafte Eckbistro gegenüber der Sternpassage, aus der regelmäßig gut gelaunte Gesprächsfetzen und ein paarmal im Monat live gespielte Jazzmusik und Boogie-Woogie-Klänge dringen. 80 Prozent der Besucher, schätzt die Inhaberin, sind Stammgäste. Für sie lässt sie ihrer Kreativität regelmäßig freien Lauf und dekoriert den Gastraum acht Mal im Jahr aufwendig um. "Man wird betriebsblind, wenn man nicht zwischendurch immer wieder etwas verändert", findet die 61-Jährige, "und für die Gäste ist das eine tolle Abwechslung." Zurzeit sind es Skier, Skischuhe und Eiskristalle, die die Wände schmücken, verschwenderisch verteilte weiße Gaze vermitteln Hütten-Atmosphäre. Mitte Februar wird die "Eishöhle" dem Motto "Karneval" weichen.

Reuls Lebensgefährtin Christine Miebach, als ehemalige Bonna perfekt vorgebildet, und andere freiwillige Helfer sind mit von der Partie, wenn die winterlichen Elemente im Garagen-Lager verstaut und statt ihrer karnevalistische in die Friedrichstraße geschafft werden. "Karneval im Blut" hat die Wirtin auch nach knapp drei Bonner Jahrzehnten nicht, doch als "Angelernte" taucht sie gerne in die Stimmung der Fünften Jahreszeit mit ein. Genau wie ihr die typisch rheinische Art, "mit jedem gut Freund zu sein, solange er noch im Raum ist", inzwischen bestens vertraut, aber keinesfalls zueigen ist: "Hier in Bonn sollte man alle Versprechen mit einem Schmunzeln registrieren und dann abwarten, was dabei rauskommt. Ich selbst bin da anders. Ich verspreche lieber gar nichts oder nur, wenn ich es halten kann." Eine Wesensart, die sich vielleicht auch darauf zurückführen lässt, dass Reuls Mutter Norwegerin war. "In mir steckt auf jeden Fall viel Norwegisches. Vor allem die Ruhe und die Landschaftsverbundenheit, die da herrschen, gefallen mir sehr."

Einmal im Jahr fährt Reul in den hohen Norden, wo sie die 93-jährige Tante und eine Cousine besucht. Auch nach Berlin zieht es sie immer wieder: Bruder Per, einst Bonner Betreiber des "Bahnhöfchens" und des "Hotel Mozart", besitzt dort das "Hotel Ludwig van Beethoven". Weil die Gastronomin im "Sonja's" nicht nur für Tresengespräche, sondern auch für die Küche zuständig ist, fällt es ihr nicht leicht, sich aus Bonn fortzustehlen. Trotzdem gelingt es ihr nach Pützchens Markt regelmäßig, das Lokal drei Wochen in den Händen eines Mitarbeiters zu lassen und mit ihrer Partnerin an die portugiesische Algarve-Küste zu reisen, acht Kilo Bücher und Badesachen im Gepäck. "Das Geschäftshandy muss allerdings mit", gibt Reul lächelnd zu. "Und die portugiesischen Speisekarten, die sind auch ein bisschen Weiterbildung."

Typisch bönnsch

Das sagt Sonja Reul über Bonn:

  • An Bonn gefällt mir die Lage - am Rhein und am Siebengebirge. Und dass in der Bonner Innenstadt alles ganz kompakt beieinanderliegt.
  • Ich vermisse ein bisschen Großstadtflair. Es ist schade, dass die Stadt nach 22 Uhr ihr Leben einbüßt.
  • Mein Lieblingsplatz ist hinter meiner Theke. Ansonsten liebe ich es, auf der Beueler Seite mit meinem Hund Willi am Rhein entlang zu spazieren. Auf der Hundewiese kann er ohne Leine laufen.
  • Typisch bönnsch ist für mich der Klüngel hier: Man kennt sich, man hilft sich!