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Anklage gegen tunesische Polizisten: Im Februar soll der Mordprozess nach tödlichen Schüssen auf Bonnerin beginnen

Anklage gegen tunesische Polizisten : Im Februar soll der Mordprozess nach tödlichen Schüssen auf Bonnerin beginnen

Die Bonnerin Ahlem Dalhoumi starb 2014 durch Schüsse von tunesischen Polizisten. Jetzt sehen ihre Angehörigen gen die Chance, dass der Fall vor Gericht in dem nordafrikanischen Land geklärt wird.

Fünf Jahre nach dem Tod der beiden jungen Frauen Ahlem und Ons Dalhoumi beginnt in Tunesien wahrscheinlich im Februar ein Prozess, den es so in dem nordafrikanischen Land noch nicht gegeben hat. Die Bonnerin Ahlem und ihre Cousine waren nachts von Polizisten erschossen worden. Die beiden Schützen werden nun offenbar wegen Mordes angeklagt – nachdem sich schon mehrfach verschiedene Gerichte mit dem Fall beschäftigt und die Zuständigkeit sich immer wieder geändert hatte.

Es war der 23. August 2014, an dem die Bonner Jurastudentin Ahlem und ihre Cousie Ons, die in Tunesien lebte, auf dem Heimweg von einer Hochzeitsfeier in Kasserine waren. Sondes, die Schwester von Ahlem, fuhr das Auto. Die 21-jährige Ahlem war Beifahrerin. Im Fond saßen die Cousinen Ons aus Tunesien und Yasmin, die wie Ahlem in Beuel aufgewachsen ist.

Es quetschten sich noch drei weitere Freunde und Verwandte ins Fahrzeug. Auf einer abgelegenen Straße sprangen schwarz gekleidete Männer auf die Fahrbahn. Dass es Polizisten waren, erkannte Sondes nicht. Zwei Beamte zogen ihre Pistolen und feuerten. Sie hielten die Insassen für Terroristen, wie sie später zu Protokoll gaben. Sondes trat aufs Gaspedal, wollte fliehen. Die Männer schossen von hinten auf den Wagen. Kugeln trafen Ahlem, Ons und Yasmin. Ahlem war sofort tot. Ons starb noch in der Nacht an ihrer schweren Kopfverletzung. Yasmin überlebte schwer verletzt, eine Kugel bohrte sich in ihre Schulter.

„Der jahrelange Kampf um Gerechtigkeit hat sich gelohnt“, sagt Ahlems Tante Arbia Dalhoumi. Die Bonner Familie hat nach dem Tod von Ahlem, die in Bonn Jura studierte, und ihrer tunesischen Cousine Ons immer wieder versucht, die Ermittlungen voranzutreiben. So organisierten sie regelmäßig Demonstrationen und Gedenkfeiern in Bonn, die auch Politiker wie der tunesische Konsul und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber besuchten. Regelmäßig reisten Angehörige nach Tunesien, um mit Sachbearbeitern und Amtsträgern zu sprechen.

Die Liste der Rückschläge, die die Familie durchgestanden hat, ist ebenso lang. Polizisten werden erst festgenommen und dann wieder freigelassen, sind schließlich wieder auf Streife. Beweismittel und Akten verschwinden, selbst bei der deutschen Justiz gibt es Pannen. Die Behörden verbummeln Projektilsplitter, die aus Yasmin Dalhoumis Arm operiert wurden. Mehrere Richter befassen sich mit dem Fall, doch zur Anklage kommt es mangels Beweisen nicht.

Im Juli nahm der Fall eine entscheidende Wendung

Im Juli 2019 deutet sich allerdings eine Wendung an: Die Staatsanwaltschaft verfasst eine 55-seitige Anklageschrift. „Und auch wenn es noch keine offizielle Bestätigung gibt, sieht es nach vielem hin und her so aus, als würde die Anklage zugelassen“, sagt der Bonner Anwalt Michael Hakner, der die Dalhoumis von Anfang an begleitet. Wie die Familie berichtet, hat das Gericht in Kasserine, nachdem das Verfahren dort eingeleitet worden war, an das Gericht in Sfax, eine Stadt im Osten des Landes, verwiesen. Der Grund soll der Druck sein, der auf die Ermittler ausgeübt werden könnte. „Zumal die Gewerkschaften der Polizei aus Solidarität mit den Angeklagten anlässlich jeder Ermittlungssitzung Protestmahnwachen organisieren“, erzählt Arbia Dalhoumi.

Schon zu Beginn herrschte in Kasserine wegen des Falls Ausnahmezustand. Als die beiden Polizisten von einer Spezialeinheit inhaftiert wurden, zogen deren Kollegen und Angehörige vor das Amtsgericht und forderten die Freilassung. Die Spezialeinheit löste den Tumult schließlich auf und riegelte das Justizgebäude ab. Die betroffenen Polizisten – zwei Schützen und neun andere Mitglieder der Sicherheitspatrouille – hatten immer behauptet, den Golf mit Bonner Kennzeichen für das Fahrzeug von Terroristen gehalten und auf Anweisung höherer Stellen gehandelt zu haben. „Allerdings sollen sie sich in Widersprüche verstrickt und unterschiedliche Angaben gemacht haben“, sagt Dalhoumi.

Für die tunesische Justiz hat es einen Fall wie den von Ahlem und Ons Dalhoumi noch nie gegeben. „So weit wir wissen, ist es sogar das erste Mal, dass Polizisten derartig angeklagt werden“, erklärt Arbia Dalhoumi. Diese besondere Situation sieht auch Rechtsanwalt Hakner als Herausforderung für die Behörden an: „Schon in Deutschland ist es schwierig, gegen Polizisten zu ermitteln. Auch hier sind das Verfahren, an die niemand gerne rangeht.“ Er sieht gute Chancen, dass es zu einer Verurteilung kommt, wenn der Prozess beginnen sollte. „Was aber dabei rauskommt, entscheidet das Gericht.“ Die Dalhoumis wollen nur ein gerechtes Urteil. „Dann haben wir Ruhe, dann haben Ahlem und Ons endlich Ruhe.“