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Behindertengemeinschaft Bonn: Im Rollstuhl durchs Stadthaus

Behindertengemeinschaft Bonn : Im Rollstuhl durchs Stadthaus

Jürgen Nimptsch unternimmt Selbstversuch. Die Behindertengemeinschaft beklagt eine ganze Reihe von Problemen.

Über die große Kreuzung am Berliner Platz fuhr er noch ganz zügig vorneweg, doch auf den kleinen Pflastersteinen vor dem Stadthaus kam Jürgen Nimptsch dann doch ins Straucheln. "Da bin ich wohl zu flott um die Kurve gefahren", meinte er und ließ sich von Klaus Mehren, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft "Selbst Aktiv", wieder in die Spur bringen.

Um den Oberbürgermeister auf die Stolperfallen in und rund um das Stadthaus aufmerksam zu machen, hatte ihn die Behindertengemeinschaft Bonn zu einer Ortsbegehung eingeladen. Doch nicht nur theoretisch sollte sich Nimptsch den Problemen stellen. Um zu erkennen, an welchen Stellen Gehbehinderte und Blinde ohne fremde Hilfe nicht weiterkommen, unternahm er die Tour in einem Rollstuhl sitzend.

"So leicht wie er komme ich schon einmal gar nicht über die Straße, denn in den Schienen bleibt mein Rollstuhl immer wieder hängen und die Grünphasen sind einfach zu kurz", erzählte Camilla von Loesch von der Selbsthilfe Körperbehinderter. Hans-Dieter Plonkiewicz, seit einigen Jahren vollkommen erblindet, hat an dieser Stelle ein ganz anderes Problem.

"Hören Sie etwas?", fragte er in die Runde. Nichts - außer Straßenlärm lautete die einhellige Antwort. "Und genau das ist das Problem. Denn die Ampel an dieser vielbefahrenen Kreuzung gibt keine akustischen Signale. Ich weiß überhaupt nicht, wann ich gehen kann", sagte Plonkiewicz. Auch auf der Straße fehlt eine entsprechende Bodenmarkierung, an der er sich orientieren kann.

Um überhaupt ins Stadthaus zu kommen, müssen Camilla von Loesch und Gisela Breuhaus von "Mobil mit Behinderung" über eine Rampe zunächst in die Tiefgarage fahren. "Doch die macht am Ende eine scharfe Kurve. Hat man zu viel Schwung, kann man rückwärts ein paar Stufen hinunterfallen", machten die beiden Rollstuhlfahrerinnen den Oberbürgermeister auf eine ganz besonders gefährliche Stelle aufmerksam. Ein paar Meter weiter konnte auch Nimptsch nur den Kopf schütteln. Die Rampe zu einem Kassenautomaten ist so steil, dass sie ein unüberwindbares Hindernis ist.

Von der Tiefgarage aus können die Rollis nur mit dem Behindertenaufzug an der Weiherstraße zum Foyer des Stadthauses kommen. "Dafür müssen wir jedoch klingeln und warten, bis der Aufzug nach unten geschickt wird." So weit kam Hans-Dieter Plonkiewicz schon gar nicht. "Denn ich finde keinen Hinweis auf den Behindertenaufzug, und die Knöpfe für die verschiedenen Stockwerke sind ebenfalls nicht in Brailleschrift gekennzeichnet. Für mich ist hier Endstation."

Ins Stadthaus kommen Rollstuhlfahrer durch eine eigene Tür. Direkt hinter dem Eingang beginnt dann eine entsprechende Bodenmarkierung, die Sehbehinderte zu den Aufzügen leiten soll. "Aber welchen Weg ich nehmen muss, erfahre ich leider über die Bodenmarkierung nicht", so Plonkiewicz.

Für Gisela Breuhaus sind die sanitären Anlagen das größte Problem. "Es gibt nur eine Behindertentoilette für Besucher. Die ist auch noch durch eine schwere Metalltür verschlossen, die ich aber nicht öffnen kann", erzählt sie. "Dafür fehlt mir einfach die Kraft." Ohne fremde Hilfe kann Hans-Dieter Plonkiewicz nichts im Stadthaus erledigen. "Nicht nur, dass ich den Weg zum Bürgeramt gar nicht allein finden kann, in der Dienststelle gibt es überhaupt keine Hinweis für Menschen mit Sehbehinderungen. Ich muss immer eine Begleitung haben", erzählt er von seinen Erfahrungen.

Als schnelle Hilfe versprach Nimptsch, dass die Mitarbeiter an der Information im Stadthaus stärker für die Probleme behinderter Bürger sensibilisiert werden. "Baulich haben wir in der Vergangenheit einiges verbessert, jetzt müssen wir gezielt auf die verschiedenen Angebote hinweisen. Diese Begehung war für mich eine wertvolle Erfahrung."