1. Bonn
  2. Stadt Bonn

Kinder- und jugendärztlicher Dienst der Stadt: Immer mehr Kinder ohne Impfschutz

Kinder- und jugendärztlicher Dienst der Stadt : Immer mehr Kinder ohne Impfschutz

Unter Schulanfängern in Bonn haben nach Angaben des Kinder- und jugendärztlichen Dienstes der Stadt offensichtlich immer mehr Mädchen und Jungen keinen Impfschutz.

17 Prozent der Kinder hätten bei der Eingangsuntersuchung überhaupt einen Impfpass vorgewiesen. "Im NRW-Durchschnitt tun das immerhin 91,6 Prozent der Eltern", sagte die Leiterin des Dienstes Imke Maywald dem GA. Sehe man von den Familien ab, die, bezogen auf Unterlagen, nicht gut sortiert seien, heiße das wohl immer noch, dass bei zu vielen Kindern Masern- und Polioimpfungen nicht vorgenommen wurden.

Maywald bezieht sich auf die Auswertung der städtischen Schuleingangsuntersuchungen zum Jahrgang 2013/14, die sie kürzlich dem Sozialausschuss vorgelegt hat.

"Mit Blick auf die aktuelle Masern-Debatte würde man sich für die Bonner Kinder also andere Werte wünschen." Ehe sie in die Schule kommen, werden alle Kinder schulärztlich untersucht. Dabei soll unter anderem der Impfpass vorgelegt werden.

Trotzdem sehen die Kinderärztin Barbara Bettzüge-Pfaff aus Röttgen und ihre Beueler Kollegin Eva Killmann keinen Grund zur Panik. Bonn habe ihrer täglichen Erfahrung nach weiterhin eine gute Impfrate, sagte Bettzüge-Pfaff dem GA auf Anfrage.

Durch das Netz der inzwischen verpflichtenden Kleinkinduntersuchungen würden in den Arztpraxen regelmäßig auch die Impfpässe kontrolliert. Bei Lücken oder wenn aus dem Ausland Kinder ohne entsprechende Papiere kämen, setze sie in Informationsgesprächen alles daran, dass die Kinder nachgeimpft werden.

"Familien zum Beispiel aus Syrien sind auch sehr dankbar dafür. Nicht-Impfen ist doch so, als würden wir Kinder bei Rot über die Straße schicken." Nicht alle Bonner Ärzte würden so argumentieren.

Kinderärzte müssten sich unbedingt an die Leitlinien halten und etwa Masern nicht bagatellisieren, sagte Eva Killmann. "Ich habe noch Kinder gesehen, die daran starben oder schwere Behinderungen davontrugen. Das wollen wir doch heute nicht mehr erleben." Beide Ärztinnen beobachten jedoch eine steigende Zahl von häufig intellektuellen Eltern, die sich Impfungen verweigerten.

"Wenn diese Kinder krank werden, bin ich machtlos."

"Deren Kinder lasse ich bei Fieber zu normalen Zeiten nicht mehr in die Praxis", sagte Bettzüge-Pfaff. Sie plädiert dafür, wer den Impfschutz nicht nachweisen könne, dürfe Schulen oder Kindergärten nicht mehr betreten. Sie lasse sich unterschreiben, dass diese Eltern nur in eigener Verantwortung handelten, ergänzt Killmann. "Wenn diese Kinder krank werden, bin ich machtlos."

Der zweiten Beobachtung von Maywald, Bonner Kinder schnitten bei der Zahnpflege schlecht ab, können die beide Ärztinnen voll zustimmen: Nur 52 Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen hätten Zähne ohne Defekte, hatte Maywald im Sozialausschuss berichtet.

[Impfempfehlung]Bei 30 Prozent müssten Milch- und bleibenden Zähne unbedingt behandelt werden. Deutlich werde, dass die Zähne von Mädchen und Jungen aus Tageseinrichtungen, in denen Zähneputzen zum Programm gehöre, in besserem Zustand seien.

"Wir sahen einige Kinder mit furchtbarem Zahnstatus", bestätigen Bettzüge-Pfaff und Killmann. Kindern gerade von Sozialhilfeempfängern oder einigen Flüchtlingen müssten nicht selten faulende Vorderzähne gezogen werden, bedauert Killmann.

Weil heute Babynahrung viel Zucker enthalte und dann in Familien niemand nachputze. Sie sehe in ihrer Praxis sogar Eineinhalbjährige, die noch permanent die Saftflasche im Mund stecken hätten, berichtet Bettzüge-Pfaff. "Die Armen haben dann fast keinen einzigen Zahn mehr."

Alles andere als harmloser "Kinderkram"

Die Politiker reagierten alarmiert auf Maywalds Informationen. Parteiübergreifend wurden Konsequenzen gefordert, und zwar in Form einer Verstärkung des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes und der Jugendzahnpflege. Was auch das Verständnis der Dezernentin Angelika Maria Wahrheit fand.

Sie wies aber auf die mehr als angespannte Haushaltslage hin und warnte davor, sich zu großen Hoffnungen zu machen, dass zusätzliche Gelder fließen könnten.

Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fällt jungen Eltern die Entscheidung für Impfungen immer schwerer, weil sie keine Krankheitsfälle mehr wahrnehmen. Infektionskrankheiten wie Masern, Keuchhusten oder Mumps seien jedoch alles andere als harmloser "Kinderkram". Sie seien hochansteckend, könnten sich sehr schnell ausbreiten und schwere Folgen haben.