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Interview mit Karsten Brandt: In Bonn herrschen Temperaturen wie in Norditalien

Interview mit Karsten Brandt : In Bonn herrschen Temperaturen wie in Norditalien

Der Klimatologe Karsten Brandt schlägt Alarm: In Bonn und der Region wird es immer heißer. Die hohen Temperaturen haben dabei nicht nur Folgen für die Gesundheit, sondern auch für die Umwelt.

Bonn ist eine der wärmsten Städte der Bundesrepublik, ist Klimatologe Karsten Brandt sicher. Das stellt Stadtplaner und Bürger gleichermaßen vor Herausforderungen. Welche das sind, wie sich das Klima in Bonn und der Region entwickelt hat, ob wir künftig in Extremen leben werden und was jeder einzelne gegen den Klimawandel tun kann, darüber spricht der 47-Jährige mit Ayla Jacob.

Heiße Sommer, warme Winter: Ist das Wetter in Bonn in den vergangenen Jahren noch normal?

Karsten Brandt: Die Frage ist immer, was normal ist. Aber wenn wir das heutige Klima mit der Vergangenheit vergleichen, kann man in den Wintermonaten eine deutliche Erwärmung sehen. Der Winter im Rheinland – und besonders im Bonner Raum – ist mittlerweile kein Winter mehr, sondern ein kalter Herbst. Wir haben also eigentlich nur noch drei Jahreszeiten, der Winter fehlt. Das gab es zwar auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg, aber seit 1989 fällt auf, dass es kaum noch kalte Winter gibt. Tage mit Schnee und Frost sind deutlich rückläufig.

Wie sieht es mit den anderen Jahreszeiten aus?

Brandt: Eigentlich sind alle Jahreszeiten wärmer geworden. Aber bei den Wintern fällt es eben besonders auf, weil der Schnee fehlt. Im Sommer haben wir in der Zwischenzeit Temperaturen, die eher in der Mitte Frankreichs oder in Norditalien typisch waren.

Der Klimatologe Karsten Brandt ist Ur-Bonner: 1973 in der damaligen Hauptstadt geboren, lebt er heute mit seiner Familie in Bechlinghoven. Foto: Benjamin Westhoff

Ist das ein Bonner Spezifikum?

Brandt: Bonn ist eine der wärmsten Städte, wenn nicht sogar die wärmste Stadt in der Bundesrepublik. Ich halte das für ein Problem. Nimmt man zum Beispiel die Hitzewelle im vergangenen Jahr: Damals war Bonn-Roleber – die Station gibt es mittlerweile nicht mehr – unter den Top fünf in Deutschland. Das war aber eine Höhenlage. Somit wären wir mit anderen Messstationen vermutlich an der Spitze gewesen. Vor allem, weil in Lingen, wo es angeblich am wärmsten war, vermutlich ein Messfehler vorlag.

Welche Temperaturen herrschen hier?

Brandt: Wir haben in Bonn im Sommer bereits Temperaturen um die 40 Grad, die immer häufiger auftreten werden. Irgendwann werden wir über 45 Grad sprechen. Schaut man die Durchschnittstemperaturen an, bewegen wir uns hier auf einem Level um die 21 Grad. In den 1970er oder 1980er Jahren hat man das 600 bis 800 Kilometer weiter südlich gefunden. Man kann also eine deutliche geographische Verschiebung beobachten.

Wie haben sich die Durchschnittswerte entwickelt?

Brandt: Vor 60 Jahren lagen wir bei 18 Grad. Es ist ein immenser Wandel.

Was macht Bonn so heiß?

Brandt: Einerseits spielt die Lage im Rheintal eine große Rolle. Zwischen Eifel und Siebengebirge heizt es sich auf. Außerdem haben wir gewisse Fön-Effekte durch die Eifel. Zusätzlich leitet das Rheintal offenbar sehr gut die Warmluft, die von Süden kommt, zu uns hinein. Und: Der Raum heizt sich sehr schnell auf. Ein Aspekt ist auch die Nähe zum Kanal. Der Rhein sorgt dafür, dass im Winter die Warmluft schnell wieder hier ist. Das alles sind Gründe dafür, dass die Jahresmitteltemperatur hier Richtung zwölf, 13 Grad geht, während sie früher bei zehn Grad war.

Was ist das Problematische daran?

Brandt: Ist es extrem heiß, ist das für den menschlichen Körper gefährlich. Es ist ähnlich wie bei einer Grippewelle, für Menschen über 60 Jahre ist es sogar stärker. Es geht gar nicht unbedingt um die Höchsttemperatur, das Problem sind die sehr heißen Nächte. Man findet keine Erholung im Schlaf, weil die Rauminnentemperatur um die 30 Grad liegt, im Dachgeschoss noch höher. Das ist schon für den gesunden Menschen schwer zu verarbeiten. Vor allem, wenn man den ganzen Tag arbeiten musste. Aber für Kranke, für Senioren im Altenheim, eventuell mit Vorerkrankungen, ist es dramatisch. Das kann im schlimmsten Fall den Tod bedeuten. Das sieht man auch an den bundesweiten Zahlen: Ist es extrem heiß, steigt die Sterberate.

Wie ist die Zahl der Tropennächte in Bonn angestiegen?

Brandt: Dramatisch. Zwischen 1930 und 1960 gab es nicht mal eine Tropennacht hier in der Region. Mittlerweile reden wird von drei bis fünf pro Jahr „draußen“. Gehen wir in die Innenstadt, sprechen wir von 20.

Hat die Hitze Einfluss auf Allergiker?

Brandt: Auf jeden Fall. Am Pollenflug sieht man den Klimawandel: Mittlerweile ist es so, dass Hasel und Erle schon nach Weihnachten blühen. Wir haben eine zehnmonatige Saison. Oktober und November sind die einzigen Monate, in denen Sie in Bonn und der Region komplett pollenfrei sind. Die Anzahl der Pollen wird zwar nicht mehr, aber sie fliegen über einen längeren Zeitraum.

Wo liegt der heißeste Punkt in Bonn, wo der kühlste?

Brandt: In heißen Sommernächten ist es im Melbtal angenehm. Oder man wechselt die Rheinseite: Südlich von Holzlar gibt es Freiflächen, dort kann man es auch aushalten. Tagsüber würde ich den Märchensee oberhalb von Oberkassel empfehlen. Am heißesten in der gesamten Stadt ist es an der Bonn- und der Brüdergasse, und zwar am Ausgang zum Markt. Dort kann man unter freiem Himmel in einer Sommernacht schon mal 29 Grad messen. Noch dramatischer wird es, wenn wir 30 Jahre nach vorne blicken und haben nochmal ein bis zwei Grad mehr. Wir werden in den heißen Phasen Nächte wie in Kairo haben.

Was kann man gegen die Erwärmung tun?

Brandt: Was hilft, ist in bestimmten Einrichtungen Klimaanlagen zu installieren. Kühltechnik gehört in jedes Krankenhaus, in jedes Seniorenheim. Das gilt auch für Busse und Bahnen. Aber privat geht das nicht. Das ist zum einen eine Kostenfrage. Zum anderen will man ja auch Klimaziele erreichen. Wie soll man 2050 Klimaneutralität erreichen, wenn jeder seinen Dachstuhl auf 20 Grad runterkühlt? Das geht nicht.

Was kann man stattdessen machen?

Brandt: Man sollte helle Farben nutzen, sowohl bei der Fassade, als auch bei den Dachpfannen. Das ist ein einfacher Effekt, der schnell umsetzbar ist. Ebenfalls hilfreich ist Photovoltaik. Die Wärme dringt ja durchs Dachgeschoss ein und steigt nach unten. Solarzellen sorgen nicht nur für Strom, sie sorgen auch dafür, dass es unten drunter kühler ist. Sie wirken wie eine Abschattung. Das hat außerdem einen positiven Effekt für das Stadtklima, weil sich die Umgebung der Häuser nicht so massiv aufheizt. Wie man es nicht machen soll, sieht man zum Beispiel an Urban Soul oder dem Rathaus-Neubau in Beuel. Die Gebäude sind zu dunkel und haben genau diesen Aufheizungs-Effekt.

Wie sieht es mit Dachbegrünung aus?

Brandt: Das ist auch eine Möglichkeit, die aber nicht überall umsetzbar ist. Gerade im Bestand ist es je nach Dachbeschaffenheit schwierig. Das ist bei Photovoltaik anders.

Was kann die Stadtverwaltung tun?

Brandt: Sie muss als gutes Beispiel vorangehen. Jede öffentliche Dachfläche sollte gedämmt, mit Photovoltaik belegt oder begrünt sein. Außerdem brauchen wir viele hohe Bäume, eine Art Schicht als Schutz über der Stadt. Damit muss man jetzt beginnen, wenn man in 30 bis 40 Jahren so ein Schutzgrün haben möchte. In dieser Hinsicht muss man als Stadt die Bürger zusätzlich unterstützen, damit nicht jeder heimlich mit der Kettensäge hingeht und seine Privatbäume fällt.

Allerdings stellt sich doch die Frage, wer die Bäume im öffentlichen Raum bewässern soll...

Brandt: Das geht nicht ohne bürgerschaftliches Engagement. Wasser ist ein absolutes Problem. Denn: Es wird immer mehr, immer längere Trockenphasen geben. Zwar haben wir nach wie vor Regenphasen im Winter, die 50 bis 60 Prozent des jährlichen Niederschlages ausmachen. Im Frühjahr und im Sommer aber gibt es mittlerweile eher Starkregenperioden. Diese bringen nur ein wenig, da das Wasser nicht komplett versickert, sondern abfließt. Gewappnet für eine Hitzewelle ist der Boden damit nicht. Was fehlt, ist der kontinuierliche Regen. Dieses Problem wird sich in den nächsten Jahren verstärken. Was übrigens auch ein Problem für die Dachbegrünung und für die Gärten ist. Wasser ist ein Luxusartikel der Vergangenheit. Der klassische, grüne Rasen ist nicht mehr zeitgemäß.

Kann auch die Stadtplanung tätig werden?

Brandt: Ja. Die wenigen strategischen Freiflächen, die wir noch haben, dürfen nicht bebaut werden. So wie zum Beispiel das Meßdorfer Feld oder das Melbtal. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich brauchen wir stadtnahen Wohnraum. Wenn jeder aufs platte Land zieht und zur Arbeit pendeln muss, haben wir auch einen negativen Effekt. Ich habe mehr Verkehrsströme und mehr Flächenverbrauch. Aber: Ich denke, dass der Traum vom freistehenden Einfamilienhaus in Bonn überwiegend vorbei ist. Dafür ist der Flächenverbrauch zu groß. Also: Nachverdichtung ja, unbegrenzte Bebauung nein.

Welche Fehler wurden und werden außerhalb der massiven Bebauung gemacht?

Brandt: Die Bus- und Bahnanbindungen an das Umland sind zu schlecht. Nach wie vor wird bei großen Bauvorhaben zu sehr aufs Auto und zu wenig auf den ÖPNV gesetzt. Warum wird der Tausendfüßler ausgebaut? Es ist so unüberlegt: Dann strömt noch mehr Verkehr in die Stadt. Wo soll der hin? Auch für den Fahrradverkehr müsste mehr getan werden. Der Individualverkehr muss stärker beschnitten werden, vor allem auch in der Innenstadt.

Ist die City also von der Erwärmung massiver betroffen als das Umland?

Brandt: Ja, und die Unterschiede werden immer gravierender. In den 1950er Jahren gab es die erste Stadtklimauntersuchung in Bonn. Schon damals gab es fünf Grad Temperaturunterschied zwischen unbebauten Randgebieten und der Innenstadt. Mittlerweile sind es acht bis neun Grad Unterschied.

Werden wir in den nächsten Jahren eher in Extremen leben?

Brandt: Definitiv ja.

Hatte der Lockdown einen Einfluss auf das Stadtklima?

Brandt: Ja, einen sehr großen. Die Bonner Luft ist nicht wirklich gut, wir haben über 200 Tage im Jahr eine Inversionswetterlage, sprich die Luft steht. Daher haben wir hier eine höhere Feinstaubbelastung. Die ist in der Lockdown-Zeit an den Straßen um mehr als 50 Prozent zurückgegangen.

Wie bewerten Sie die Gesamtlage: Ist es fünf vor oder fünf nach zwölf?

Brandt: Es ist noch Zeit, man kann sich wappnen. Aber es funktioniert nicht ohne ein gewisses Umdenken. Dinge wie eine CO2-Steuer sind gute Ideen, aber ob das ausreichend ist, wage ich zu bezweifeln.