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Naturoase in Bonn: Insekten erobern sich Natur auf Südfriedhof zurück

Naturoase in Bonn : Insekten erobern sich Natur auf Südfriedhof zurück

Auf einem Teil des Südfriedhofs in Bonn erobern sich Insekten und Kleinstlebewesen die Natur zurück. Und manchmal durchdringt sogar das Blöken von Schafen die sprichwörtliche Grabesstille.

Es summt und brummt überall. Ackerhummeln, Feldwespen und Hornissen umschwirren das Insektenhotel. Nur wenige Schritte weiter huschen aufgescheuchte Zauneidechsen unter einen Stapel Totholz. Gleich daneben türmen sich schwere Steinplatten mit Mulch- und Sandflächen auf und bieten anderen Kleinstlebewesen Unterschlupf. Und manchmal durchdringt sogar das Blöken von Schafen die sprichwörtliche Grabesstille.

Leben und Tod liegen auf dem Südfriedhof eng nebeneinander: Auf der einen Seite säumen zumeist gepflegte Grabstätten die Wege zwischen den prachtvollen Bäumen, auf der anderen Seite darf die Natur ihr ureigenes Territorium zurückerobern. Behutsam entsteht seit zwei Jahren auf dem zweitgrößten Friedhof der Stadt eine grüne Oase.

Wieder viele heimische Insekten

Mittlerweile haben sich auf dem Areal zwischen Bahngleisen und Servatiusstraße wieder viele heimische Insekten- sowie Reptilienarten angesiedelt. So entsteht auf den umgewandelten Wiesen nicht nur nach und nach ein echtes Biotop, sondern auch ein Lern- und Erfahrungsraum für Kindergärten und Schulen. Und wenn dann auch noch die Schafe gleich hinter den städtischen Grüncontainern unweit der Trauerhalle grasen, dann ist die friedvolle Idylle perfekt. Die Vierbeiner halten nicht nur den Bewuchs kurz, sondern sie pflegen mit ihren Hufen den Boden und sorgen gleichzeitig für eine natürliche Düngung.

Herzstück des Konzepts auf dem Südfriedhof sind verschiedene Blumenfelder. Auf größeren Flächen mit abgelaufenen Nutzungsrechten wurden Grabsteine und Einfassungen entfernt und stattdessen Blühwiesen angelegt. Auf mehr als 5000 Quadratmetern gibt es nun Senf- und Buchweizenfelder sowie Parzellen mit Bienenweide, Raps, Mohn und Sonnenblumen. Nicht nur für Insekten, sondern auch für andere Tiere ist der Südfriedhof inzwischen ein echtes Paradies. Schmetterlinge, Reptilien, Amphibien sowie Igel finden in den hohen Gräsern einen Rückzugsort und ausreichend Nahrung. Zwischen Totholz und Steinmauern leben Hirsch- und Moschuskäfer, Holzwespen, Baumpilze, Asseln, Ohrenkneifer, Tausendfüßler sowie Spinnen. Zudem gibt es 82 Nistkisten für Kleinstvögel, Waldkauz und Fledermäuse.

Größere Artenvielfalt auf dem Südfriedhof

„Wir beobachten schon jetzt, dass unser Konzept aufgegangen ist und es eine größere Artenvielfalt auf dem Südfriedhof gibt“, erklärt Jörg Baur vom Amt für Stadtgrün. Das wird auch von den Besuchern wahrgenommen. „Wir bekommen fast ausschließlich positive Resonanz aus der Bevölkerung“, ergänzt der Landschaftsarchitekt. Das liegt sicher auch daran, dass die Stadt an den verschiedenen Stationen Hinweistafeln mit ausführlichen Erklärungen anbringen ließ. Diese Informationen sollen in Zukunft sogar per QR-Code abrufbar sein.

Seit Herbst gibt es zudem eine Streuobstwiese mit 36 alten Obstsorten auf dem Gelände. Noch sind die Bäume klein, aber schon in ein paar Jahren sollen sie dafür sorgen, noch mehr Insekten und Kleinstlebewesen anzulocken. Zudem wurden im vergangenen November auf einer etwa 350 Quadratmeter großen Fläche ca. 70.000 einheimische Blumenzwiebeln gesetzt. Erstmals blühten in diesem Frühjahr Krokusse, Tulpen und Narzissen und verwandeln den bislang ungenutzten Rasen in leuchtend bunte Blühflächen.

Farbenrausch im Frühjahr

Ein Anblick, auf den die meisten Friedhofsbesucher nicht mehr verzichten wollen. Marion Brissner kommt mehrmals in der Woche, um das Grab ihrer Eltern zu pflegen. „Ich finde das Projekt super. Gerade dann, wenn Margeriten, Mohn und Narzissen blühen. Eigentlich ist das ein Ort der Trauer. Aber bei dem Farbenrausch im Frühling bekommt man sofort gute Laune“, erzählt sie und ergänzt: „Wenn meine Enkel zu Besuch sind, müssen wir immer zum Insektenhotel und zu der Trockensteinmauer. Für die Jungs ist das sehr spannend und sie könnten stundenlang zuschauen.“

In der Zwischenzeit profitiert allerdings nicht nur die Natur von dieser Flächenumwandlung – so wie auch die Mitarbeiter des Friedhofsamts. Denn während Rasenflächen früher bis zu 25 Mal pro Jahr gemäht wurden, müssen die Wiesen mittlerweile nur noch ein- bis zweimal geschnitten werden. In der Folge können zahlreiche Kräuter und Gräser bis zur wichtigen Samenreife wachsen.