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Moderne Forschung auf dem Venusberg: Kampf gegen das Vergessen

Moderne Forschung auf dem Venusberg : Kampf gegen das Vergessen

500 Mitarbeiter forschen im Demenzzentrum auf dem Venusberg. Auf ihnen ruht die Hoffnung einer ganzen Nation.

Klaus Hovestadt streicht im Hörsaal über das helle Tischholz. Es ist nicht irgendein Holz, sondern ein neues Produkt, das im Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) verbaut wurde. Ein Verbund aus schmalen Holzresten, die der Hersteller miteinander verklebt hat. Nachhaltig, neuartig, hübsch anzusehen. Vor dem hohen Regierungsbesuch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, der diesen Mittwoch zur offiziellen Eröffnung kommt, wird das Material allerdings ausgetauscht. „Es hat an einigen Stellen zu stark gearbeitet und ist auseinandergedriftet. So etwas kann passieren, wenn man etwas Neues ausprobiert“, sagt Hovestadt, der den Neubau auf dem Venusberg als Leiter Abteilung Bau für das DZNE von Beginn an betreut hat.

Das Verbundholz und sein Arbeitsverhalten passen zu diesem dreigliedrigen Wissenschaftsneubau, auf dessen Mitarbeitern die Hoffnungen einer ganzen Nation ruhen. An Rückschlägen und unerwarteten Wendungen ist auch die Demenzforschung nicht gerade arm.

Mit erheblichen Bundes- und Landesgeldern ist deshalb in den vergangenen Jahren an neun Standorten in ganz Deutschland ein gewaltiges Wissenschaftsinstitut entstanden. Ein Zentrum, das mit moderner Grundlagenforschung, klinischer Forschung, der breit angelegten Gesundheitsanalyse (Rheinlandstudie) und einem weiteren Schwerpunkt in der Pflege von Erkrankten das Ziel verfolgt, entscheidende Schritte voranzukommen auf der Suche nach wirksamen Medikamenten, Therapien und Behandlungen. In Bonn liegt mit 500 Mitarbeitern die wichtige Schaltzentrale für diese Aufgabe. Die hohe Zahl der Betroffenen macht Nervenkrankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) zu einem drängenden gesellschaftlichen Problem, das weit über die deutschen Grenzen hinausreicht. Die Briten und Australier haben im vergangenen Jahr sogar beschlossen, das deutsche Konzept zu kopieren und ähnliche Zentren wie das DZNE zu entwickeln.

Schätzungen gehen davon aus, dass alleine in Deutschland 1,5 bis zwei Millionen Menschen an einer Form der Demenz (übersetzt: Abwesenheit von Verstand) leiden. Hinzu kommt eine große Zahl von indirekt betroffenen Angehörigen. Bis ins Jahr 2050 könnte die Zahl der Erkrankten auf drei Millionen steigen.

Das Vergessen nimmt während des Krankheitsverlaufs zu. Auch das korrekte Schreiben des Patienten verändert sich. Diesen Aspekt greift der Bonner Standort auf. Die Orientierung in den drei nebeneinander liegenden DZNE-Bauten mit ihrer Bruttogeschossfläche von fünf Fußballfeldern und ihren Laboren erfolgt über Farbfelder an den Wänden, die Wegekennzeichnung und Zimmernummern sind per Hand geschrieben.

In einem Büro im dritten Stockwerk sitzt Pierluigi Nicotera, der wissenschaftliche Leiter des Zentrums. Vor acht Jahren hat der Hirnforscher die Aufgabe übernommen, das DZNE aufzubauen. Sie waren damals zu dritt in einem kleinen Büro untergebracht. „Das Institut ist enorm schnell gewachsen“, sagt Nicotera. Es gab Zeiten, zu denen habe die Personalabteilung täglich einen Mitarbeiter eingestellt. Heute arbeiten deutschlandweit über 1000 Angestellte für das Zentrum, die Hälfte davon in Bonn. Die Stadt habe ebenso mitgezogen wie die Uniklinik, der Bund und Land. Sonst hätte der Aufbau so schnell nicht gelingen können.

Nicotera kennt die Kritik an der Demenzforschung allzu gut. Nach Jahrzehnten der Arbeit gibt es immer noch keine wirksame Therapie. Die einen sprechen schon vom Scheitern der Wissenschaft, andere äußern die Vermutung, Demenzerkrankungen seien eben die logische Folge einer älter werdenden Gesellschaft, ein natürlicher Vorbote des Todes. Nicotera hält dagegen: „Es ist auch gelungen, den Herzschrittmacher zu erfinden und das Leben der Menschen so zu verlängern.“ Der Institutsleiter sagt: „Eines unserer Hauptprobleme besteht darin, dass wir die Krankheit erst bemerken, wenn es zu spät ist .“

Die Forscher gehen davon aus, dass das Absterben von Nervenzellen Jahrzehnte vor dem Ausbruch von Gedächtnis- oder Persönlichkeitsstörungen seinen Anfang nimmt. Sie beobachten, dass es bei Alzheimer-Patienten zuvor zu Eiweißverklumpungen im Gehirn kommt. Entzündliche Prozesse unterstützen wahrscheinlich ebenfalls den Zelltod. Der Bonner Kliniker und Forscher Michael Heneka betont, wie wichtig die Verzahnung der unterschiedlichen Fachabteilungen ist. „Die Interaktion ist entscheidend“, sagt der Neurologe und nennt ein Beispiel. Über seine Arbeit am Uniklinikum hat er eine Familie kennengelernt, deren Mitglieder allesamt an ALS erkrankt sind. Zugleich betreut er einen Mann, der schon in jungen Jahren an derselben Art der Krankheit leidet, die zu Muskelschwund und Lähmungen führt. Für die Forschung sei das ein Glücksfall, „denn wir können die Stammzellen miteinander vergleichen. Ohne meine Doppelfunktion in der Klinik wäre ich diesen Menschen niemals begegnet“, sagt Heneka.

Es geht auch darum, die Krankheiten früher zu erkennen. Die Rheinlandstudie will dafür in den kommenden 30 Jahren 30 000 Bürgerinnen und Bürger in Bonn regelmäßig untersuchen. Die Wissenschaftler erhoffen sich in der Langzeitbetrachtung Erkenntnisse, wie sie an biologischen Zeichen des menschlichen Körpers ablesen können, ob jemand Anzeichen für eine Nervenkrankheit in sich trägt. „Wir brauchen auch für andere Studien weitere Probanden und wir wollen eine kritische Masse“, sagt DZNE-Verwaltungsvorstand Sabine Helling-Moegen.

Das sei einer der Gründe, warum das Demenzzentrum an neun Standorten und nicht nur an einem vertreten sei. „Ich hoffe“, ergänzt sie, „dass der Gründungsspirit noch lange erhalten bleibt.“ Zumindest sind nun in Bonn alle an Bord. Vor gut zwei Wochen sind die letzten Forscher, die zuvor auf verschiedene Liegenschaften in Bonn verteilt waren, in den Neubau an der Sigmund-Freud-Straße eingezogen.