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Kriminalstatistik für Bonn: Weniger Einbrüche aber mehr Sexualdelikte

Polizei gibt Kriminalstatistik bekannt : Weniger Einbrüche, mehr Sexualdelikte in Bonn

In Bonn und Teilen der Region gab es mit 35264 Straftaten so wenige wie seit 1996 nicht mehr. Das liegt unter anderem auch an den niedrigen Zahlen bei der Straßenkriminalität. Kopfzerbrechen bereiten den Ermittlern die steigende Zahl der Sexualdelikte und falsche Polizisten, die es auf Senioren abgesehen haben.

Der Trend setzt sich fort. Seit einigen Jahren sinken die Kriminalitätszahlen in Bonn, Königswinter, Bad Honnef und dem linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis. Auch aktuell hatten Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa und der neue Kripo-Chef Achim Spröde positives zu berichten. 2019 verzeichnete die Bonner Polizei 35 264 Straftaten – und damit 1889 Fälle weniger als noch 2018.

Sexualdelikte: Zwar gab es weniger Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und Übergriffe im besonders schweren Fall, insgesamt aber verzeichnete die Polizei mehr Sexualdelikte (2019: 485, 2018: 437). Außerdem verzeichnete die Polizei mehr Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs, vor allem bei Kindern (2018: 14, 2019: 53). Unter anderem betrifft dies einen Bonner, der über das Internet sieben- bis 13-jährige Mädchen kontaktiert hat. Er schickte ihnen pornografisches Material und animierte sie dazu, sexuelle Handlungen an sich selbst vorzunehmen und ihm Bilder oder Videos davon zu schicken.

■ NCMEC: Auf die Spur des Bonners gelangten die Ermittler durch einen Hinweis der US-Organisaion „National Centre für Missing and Exploited Children“. Unternehmen wie Google wenden sich dorthin, wenn kinderpornografisches Material im Netz hochgeladen wird. Befindet sich der Computer in Deutschland, wird das Bundeskriminalamt eingeschaltet, das sich dann an die lokalen Behörden wendet, berichtet Ermittler Gernot Lippert. 62 000 Hinweise gab es in 2019 bundesweit, in Bonn waren es laut Lippert Fälle im unteren dreistelligen Bereich.

Dieses Video entstand in einer Kooperation aus GA und WDR.

■ Betrug: In diesem fällt die Statistik gemischt aus: Zwar sanken die Zahlen von 4044 auf 3490. Dabei aber handelt es sich um die Taten, die in Bonn stattfinden. Telefonbetrüger wie falsche Polizisten sind in den Zahlen nicht enthalten, da sie meist vom Ausland aus agieren. So hat sich die Zahl der betrügerischen Telefonanrufe mehr als verdoppelt (von 1002 auf 2510). Das Gute: in 99,3 Prozent der Fälle gelangen die Betrüger nicht zum Ziel. Sind sie aber erfolgreich, ist die Beute groß: In 14 Fällen haben sie 2019 Geld und Schmuck im Wert von etwas mehr als einer Million Euro erbeutet.

■ Kapitalverbrechen: Zwei Menschen kamen 2019 in Bonn und der Region gewaltsam ums Leben. In einem Fall tötete ein 35-jähriger Bonner seine 63-jähige Mutter, im anderen hatte ein 56-jähriger Meckenheimer gestanden, seine 90-jährige, pflegebedürftige Mutter mit einem Herzstich getötet zu haben. Insgesamt gab es im Bereich Mord und Totschlag 28 Fälle – 2018 waren es zehn. Korrekt sei die Statistik in diesem Punkt nicht, räumte Brohl-Sowa ein. Denn: Sechs Taten ereigneten sich bereits 2017 und 2018, fünf Fälle wurden fälschlich unter „Straftat gegen das Leben“ registriert.

■ Einbruch: Erneut gesunken ist die Zahl der Einbrüche, und zwar von 1371 auf 1224. In mehr als 50 Prozent der Fälle kommen die Täter nicht zum Ziel. Aber: Die Aufklärungsquote ist deutlich gesunken, sie liegt bei 8,9 Prozent, 2018 waren es 27,1 Prozent, weil einige Tatserien geklärt werden konnten. 2020, so prognostiziert Spröde, wird die Quote wieder steigen. Ein Grund: Ende 2019 wurde ein 45-Jähriger in Berlin festgenommen, der zwischen November 2014 und Januar 2019 insgesamt 33 Mal in Häuser in Bonn und der Region eingestiegen ist. Der Mann sitzt in Haft, die Taten sind geklärt – allerdings zu spät für die aktuelle Statistik. International agierende Banden sind übrigens so gut wie gar nicht mehr in Bonn und der Region unterwegs, stellte Spröde fest. „Überwiegend haben wir es mit Einzeltätern mit regionalen Bezügen zu tun.“

■ Straßenkriminalität: Die Zahl der Raubüberfälle auf Straßen, Wegen oder Plätzen stieg um 32 auf 202 Fälle, die der gefährlichen und schweren Körperverletzungen fiel um 95 auf 374 Taten. Insgesamt erfasste die Polizei 10 228 Fälle von Straßenkriminalität (2018: 10 332), der niedrigste Wert seit 1974.

■ Körperverletzungen: Insgesamt gab es mit 3626 Körperverletzungen ein Minus von 71 Fällen. Mit Blick auf die schweren und gefährlichen Delikte sind die Zahlen rückläufig (von 978 auf 871), angestiegen allerdings sind sie im Bereich der einfachen Körperverletzung (von 2589 auf 2630). Zum einen liegt dies laut Brohl-Sowa an einem Plus bei häuslicher Gewalt. Zum anderen, so Spröde, würden mehr Taten angezeigt. Zwei Menschen wurden 2019 in Bonn und der Region umgebracht. So tötete ein 35-jähriger Bonner seine 63-jähige Mutter. Außerdem hatte ein 56-jähriger Meckenheimer gestanden, seine Mutter mit einem Herzstich getötet zu haben. Die 90-Jährige, mit der er in einer Zweizimmerwohnung zusammenlebte, war pflegebedürftig.

■ Rauschgift: 2252 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz stellte die Polizei 2019 fest (2018: 2218). 67 Prozent waren Fälle, bei denen Cannabisprodukte im Spiel waren. Den Anstieg begründet die Polizei mit den weiterhin verstärkten Kontrollen in Tannenbusch, Bad Godesberg und der Bonner Innenstadt.

■ Fahrraddiebstähle: Die Zahl der Fahrraddiebstähle ist gesunken – von 3175 auf 2945. Gleichzeitig ist die Aufklärungsquote von 4,3 auf 8,2 Prozent gestiegen. Denn: 2019 wurde der Bereich stärker ins Auge gefasst und die Ermittlungsgruppe „Bike“ gegründet. Im Mai wurden 16 Verdächtige ausgemacht, die Spuren führten bis nach Polen. Bei den Durchsuchungen wurden 176 Räder sichergestellt.

Das sagen die Polizeigewerkschaften

Man begrüße den Rückgang der Straftaten, müsse die Statistik jedoch differenziert betrachten, stellt Dirk Lennertz, Chef der Bonner Gewerkschaft der Polizei (GdP), fest. Ein Anstieg der Zahlen im Bereich der Kinderpornografie, ein höherer Ermittlungsaufwand und die gestiegenen Anforderungen erforderten „pro Delikt einen höheren Personalbedarf“, so Lennertz. Außerdem sei die emotionale und psychische Belastung enorm, Ermittler seien besorgt, aufgrund der kaum zu bewältigen Datenflut unter Umständen einen aktiven Missbrauchsfall zu übersehen. Auch im Betrug zeige sich ein verzerrtes Bild. Denn die Fälle ohne Tatort in Deutschland seien nicht erfasst, dennoch seien sowohl Streifendienst als auch Kripo damit befasst. Es würde vor Ort ermittelt und die Opfer betreut. „Damit relativiert sich der Rückgang von 1889 Fällen deutlich“, so Lennertz. Die Kollegen in den betroffenen Kommissariaten „saufen förmlich ab“. Lennertz’ Forderung: Die in der Statistik nicht erfasste Belastung müsse künftig im Personalbedarf berücksichtigt werden.

Lob für das Engagement der Kriminalisten kommt von Hermann-Josef Borjans vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Darüber hinaus aber gibt es kritische Töne. „Zwei Bereiche, die betroffen machen, sind nicht erwähnt“, so Borjans und verweist zum einen auf Betrug im Internet vor allem zum Nachteil älterer Menschen. In diesem Bereich seien die Straftaten massiv angestiegen. Die Aufklärung sei schwierig, und zwar wegen „fehlender Ermittlungsansätze und unzureichender Rechtsvorschriften“. Zum anderen sei die Drogenkriminalität zu erwähnen. Gerade der Handel von Crystal Meth über die Grenzen der Benelux-Staaten offenbare in diesem Bereich „ein großes schwarzes Loch“.