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Lage der Frauenhäuser in Bonn: Anzeigen von häuslicher Gewalt

Frauenhäuser haben zu wenig Plätze : Anzeigen von häuslicher Gewalt nehmen in Bonn zu

Die Fälle von häuslicher Gewalt nehmen auch in Bonn immer weiter zu. Gerechtigkeit gibt es oftmals nicht, weil vor Gericht Aussage gegen Aussage steht.

„Bei Eintreffen der Beamten waren lautstark Hilferufe zu hören, danach war es still. Auf Klingeln wurde die Wohnungstür durch den Mann geöffnet. Der Beschuldigte wirkte alkoholisiert. Er schien sehr entspannt und ruhig. Seine Ehefrau befand sich im Wohnzimmer. Dort kauerte diese unter einer Decke auf dem Sofa. Sie schien sichtlich aufgelöst und verstört. Die Geschädigte gab an, dass er sie aufgefordert habe, das Wohnzimmer zu verlassen und ins Bett zu gehen. Dies verneinte nach eigenen Angaben die Geschädigte. Daraufhin habe der Beschuldigte sie am Arm gegriffen und ins Schlafzimmer gezogen. Dort habe der Beschuldigte sie geschlagen. Als er von ihr abließ, habe sie versucht, eine Freundin telefonisch zu erreichen. Der Beschuldigte entriss ihr das Telefon und zerstörte dieses am Türrahmen.“

Diese Worte stammen aus einer Polizeiakte des Bonner Polizeipräsidiums. Sie schildern einen Fall von häuslicher Gewalt, der sich vor Kurzem ereignet hat und Alltag ist. Bis September dieses Jahres gab es knapp 900 Taten, bis zum Jahresende werden es deutlich mehr als 1000 Delikte und somit etwas mehr als im Vorjahr sein, erläuterte Polizeipräsident Frank Hoever bei einer Pressekonferenz am Mittwoch.

„Dabei handelt es sich aber nur um die Fälle, die auch bekannt werden. Das Dunkelfeld ist groß“, sagte Hoever. So wäre auch der Fall aus der Polizeiakte verborgen geblieben, wenn Nachbarn aufgrund der Schreie nicht die 110 gewählt hätten. Laut Ulrike Grosse-Kreul, die das Frauenhaus Bonn leitet, hängen die steigenden Zahlen auch damit zusammen, dass die Opfer offensiver mit der Gewalt umgehen. Trotz vielfältiger Unterstützung hat das Frauenhaus aber zu wenig Plätze, um alle Hilfesuchenden versorgen zu können.

Warum gingen die Taten während Corona zurück?

Häusliche Gewalt hat viele Facetten. Sie reicht von psychischen Formen über sexualisierte Gewalt bis zu vollendeten Tötungsdelikten. Im Bericht, dass das Landeskriminalamt jedes Jahr herausgibt, wurden 2021 insgesamt 31.000 Fälle registriert – 76 Prozent der 21.000 Täter waren männlich.

Die landesweite Entwicklung deckt sich mit dem Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Bonn, zu dem auch der linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis sowie die Städte Bad Honnef und Königswinter gehören. 2021 gab es 1050 Delikte, 2019 waren es etwa genausoviele. „2020 wurden wir von einem Rückgang überrascht“, sagte Hoever. Denn eigentlich hatte man aufgrund der Lockdowns mit mehr Konflikten gerechnet.

Eine Erklärung könnte sein, dass durch die beengten Verhältnisse die Kontrolle durch den Partner zugenommen habe. So konnte man beispielsweise nicht ungestört telefonieren, wie Grosse-Kreul berichtete. Deshalb habe man ein Projekt gestartet, bei dem Opfer sich bei einem Apothekenbesuch Mitarbeitern ein Zeichen geben konnten. „Das hat uns gezeigt, dass wir unsere Angebote an die gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen müssen.“ Mit den Jahren sind sie immer ausgefeilter geworden. Dadurch, dass häusliche Gewalt mittlerweile als Offizialdelikt gilt, verfolgen Polizei und Staatsanwaltschaft die Taten, auch wenn die Betroffenen sie nicht zur Anzeige bringen.

Frauenhäuser sind auf Spenden angewiesen

Die beiden Bonner Frauenhäuser profitieren durch großzügige Spenden, unter anderem durch den Lions Club Bonn-Liona (siehe „Spendensammlerinnen“). Rund 110.000 Euro steckten die Damen bisher in die Arbeit der Frauenhäuser. „Dadurch ist es uns erst möglich, auf bestimmte Situationen zu reagieren“, sagte Grosse-Kreul. So werden derzeit Wohnungen angemietet, um Frauen und ihre Kinder, die Gewalt erlebt haben, unterbringen zu können. Bonn hat zwar insgesamt 46 Plätze und gilt als gut ausgestattet. „Nach Leitlinien des Europarats bräuchten wir um die 80. Die Stadt Bonn hat uns zugesichert, die Plätze weiter auszubauen.“

Immer wieder gibt es Fälle, die mangels Räumen nicht ins Frauenhaus aufgenommen werden können. Dann springt die Stadt kurzfristig ein, mit Notunterkünften oder kommunalen Wohnungen. In der Bundesstadt sind die Frauenhäuser durch die Spenden auch deutlich günstiger. Sieben Euro kostet die Nacht, in Sonderfällen werden auch andere Lösungen gefunden. Andere Städte liegen bei rund 40 Euro, weil die Unterstützung von außen fehlt.

Wie lange jemand im Frauenhaus bleibt, hängt von vielen Umständen ab. „Manche kommen nur kurz, weil sie zum Beispiel danach in eine andere Stadt gehen“, sagt Grosse-Kreul. Das Netzwerk der Frauenhäuser vermittelt deutschlandweit Plätze, um so die Gefahr zu mindern, vom ehemaligen Partner gefunden werden zu können. „Andere entwickeln innerhalb von drei Monaten Perspektiven, gehen zu Bekannten oder Verwandten. Es gibt aber auch Frauen, die mehr als ein halbes Jahr bleiben, weil sie sich erst einmal eine Wohnung suchen müssen.“ Das Frauenhaus stehe in diesen Situationen auch mit Beratungsangeboten zur Seite. „Die wenigsten gehen in ihre alte Wohnung zurück.“

„Es steht Aussage gegen Aussage“

Das grundsätzliche Problem häuslicher Gewalt hat sich aber auch durch die Schwerpunktsetzung der Polizei durch Strafverfolgung und Prävention nicht geändert. So ist die Polizei laut Hoever im Opferschutz sehr aktiv, spricht Wohnungsverweise an die Täter aus und kontrolliert diese auch verstärkt. „Es ist aber schlichtweg keine totale Kontrolle möglich, weil die Taten meist ohne Öffentlichkeit stattfinden“, sagt Grosse-Kreul. Wenn Frauen Anzeige erstatteten, um Gerechtigkeit zu erfahren, würden die Verfahren mangels Beweisen oftmals eingestellt. „Es steht dann Aussage gegen Aussage.“ Noch schwerer sei es, psychische Gewalt nachzuweisen. „Dabei sind auch diese Verletzungen sehr schlimm.“

Opfer von häuslicher Gewalt können sich an das Frauenhaus Bonn unter ☎ 02 28/63 53 69 sowie an die Polizei unter 110 wenden und sich unter www.frauenhaus-bonn.de informieren.