Überraschender Erfolg bei der WM Was das Erreichen des Halbfinales für Bonner Marokkaner bedeutet

Bonn · Der überraschende Einzug der marokkanischen Mannschaft ins WM-Halbfinale verschafft dem nordafrikanischen Land gerade besondere Aufmerksamkeit. Bonner Marokkaner berichten, was der Erfolg für ihre Heimat bedeutet.

 Youssef Mrabet (l.), Mokhtar Bennoune und Wafi (r.) freuen sich im Bistro Le Petit Marrakech für die marokkanische Mannschaft.

Youssef Mrabet (l.), Mokhtar Bennoune und Wafi (r.) freuen sich im Bistro Le Petit Marrakech für die marokkanische Mannschaft.

Foto: Sofia Grillo

Nun steigt die Aufregung wieder - am Mittwochabend spielt Marokko gegen Frankreich und die Fans der Überraschungs-Mannschaft aus Nordafrika drücken sich schon jetzt die Daumen wund. Der Bonner Marokkaner Mokhtar Bennoune empfindet aktuell eine ähnliche Anspannung wie die vor einer großen Prüfung. Der klare Unterschied: eine unermessliche Freude darüber, dass die Mannschaft in dieser Weltmeisterschaft überhaupt so weit gekommen ist. Der größte WM-Erfolg des Landes war vor 36 Jahren das Erreichen des Achtelfinales. Nun steht das marokkanische Team als erste afrikanische und als erste arabische Mannschaft in einem WM-Halbfinale.

Youssef Mrabet, Besitzer des Bistros Le Petit Marrakesch in der Kölnstraße, konnte sich während des Spiels Marokkos gegen Portugal beim Kochen kaum konzentrieren. Nicht einmal die eingespieltesten Handgriffe wollten funktionieren. Sein langjähriger Freund Wafi, der nur mit Vornamen genannt werden möchte, hat das Spiel im Bistro geguckt und vor lauter Freude über das entscheidende Tor der Marokkaner in der ersten Halbzeit seine Sonnenbrille kaputt gemacht. Einem weiteren guten Freund kamen in diesem Moment die Tränen.

Mehdi Rassifi vom Weihnachtsmarktstand “Suk du Maroc” erlebte das Tor, das der Spieler Youssef En-Nesyri mit seinem Kopf schoss, in der Holzbude in der Vivatsgasse und hätte beinahe die Tonschalen und -teller in seinem Stand zertrümmert, so sehr habe er sich gefreut, erzählt er scherzhaft. „En-Nesyri ist nicht gesprungen, sondern geflogen“, erzählt Rassifi begeistert.

Mehdi Rassifi hat das Spiel Marokko gegen Portugal in seiner Weihnachtsmarktbude Suk du Maroc geschaut und auch dort gejubelt.

Mehdi Rassifi hat das Spiel Marokko gegen Portugal in seiner Weihnachtsmarktbude Suk du Maroc geschaut und auch dort gejubelt.

Foto: Sofia Grillo

Mokhtar Bennoune hat jedes Spiel alleine Zuhause geschaut, obwohl ein Freund ihm Karten für die Spiele gegen Belgien und Kanada in Katar schenken wollte. „Ich bin bei den Spielen so aufgeregt, ich kann da nicht unter Menschen sein, das machen meine Nerven einfach nicht mit”, sagt er. Und so schaute lediglich seine Frau belustigt zu, wie er immer wieder nervös durch die Wohnung tigerte.

Nach dem Sieg gegen Portugal und dem Eintritt ins Viertelfinale haben am Wochenende bis zu 1000 Marokko-Fans in der Bonner Innenstadt gefeiert. Im Vergleich zu den Straßen in Marrakesch war das aber nichts: Der Neffe des Bonners Wafi hat ihm per Whatsapp Eindrücke aus der Heimat, der Altstadt der Metropole, geschickt. „Die Straßen waren voller Menschen, man konnte keinen Schritt vor, keinen Schritt zurück“, sagt der 55-Jährige, der seit 1988 in Bonn lebt.

„Unser Image ist plötzlich ein ganz anderes“

„Ganz Marokko hat Fußball geguckt, auch die, die sich nie dafür interessiert haben - einfach alle“, sagt Mehdi Rassifi, der vor 30 Jahren aus der marokkanischen Stadt Rabat nach Bonn gekommen ist. An seinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt kamen unzählige Kunden und gratulierten ihm und seiner Mannschaft. „Viele Deutsche sind gekommen und haben mir gesagt, dass sie für Marokko sind. Das war für mich etwas Neues“, erzählt er. „Unser Image ist plötzlich ein ganz anderes. Es ist ganz erstaunlich, was Fußball alles bewirkt.”

Auch im Bistro Le Petit Marrakesch gratulierten Kunden aus allen Nationen dem Besitzer Youssef Mrabet, der in der Altstadt Marrakeschs aufgewachsen ist und seit 1989 in Bonn lebt. „Alle unterstützen die marokkanische Mannschaft, weil sie große Sympathien für den Schwächeren haben“, sagt der 50-Jährige.

Plötzlich ist Marokko in aller Munde und in den Medien präsent. Eine bessere Werbung für das Land gebe es gar nicht, sagt Mokhtar Bennoune, der aus dem Norden Marokkos stammt: „Auf der ganzen Welt schauen sich die Menschen die letzten Spiele der WM an und, wenn sie nun Marokko antreten sehen, werden sie sich vielleicht auch anschauen, wo das Land liegt, was es zu bieten hat und mehr darüber erfahren wollen.” Er ist stolz, dass die Mannschaft seiner Heimat so Großes geleistet hat – nicht nur sportlich. Die ganze Welt sehe, wie die Spieler am Ende jedes Sieges vor den Kameras aus Dankbarkeit zu ihren Müttern im Publikum gehen und ihnen den Kopf küssen oder auch mit ihnen auf dem Spielfeld tanzen. „Die ganze Weltbühne sieht, welche Stellung die Frau in der marokkanischen Gesellschaft hat“, sagt Bennoune.

Auch andere afrikanische und arabische Länder freuen sich mit den Marokkanern, dass sie es als erste Mannschaft des Kontinents und Sprachraums in ein WM-Halbfinale geschafft hat. „Hätte Portugal gewonnen, so hätten sich die Portugiesen gefreut. Aber der Sieg von Marokko hat so vielen Menschen und Nationen große Freude gebracht – ist das nicht schön?”, fragt Mehdi Rassifi. Daran geglaubt, dass es soweit kommen könnte, hätte am Anfang der WM keiner der befragten Bonner Marokkaner. Beim bevorstehenden Spiel gegen Frankreich hegen sie zwar große Hoffnungen und glauben an ihre Mannschaft, doch egal, wie das Spiel ausgeht, da sind sie sich einig: Marokko habe schon jetzt gewonnen – ein geschichtliches Ereignis und eine kollektive große Freude, die verbindet und stolz macht.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort
Strategische Fehler
So gesehen Strategische Fehler