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Medizinische Ausrüstung: Ärzte in den Bonner Kliniken schlagen Alarm

Kurz vor dem Kollaps : Bonner Klinikärzte sehen sich für Coronavirus-Epidemie nicht gerüstet

Bonner Ärzte kritisieren den Umgang mit dem Coronavirus und schlagen Alarm wegen mangelnder Ausrüstung. Es soll bereits Diebstähle von Desinfektionsmitteln und Schutzmasken in den Krankenhäusern geben.

Desinfektionsmittel und medizinische Schutzkleidung sind knapp. So knapp, dass die Bonner Krankenhäuser die Situation als dramatisch beschreiben. Aber die Kritik von Ärzten geht noch weiter: Sie sehen sich für eine Epidemie nicht gerüstet. „Wir müssen froh sein, dass die Krankheitsverläufe überwiegend milde sind. Was wir gerade erleben ist ein Schuss vor den Bug, und ich habe Sorge, dass wir die Chance nicht nutzen, um daraus für die Zukunft zu lernen“, sagt Tim Flasbeck, der Chef der Notfallmedizin im Bonner Malteser Krankenhaus ist und schon in vielen Krisenregionen der Welt gearbeitet hat.

In blauem OP-Kittel sitzt Flasbeck vor der Kamera. Hinter ihm eine weiße Wand, neben ihm Kollege Jens Müllen aus Köln. „Wir möchten sie informieren, weil wir einen Trend sehen, den wir für nicht gut halten“, sagt Flasbeck mit ruhiger, tiefer Stimme. Die Stimmung liege „zwischen überzogener Gelassenheit und einer latenten bis manifesten Panik“. Knapp drei Minuten sprechen die beiden über das neue Coronavirus und wie man damit umgehen sollte. Innerhalb weniger Stunden wurde der Beitrag mehr als 20.000 Mal auf der Internetseite der Malteser abgerufen. 

„Die Reaktionen auf das Video haben uns gezeigt, dass es einen großen Bedarf an validen Informationen gibt und wir sehen auch, dass eine nüchterne Darstellung der bekannten Inhalte durchaus beruhigend auf die Menschen wirkt“, erzählt Flasbeck. Er vermisst eine koordinierte, bundesweite Aufklärung, es kursierten zu viele reißerische Formulierungen, vor allem im Internet. Um das Virus aufzuhalten sei es seiner Meinung nach zu spät. „Wir müssen die Epidemie akzeptieren, wie bei jeder saisonalen Grippe, dann bleiben wir auch handlungsfähig.“

Welche kuriosen Blüten Verunsicherung treiben kann, sieht man auf dem freien Markt: Desinfektionsmittel zum sechsfachen Preis. Eine Bonner Apotheke wirbt damit, sogenannte FFP-3 Schutzmasken für 34,95 Euro anzubieten, die sonst etwa fünf Euro kosten. Dazu gefragt, ob das nicht Wucher sei, antwortet die Apothekerin gestresst, die Kunden stehen Schlange. „Hier brennt die Hütte. Wir bekommen selber nichts mehr. Das sind fast die Preise, die wir im Einkauf zahlen müssen.“ Desinfektionsmittel seien nicht mehr lieferbar. „Ich habe gerade selber genug, um  meine Mitarbeiter zu schützen.“

Personal schließt wichtige Ausrüstung weg

Diese Einschätzung bestätigen auch Bonner Ärzte. Sie wollen aus Angst vor Repressalien anonym bleiben. „Wir pfeifen auf dem letzten Loch. Wenn wir jetzt einen großen Anfall von Infizierten haben, wissen wir nicht, wie wir damit umgehen sollen“, sagt ein Mediziner. Was derzeit in den Krankenhäusern und auch in Praxen passiere, sei „dramatisch“. Man müsse haushalten. „Wir schließen Material weg und geben es nur noch gegen Unterschrift heraus.“ Nicht nur Besucher, sondern auch Mitarbeiter in Krankenhäusern würden Desinfektionsmittel aus den Spendern und Mundschutze stehlen.

Die Lage sei seitens der Behörden „völlig unterschätzt“ worden, man hätte sich viel besser darauf vorbereiten können. So wurde in vielen Hospitälern bereits Ende Januar darüber gesprochen, dass Waren knapp werden könnten. „Es wäre auch nicht das erste Mal gewesen“, sagt ein Arzt. Vor ein paar Jahren, als in China eine große Pharmafabrik abbrannte, wurde ein Antibiotikum knapp. Diese Abhängigkeit vom chinesischen Markt zeige sich auch jetzt wieder. In der vom Coronavirus stark betroffenen Region Wuhan wird Schutzkleidung für die ganze Welt hergestellt.

Statt die Bevölkerung von vornherein mit der Gefahr und der erwarteten großen Ausbreitung zu konfrontieren, „wurde ausgegeben, dass man keine Hysterie verbreiten darf.“ Bilder wie in China, wo ganze Städte unter Quarantäne stehen, sollten vermieden werden, auch aus wirtschaftlichen Gründen. „Daran wurde die Kommunikation angepasst. Deshalb spürt man eine Diskrepanz zwischen dem, was von Politikern gesagt wird, und dem, was passiert.“

In Bonn gibt es bislang keine Schwerpunktkliniken

Um die Krankenhäuser vor dem Coronavirus zu schützen, müsste der Publikumsverkehr aus Flasbecks Sicht besser kontrolliert werden. Im Malteser Krankenhaus gibt es deshalb das Nadelöhrprinzip, bei dem die Zugänge verringert werden und die Besucher unter anderem nach grippeähnlichen Symptomen befragt werden. „Im Zweifelsfall wird man dann gebeten, einen Arzt aufzusuchen“, erklärt Flasbeck.

Für die Untersuchung von Coronavirus-Verdachtsfällen gibt es in Köln und Berlin bereits Schwerpunktkrankenhäuser, in Bonn bislang nicht. „Die Stadt stellt derzeit Überlegungen mit der Uniklinik Bonn an, ob ein Zentrum eingerichtet werden sollte und wenn ja, wo“, sagt Stadtsprecherin Monika Hörig. Zu Liegenschaften könne man bislang nichts sagen. Nach GA-Informationen soll aber unter anderem die ehemalige Kinderklinik an der Adenauerallee im Gespräch sein.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, dass die Stadt Bonn mit der Lage überfordert sei, antwortet Hörig: „Kein Gesundheitsamt kann sich personell auf eine Epidemie vorbereiten und Personal vorhalten. Alle verfügbaren Kräfte des Gesundheitsamtes sind im Einsatz, auch über ihren eigentlichen Zuständigkeitsbereich hinaus.“ Bislang seien keine Bonner Ärzte mit den harschen Kritikpunkten auf die Stadt und den Krisenstab zugekommen.