Traditionsunternehmen in Bonn Mit der Klais-Orgel zieht Musik in die Elbphilharmonie ein

Bonn · Der Bonner Orgelbauer Klais stemmt in seiner Werkstatt von anno 1882 an der Kölnstraße nationale Großprojekte. Auch im neuen Hamburger Konzerthaus erklingt demnächst ein Instrument aus Bonn.

Handwerksbetrieb und Weltkonzern, wie geht das zusammen? Familienunternehmen in vierter Generation und High-Tech-Schmiede, das passt schon eher. Was aber, wenn alle diese Merkmale unter einem Dach zusammenkommen? Dann lohnt es, einmal die Johannes Klais Orgelbau GmbH & Co. KG an der Kölnstraße 148 zu besuchen.

Auch wenn die mehrfarbige Backsteinfassade im Bonner Norden entfernt an gotische Kirchen erinnert, führt der Weg in die Firma durch eine schmucklose Einfahrt. Und im Innenhof treffen erneut Welten aufeinander. Der Blick fällt durch blau gerahmte Kassetten-Fenster in die Holz-Werkstatt, die ohne jeden Umbau als Kulisse für Meister Eder und seinen Pumuckl dienen könnte.

Champions League

An der gegenüberliegenden Wand zeigen großformatige Zeitungsausschnitte aus dem In- und Ausland, dass die hier tätigen Orgelbauer schon lange Zeit in der Champions League spielen. In der Bundesliga sowieso. Nicht ohne Ironie die Inszenierung auf der anderen Hofseite: „Pfeifen-Werkstatt“ steht an der Fassade über der Tür. Und darunter zieren die Porträts der 65 Mitarbeiter der Orgelbaufirma die Fenster. Ein Familienbetrieb. Unübersehbar.

Philipp Klais führt das Unternehmen in der vierten Generation. Aufgewachsen ist er in der Werkstatt und im angrenzenden Wohnhaus der Familie. Ein Lokalpatriot, der seine Heimat liebt und stolz auf sie ist. „Toll, wenn sich die Leute damit identifizieren können, wo sie herkommen“, freut sich Klais darüber, wenn ihm Menschen erzählen, wo sie überall Klais-Instrumenten begegnet sind. „Ich freue mich auch immer, dass es überall Haribo gibt“, erzählt der dunkelhaarige 49-Jährige lachend. Dabei muss sich der Orgelbauer keineswegs hinter dem Welterfolg der Gummibärchen verstecken.

Auch Klais operiert weltweit. Wenn auch in deutlich geringeren Stückzahlen. Vier Orgeln plant und baut die Firma an der Kölnstraße pro Jahr. „In Teamarbeit“, wie Philipp Klais betont. Die Klais-Orgeln erklingen in Bonn und Buenos Aires, in Köln und in Caracas, in Kyoto und Kuala Lumpur. Und wer jemals im sibirischen Khanty-Mansiysk die Ugra Classic Concert Hall besucht, stößt auch dort auf ein Stück Bonn in Gestalt einer Klais-Orgel.

Doch wer das aktuellste Instrument aus der Manufaktur kennenlernen will, muss so weit gar nicht reisen: Wenn Anfang 2017 die skandalumwitterte Hamburger Elbphilharmonie endlich ihre Türen öffnet, dann ist dort das harmonische Zusammenspiel von 4765 Pfeifen aus der Werkstatt an der Kölnstraße zu hören.

Bernd Reinartz hört die Flöhe husten. Nein, er hört die Orgel kratzen, kotzen oder spucken, wie es im Fachjargon ganz unfein heißt. Der Intonateur ist dafür zuständig, jede der 4765 Pfeifen der zwei Millionen Euro teuren Orgel in der Elbphilharmonie zu stimmen - von der kürzesten mit einer klingenden Länge von nur elf Millimetern, deren Ton mit 15.600 Hertz nah an der oberen Hörgrenze liegt, bis hin zur längsten Pfeife aus Holz, die mehr als zehn Meter misst und mit ihren 16 Hertz dumpf im Bauch kribbelt.

„Wir arbeiten mit den Ohren“, sagt der Aachener Reinartz über die unsichtbare Seite seines Jobs, während er eine der 4385 Orgelpfeifen aus Zinnlegierung an die Lippen setzt. Die anderen 380 sind aus Holz. An der ins Metall geschnittenen Öffnung befindet sich die Stimmrolle, eine Intonierhilfe, die an das behutsam aufrollende Öffnen einer Sardinenbüchse erinnert. 25 Tonnen wiegen die Einzelteile des Blasinstruments mit externer Luftzufuhr; nichts anderes ist eine Orgel, verteilt auf vier Teilwerke und 69 Register. Zwei davon schweben in einem begehbaren Reflektor unter der Decke der Elbphilharmonie.

Bloß kein Handschweiß, der ins Material ziehen könnte

„Wir machen die Arbeit, die jeder Dirigent vor der Aufführung macht“, sagt Reinartz über das Stimmen der Orgel. Anders als beim Orchester, das seine Intonation vor jedem Auftritt aufs Neue überprüft, haben die Orgelbauer nur einmal die Gelegenheit. Da muss jeder Ton sitzen, der Klang auf jedem der 2100 Sitzplätze ankommen, auf denen sich während des Stimmens Wolldecken und Planen stapeln, um den Saal der Elbphilharmonie nicht zu leer klingen zu lassen. Obwohl Bernd Reinartz und Philipp Klais mutterseelenallein auf der Großbaustelle sind, und das in der heißen Schlussphase. Ein Privileg der Orgelbauer, das sie sich ausgebeten haben. Ein halbes Jahr lang, Tag für Tag von 14 bis 24 Uhr.

Es muss nicht nur absolut staubfrei sein. Der Klang der Orgel soll in der Ruhe der Nacht wirken und gegen die Lärmkulisse des Tages bestehen. „Ich weiß, dass Instrumente, die nur nachts intoniert werden, extrem delikat sind, was fast schon an Langeweile grenzt. Tagsüber bekommen sie Leben“, sagt Klais. Im Zusammenspiel helfen auch andere Musiker und ein Chor bei der Suche nach dem perfekten Ton. Aber was genau ist das?

„Eine Orgel bewegt die Menschen dann, wenn sie ihre Sprache spricht. Das ist die eigentliche Herausforderung“, findet Philipp Klais und hat diesen Gedanken auf der Internetseite der Elbphilharmonie festgehalten. Das bedeutet, dass eine Orgel anders klingen muss, je nachdem, wo sie auf der Welt steht. Anders konzipiert werden will, je nachdem wie ihr kulturelles und geografisches Umfeld geprägt ist. Für Klais geht es um die architektonische Gestalt, die Disposition und Intonation – und natürlich immer auch um die Musik, die auf dem Instrument gespielt werden soll.

Ein Abstimmungsthema zwischen Auftraggeber und Instrumentenbauer mit wegweisendem Charakter: Die viermanualige Orgel in Hamburg richten die Orgelbauer vor allem auf die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts und zeitgenössische Orgel-literatur aus. „Dann wird eine Orgel unverwechselbar und kann das Innerste der Menschen erreichen, für die wir sie gebaut haben“, ist Klais überzeugt. Dann spricht sie deren Sprache, vielleicht mit einem kleinen rheinischen Akzent ...

Doch das ist nicht die einzige konzeptionelle Überlegung, die dem Orgelbauer und seinem Team durch den Kopf geistert, seitdem sie vor acht Jahren die Ausschreibung für die vom Hamburger Kaufmann Peter Möhrle, dem früheren Betreiber der Max-Bahr-Baumärkte, gestiftete Orgel gewonnen haben. Im Saal gibt es kein klassisches Vorne und Hinten, was akustisch eine große Herausforderung war. Die Orgel sollte überall präsent sein, ohne die Zuhörer zu erschlagen.

Die spektakulären Entwürfe des Basler Architekturbüros Herzog und de Meuron – basierend auf der Idee der Erbphilharmonie, Musik für alle zugänglich und nahbar zu machen – bedingte auch das Konzept der Orgel. „Da kann die Orgel nicht über allem thronen“, findet Klais. Und folgerichtig sind die Pfeifen nicht weit entfernt vom Publikum angebracht, sondern hängen zum Anfassen neben und hinter den Terrassen der Zuschauerränge.

Ein folgenschwere Entscheidung, wie jeder ahnt, der den Orgelbauer Stefan Rau bei seiner Arbeit in der Metallwerkstatt an der Kölnstraße beobachtet, Rau, seit 2007 Orgelbauer, trägt blaue Gummihandschuhe, wenn er mit den Pfeifen hantiert. „Das ist ganz wichtig, weil der Handschweiß sonst in das Material eindringt“, erzählt er. Denn sie ist ganz schön empfindlich, diese Legierung aus Zinn und Blei, die seine Kollegen in der Gießerei im Keller der Orgelwerkstatt zusammenfügen. „Einerseits ist das ein optisches Problem. Es sieht einfach nicht schön aus“, sagt Rau und zeigt auf die Fingerabdrücke auf der glänzenden Metallflöte. Aber schlimmer noch: Das Hautfett verändert den Ton der Orgelpfeife.

Damit wäre die Arbeit von Intonateur Reinartz in der Elbphilharmonie vergebene Liebesmüh, die Orgelpfeifen an der Empore nicht nur der Albtraum jeder Putzkolonne, sondern auch jedes Organisten. Aber so leicht geben die Bonner Orgelbauer nicht auf. Eigens für die Elbphilharmonie fanden sie eine Beschichtung, damit die Berührungen der Musikliebhaber der sensiblen Legierung nichts anhaben können.

Neben dieser Art von Erfindergeist wohnt dem Backsteingebäude an der Kölnstraße auch eine für mittelständische Handwerksbetriebe eher ungewöhnliche Art der Finanzakrobatik inne. In einem kleinen Büro im oberen Stock des verwinkelten Baus jonglieren Finanzchefin Annemarie Tosello und ihre Kollegin mit Währungen aus aller Herren Länder. Es geht ums Geld, aber auch um Produkthaftung und fremde Rechtssysteme. „Das kann mitunter recht spannend werden“, schmunzelt Tosello, die ihre Ausbildung bei einer Bank gemacht hat und danach in Familienunternehmen tätig war. Bei Klais wacht sie seit 2001 über die Bücher, weil „die Arbeit interessanter ist als da, wo nur regional gearbeitet wird“.

Es will eben manches bedacht werden, wenn eine über Jahre zu planende Orgel zu einem Preis X in der Währung Y beauftragt wird. Wie schwankt der Wechselkurs bis dahin? Ist der Auftrag damit womöglich nur noch die Hälfte wert? Oder ist die Währung womöglich gar nicht frei konvertierbar? Devisentermingeschäfte und andere Instrumente, derer sich sonst eher große Konzerne bedienen, sind für Tosello keine Fremdwörter. Und dennoch hat sie neben der Finanzbuchhaltung und den Jahresabschlüssen auch das Personal im Blick.

„An uns kommt keiner vorbei“, lassen die beiden Damen wissen. Und blicken dabei auf eine Unternehmensbilanz, die sich sehen lassen kann. Vier Orgeln pro Jahr, ein stabiler Umsatz von rund 6,5 Millionen Euro und eine Exportquote von 40 bis 50 Prozent.

Jenseits von harten Zahlen kann das Unternehmen auch mit jeder Menge Orgelbauer-Latein aufwarten. So liegt eine komplette Orgel im Hafen von Hongkong auf Grund. Auf dem Seeweg nach Japan passierte beim Umladen das Malheur. „Das war vor meiner Zeit, irgendwann in den 80er Jahren“, erinnert sich Philipp Klais schmunzelnd. Nicht umsonst ist er schließlich mit dem Holzstaub der Werkstatt und den passenden Geschichten groß geworden. Die Orgel für Japan? Unrettbar verloren. Wieder aufgetaucht ist dagegen ein Container mit Instrumententeilen für Caracas, verschütt gegangen auf dem Transport. „Aber es hat Wochen gedauert“, stöhnt Klais noch heute, wenn er davon erzählt. „Gefühlt waren es Jahre.“

Wer weiß, welche Sorgfalt Klais schon bei den Materialien an den Tag legt, kann verstehen, wie groß die Fürsorge bis zum fertigen Produkt ist: Allein das Holz. Im Hinterhof lagern bis zu 400 Stämme. Das Eichenholz kommt aus Süddeutschland, die Fichtenstämme sind in Höhenlagen zwischen 800 und 1200 Metern gewachsen. Klais legt Wert darauf, nur gewässerte Hölzer zu verwenden, wie sie früher beim Flößen der Stämme automatisch entstanden sind. So wird zum Beispiel bei der Eiche überschüssige Gerbsäure ausgespült.

In der Werkstatt vollbringen Mitarbeiter wie Andreas Kiedels echte Puzzlearbeit, wenn es darum geht, rund 500 Einzelteile anhand einer Zeichnung zu einem Wellenbrett zusammenzusetzen, das den Spieltisch mit den Windladen der Orgel verbindet. Die Bonner sind seit 135 Jahren innovativ, auch was die Weiterentwicklung des Handwerks angeht. „Das meiste, was hier liegt, sind selbstgemachte Werkzeuge“, erklärt Kiedels.

Die Berechnung von Windmengen und Pfeifengrößen

Auch die Konstrukteure wie Klaus Flügel könnten die Orgel noch ganz klassisch am Reißbrett planen. Allerdings sitzt er meistens vor dem CAD-System, berechnet Windmengen und Pfeifengrößen. Die praktische Arbeit am Instrument fehlt ihm. „Man fühlt sich zu Hause in dem Gebäude, das man da konstruiert hat“, sagt Flügel. Alle sechs bis acht Wochen stattet er „seiner“ Orgel deshalb, wenn möglich, auch beim Aufbau einen Besuch ab. Die Identifikation ist auch deshalb so groß, weil zu jeder Orgel ein festes Team gehört.

Bescheidenheit, Emotion und Heimatverbundenheit – das sind Dinge, die Philipp Klais ausmachen. Allerdings können diese Eigenschaften des Mannes, der übrigens genauso wie seine Vorfahren darauf verzichtet, öffentlich Orgel zu spielen, in Widerstreit geraten. Zum Beispiel beim Scheitern der Bonner Festspielhauspläne: „In so einem Moment fragt man sich schon, ob man in der richtigen Stadt lebt.“ Doch die Zweifel wischt er meist schnell bei Seite: „Dann sehe ich das als Motivation, an der Zukunft dieser Stadt mitzuarbeiten.“ Und dass diese Zukunft mit Beethoven zu tun hat und mit Musik, daran herrscht für den Orgelbauer und sein Team kein Zweifel.