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Prozessauftakt in Bonn: Mutmaßlicher Täter kann sich an 106 Messerstiche nicht erinnern

Prozessauftakt in Bonn : Mutmaßlicher Täter kann sich an 106 Messerstiche nicht erinnern

Vor dem Bonner Landgericht muss sich ein Elektriker verantworten, weil er in Beuel einen Mitbewohner mit mehr als 100 Messerstichen getötet haben soll. Doch daran kann er sich nicht erinnern.

„Statt eines Taxis kam dann die Polizei.“ Trocken und sachlich beschrieb der Angeklagte am Donnerstag seine Erinnerung an den Tattag. Dem 40-Jährigen wird zur Last gelegt, einen vorübergehenden Mitbewohner am 24. März mit 106 Messerstichen umgebracht zu haben. Daran, so gab der Elektriker zum Prozessauftakt an, habe er aber keine Erinnerung. Er wisse lediglich, dass er am Morgen noch mit seinem 32-jährigen Gast, dem er einige Wochen zuvor Unterschlupf in seiner Wohnung gewährt hatte, alkoholische Getränke eingekauft habe.

Das nächste, woran er sich erinnern könne, sei, dass er in einem Zelt am Beueler Rheinufer aufgewacht sei – nur mit seinen Boxershorts bekleidet. Da dessen Eigentümer, wohl ein Obdachloser, kein Handy besessen habe, sei er hoch auf die Nordbrücke gegangen, wo er die Arbeiter einer Nachtbaustelle gebeten habe, ihm ein Taxi zu rufen.

Die Bluttat hatte sich am Nachmittag in einem Mehrfamilienhaus an der Vilicher Schevastesstraße ereignet. Außer den durch Schreie und Poltern alarmierten Anwohnern gelang es dem Opfer noch selbst, den Notruf zu wählen. Dennoch starb der Mann noch am Tatort. Der Gast wohnte erst seit ein paar Wochen in der Wohnung des Angeklagten. Man kenne sich aus Großbritannien, wo beide eine Zeitlang gearbeitet hätten. Man sei aber nicht befreundet; auch eine homosexuelle Beziehung verneinte der Angeklagte auf Nachfrage. Vielmehr habe ihn sein Bekannter aus Hamburg angerufen und um Unterstützung bei der Jobsuche gebeten.

Die zog sich offenbar länger hin, als vom Gastgeber gewünscht. Eine Rolle dürfte dabei auch der Drogenkonsum der beiden Männer gespielt haben: Der Angeklagte ist wohl seit frühester Jugend alkoholabhängig, sein Bekannter soll Cannabis und Kokain konsumiert haben. Gestritten habe man sich aber nicht, so der Angeklagte: „Er wollte aber in der Wohnung Sachen machen, mit denen ich nicht einverstanden war“, gab er vor Gericht an. Dazu habe der Plan gehört, Hanfpflanzen aus Samen zu ziehen.

Der mutmaßliche Täter hat regelmäßig epileptische Anfälle

Durch seine Alkoholabhängigkeit erleidet der mutmaßliche Täter offenbar seit Längerem epileptische Anfälle. Ob ein solcher möglicherweise der Tat vorausgegangen war, muss nun im Verfahren geklärt werden. Die einem solchen Anfall nachfolgende Verwirrtheit kann bei Betroffenen durchaus extreme Reaktionen hervorrufen. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er glaube die Tat begangen zu haben, antwortete der Angeklagte, dass er sich diese Frage auch ständig stelle. „Ich dachte, jemand macht Witze mit mir“, habe er gedacht, als man ihm nach seiner Verhaftung von der Messerattacke erzählt habe.